Kinder psychisch kranker Eltern Ein bisschen Alltag für Anna

Sie kümmern sich um die Mutter oder kochen für die kleine Schwester: Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, übernehmen viel zu früh Verantwortung. Die Folgen sind fatal. Ein Münchner Projekt hilft ihnen, endlich Kind zu sein.

Von Lisa Sonnabend

Die zehnjährige Anna (Name geändert) hat einen Wunsch, einen ziemlich ungewöhnlichen. Nein, sie will kein riesiges Kuscheltier, keinen Fußball, und, nein, auch kein Pony. Anna wünscht sich seit Jahren nur eines: Stabilität.

Das dunkelhaarige Mädchen rennt im Hof einer Freundin hinterher. Ihre Mutter sitzt währenddessen in einem Büro des Sozialdienstes katholischer Frauen in der Dachauer Straße 48, ein Haus weiter liegt Münchens Kindertheater. Die 28-Jährige fährt sich ein wenig zu hektisch mit der Hand durch das glatte Haar. Sie erzählt davon, wie stolz sie ist, dass ihre Tochter inzwischen manchmal eine gute Note mit nach Hause bringt, davon, wie sie neulich mit Anna auf dem Spielplatz war, und davon, wie ihr manchmal plötzlich alles zu viel wird.

Maria Meier (Name geändert) ist psychisch krank. Sie leidet unter Borderline, an Depressionen und an einer Essstörung. Derzeit sei sie stabil, sagt ihre Ärztin. Doch ihr Zustand kann kippen, von einem Tag auf den anderen. Deswegen sitzt Beate Brichta neben ihr. Die 44-Jährige macht ehrenamtlich beim Projekt "Paten für Kinder psychisch erkrankter Eltern" mit, es wird vom Sozialdienst organisiert und vom Jugendamt finanziert. Seit fast vier Jahren trifft sie sich mindestens einmal in der Woche mit Hanna - und hat es geschafft, wenigstens ein Stück Stabilität in das Leben von Maria Meier und ihrer Tochter zu bringen.

Wenn Eltern psychisch erkranken, ist meist niemand da, der auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht, sie bleiben sich weitgehend selbst überlassen. Nach Schätzungen vom Jugendamt sind in München 2500 Kinder betroffen. Die Folgen: Sie lernen nicht, Bindungen aufzubauen, sie übernehmen viel zu früh Verantwortung, kümmern sich um die Mutter oder kochen für die kleine Schwester. Manchmal bekommen sie Schuldgefühle oder werden gar selbst psychisch krank.

Auch für den Notfall ist Brichta da

In München gibt es mehrere Patenschaftsprojekte von sozialen Trägern. Beim katholischen Sozialdienst werden 32 Kinder von 26 Paten betreut. Anfragen von Müttern, vor allem Alleinerziehenden, die Hilfe benötigen, gibt es weit mehr. Deswegen werden neue Paten gesucht. Birgit Sonnenberg, die das vom Jugendamt finanzierte Projekt seit dem Start im Juni 2008 leitet, besucht Interessierte zu Hause, spricht lange mit ihnen und sucht dann nach einem passenden Patenkind, das möglichst in der Nähe wohnen sollte.

Die Paten des katholischen Sozialdienstes sind zwischen 21 und 73 Jahren alt, es sind viele Paare darunter, manche haben eigene Kinder. Ein bis zwei Mal die Woche treffen sie sich mit den Kindern, möglichst lange. "Sie sollen zu einer verlässlichen und stabilen Bezugsperson für die Kinder werden", erklärt Sonnenberg. "Die Kinder sollen bei ihnen Kind sein dürfen."

Natürlich klappt die Betreuung manchmal nicht reibungslos. Manche Mütter vergessen Termine, gelegentlich gibt es Streit. Doch Sonnenberg weiß auch von vielen positiven Geschichten zu berichten. Wenn das Kind von sich aus den Paten anruft und fragt: "Wann hast du mal wieder Zeit?" Oder wenn die Paten einen netten Brief vom Patenkind im Briefkasten finden. Und auch wenn der Kontakt dann nach ein paar Jahren weniger wird, ist das kein schlechtes Zeichen. "Denn das ist ja das Ziel", sagt Sonnenberg. "Dass die Paten eines Tages nicht mehr gebraucht werden."

Maria Meier war eine der Ersten, die sich an das Patenschaftsprojekt wandte, ihre pädagogische Betreuerin hatte ihr davon erzählt. Beate Brichta hat dann Anna nach wenigen Wochen gleich eingepackt und mit in den Urlaub im Bayerischen Wald genommen. Sie haben sich verstanden, alles ist gutgegangen. Bis auf einen Sturz, bei dem sich Anna die Lippe aufschlug. Aber nach ein paar Stunden Kühlen war auch das wieder vergessen.

Brichta hat eine Tochter, die zwei Jahre jünger als Anna ist. Die beiden spielen oft zusammen, gelegentlich backen sie Kuchen oder unternehmen mit Brichtas Lebensgefährten einen Ausflug. "Ein Showprogramm biete ich Anna nicht", sagt Brichta. Sondern Alltag - und genau den soll Anna ja auch kennenlernen.

Zurzeit ist allerdings nicht nur Anna oft bei den Brichtas, sondern auch Felicitas manchmal bei Maria Meier. Es sei ein Geben und Nehmen geworden, sagen beide. Doch dann fügt Maria Meier hinzu: "Es ist ein gutes Gefühl, dass Beate da ist." Wenn es einmal wieder zu einem Notfall kommt und sie ins Krankenhaus oder in Therapie müsse, kommt ihre Tochter nicht in eine Pflegefamilie. Die beiden Frauen haben ausgemacht, dass dann Beate Brichta sich um Anna kümmert.

Informationen zum Patenschaftsprojekt unter 089/55981236 oder www.skf-muenchen.de