Lorin Maazel ist vom Stadtrat einstimmig zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker gewählt worden. Das ist kein Neuanfang, sondern in Bronze gegossenes Denkmaldenken.
Im vergangenen Jahr war er einmal in München. Damals, im März, dirigierte Lorin Maazel keines der Münchner Orchester, sondern brachte das Orquesta de la Comunitat Valenciana mit, das in Valencia unter der Leitung von Maazel und Zubin Mehta den Traum eines anspruchsvoll geführten Opernhauses Realität werden lässt. Bei diesem Konzert konnte man zum einen erleben, dass Maazel seinen Ruf als großer Orchestererzieher nicht zu Unrecht genießt - das erst 2006 gegründete spanische Orchester klang erstaunlich homogen und souverän schön.
81 Stimmen für Lorin Maazel: Der Stardirigent kommt nach München. (© Foto: dpa)
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Zum anderen konnte man die zwei Seiten des Künstlers Maazel quasi in verdichteter Form erleben: Vor der Pause Tschaikowsky und Mussorgski, seziert bis zum Überdruss, analysiert, nicht musiziert. Nach der Pause: Ravels "La Valse" als delirierenden Totentanz, beklemmend und bizarr, unfassbar großartig.
Es folgte Zugabe auf Zugabe, Maazel lächelte und winkte ins weite Auditorium der Philharmonie - nur dort saß fast niemand. Dort herrschte eine Leere, die wohl umfassend gewesen wäre, hätten nicht ein paar Exilspanier "ihr" Orchester hören wollen. Maazel, der geliebte Pultstar, ein Publikumsmagnet? Nun ja.
Nun folgt Maazel also, vom Stadtrat einstimmig mit 81 Stimmen gewählt, Christian Thielemann in der Leitung der Münchner Philharmoniker nach. Vorgänger und das Orchester sind gerade auf Japan-Tournee, und Thielemann lässt von dort verlauten: ,,Ich bin entzückt. Ich freue mich, dass sich das Orchester freut. Wichtig ist, dass das Orchester eine Perspektive hat, ich hatte mit Dresden ja schon vorher ein.'' Orchestervorstand Stephan Haak ist nicht minder erleichtert: ,,Wir sind glücklich, dass es so schnell gegangen ist.'' Von den Vertragsbedingungen weiß übrigens niemand von den in Japan Weilenden etwas.
Viel Freude also, und trotzdem kann nur hoffen, dass in Zukunft ein paar Münchner mehr Maazels Konzerte besuchen. Vielleicht ist es ungerecht, den lokalen Marktwert des Dirigenten an einem Gastspiel mit einem hier unbekannten Orchester zu bewerten.
Doch trauerten ihm wirklich alle Münchner Musikliebhaber nach, seit er 2002 das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks verließ, vorgeblich, um sich dem Komponieren zu widmen, in Wahrheit aber, um das New York Philharmonic Orchestra zu übernehmen?
In den zehn Jahren, in denen er das BR-Orchester leitete, galt eine Regel: Von zehn Konzerten sind acht eisige Routine, zwei unfassbar großartig. In Interviews konnte Maazel wunderbar von der Demut des Musikers gegenüber den großen Werken sprechen, in der Praxis waren die meisten Werke anscheinend nicht groß genug für ihn.
Auf der anderen Seite schuf das ewige Wunderkind, dieser unglaublich begabte Musiker, grandiose Zyklen - mit Mahler verabschiedete er sich aus München, natürlich mit allen Symphonien, und Joachim Kaiser schrieb damals: ,,Das Münchner Gasteig-Publikum aber, von solchen Eindrücken beseligt und betäubt, dürfte gefühlt haben, was München verliert, wenn Maazel geht.'' Irgendwie denkt man da an ähnliche Sätze, die im vergangenen Jahr geschrieben wurden - über Thielemann.
Also: Unbestritten ist, dass Lorin Maazel den Münchnern einige großartige Musikerlebnisse bescherte. Unbestritten ist auch, dass diese sehr teuer waren. Im November 2000 rügte der Oberste Rechnungshof den Bayerischen Rundfunk, weil sich "das Honorar des Chefdirigenten in fünf Jahren von einem an der Grenze des Vertretbaren liegenden Stand um über 50 Prozent je Konzert" erhöht habe.
Maazel gilt als der teuerste Dirigent der Branche. Entweder hat die Stadt München ungeahnte Geldquellen entdeckt oder Maazel macht's billiger oder er dirigiert einfach nicht viel. Bei Dienstantritt ist Maazel 80. Das ist kein Neuanfang, das ist in Bronze gegossenes Denkmaldenken. Oberbürgermeister Christian Ude mag darin sein Bedürfnis nach Repräsentation befriedigt sehen, künstlerisch ist dabei keine Zukunft auszumachen.
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(ddp-bay/sonn)
Partyzone Flußufer
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Je länger es her ist, dass Maazel das Symphonieorchester des BR dirigiert hat, desto mehr vermisse ich ihn. Gewiss, Maazel hatte seine Höhen und Tiefen. Aber gerade diese Genialität braucht eine Musikstadt wie München: Die 20% "unfassbar großartigen" Konzerte rechtfertigen allemal die anderen, weniger inspirierten Abende - wobei meines Erachtens das Verhältnis zugunsten der großartigen verschoben werden muss. Aber gerade momentan sehen wir ja an Maazels Nachfolger, Mariss Jansons, was München fehlt. Er gerät eigentlich hauptsächlich wegen seines penetranten Rufs nach einem neuen Konzertsaal in die Schlagzeilen, weniger wegen der doch recht bieder-musikantischen, lediglich auf musikalischen Oberflächenglanz weichgespülten Aufführungen - wenngleich Herr Tholl nicht müde wird, diese im Stile eiens Hofberichterstatters ständig als musikalische Sternstunden zu preisen. (Auch Jansons Konzerte sind übrigens nicht ständig ausverkauft; in der Abendzeeitung warb er in einem Interview für die Jubiläumskonzerte mit Schoenbergs Gurre-Liedern; man sei doch schließlich nicht in Afrika!) Und für die Münchner Philharmoniker ist es gut, wenn sie sich die nötige (Interims-)Zeit für die Wahl nach einem langfristigen Nachfolger lassen können, damit nicht das gleiche Malheur passiert wie seinerzeit mit James Levine, der nach einem einzigen sehr mäßigen Gastauftritt übereilt verpflichtet worden war.
Der Mann ist ja erst 80 Jahre alt. Wenn der in München anfängt ist er 82.
Vielleicht könnte man parallel Johannes Heesters als ersten Tenor engagieren. Der wäre beim Start dann 108.
Und 50-jährige Ingenieure finden keinen Job mehr.
Mit künstlerischer Zukunft hat diese Entscheidung überhaupt nichts zu tun.
Aber aus Stadtratssicht leider doch richtig, denn:
Der Gasteig eignet sich akustisch nicht für musikalische Genüsse, sondern nur zum Vorzeigen der neuen Uhr oder Freundin (männlicherseits) bzw. der neuen Schuhe, Brillanten (weiblicherseits).
Und dazu passt Maazel natürlich bestens. Zielgruppenorientierte Auswahl nennt man das.
Der Musikliebhaber? Geht längst woanders hin.