Pasing "Das geht uns alle etwas an"

Ein Jugendzentrum des Kreisjugendrings München-Stadt liegt an der Alois-Wunder-Straße in Pasing. Der Namensgeber ist umstritten. Vorsitzende Stefanie Lux über den Umgang mit belasteten Adressen

Interview von Jutta Czeguhn, Pasing

"Nur ein Mitläufer?", fragt im Titel eine aktuelle Dokumentation, die sich mit Alois Wunder, dem einstigen Pasinger (Ober-)Bürgermeister, beschäftigt. Die Autoren dieses lokalhistorischen Forschungsprojekts, Bernhard Koch, Bernhard Schoßig und Bernd-Michael Schülke, liefern viele Dokumente, die die Rolle Wunders während der Zeit des Nationalsozialismus mehr als fragwürdig erscheinen lassen. Der Kreisjugendring (KJR) München-Stadt hat die Studie mitfinanziert. Für die Organisation ist die Person Wunder deshalb von heikler Relevanz, weil die Jugendfreizeitstätte des KJR, das "Aquarium", an der Alois-Wunder-Straße liegt. Stefanie Lux, Vorsitzende des KJR München-Stadt, hat auch das Geleitwort zur Studie geschrieben. Dort beantwortete sie Fragen, wie sich der KJR den kritischen Umgang mit der neuen Erkenntnislage über Alois Wunder vorstellt.

Alois Wunder (am Mikrofon mit Amtskette) bei der Einweihung des neuen Pasinger Rathauses im November 1937.

(Foto: Privat)

SZ: Angesichts der neuen Forschungslage: Gibt es Ihrer Auffassung nach nun nicht ausreichend Gründe für eine Umbenennung der Alois-Wunder-Straße?

Stefanie Lux: Aufgrund der aktuellen Erkenntnisse hat der KJR bereits im Frühjahr vergangenen Jahres die Initiative der SPD-Fraktion im BA mit einem Schreiben an den Oberbürgermeister unterstützt, die Benennung der Alois-Wunder-Straße prüfen zu lassen. Die gerade erschienene Broschüre, die detailliert den neuesten Forschungsstand explizit zu Wunders Rolle und Aktivitäten während des Nationalsozialismus zusammenfasst, bestätigt unserer Auffassung nach die Notwendigkeit. Im vergangenen Herbst startete das vom Stadtrat beschlossene Projekt, historisch belastete Straßennamen zu prüfen und Vorschläge für einen Umgang damit zu erarbeiten. Wir begrüßen diese Initiative, erwarten uns aber, dass der Prozess und die Entscheidungen für die Öffentlichkeit transparent vollzogen und die Vorschläge des Umgangs auch mit Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger entwickelt werden.

Seit 1978 ist in Pasing eine Straße nach Alois Wunder benannt.

(Foto: Privat)

Das KJR-Jugendfreizeitstätte "Aquarium" mit der Hausadresse Alois-Wunder-Straße bekommt einen Neubau, wäre das nicht ein passender Anlass beziehungsweise Zeitpunkt für eine Umbenennung der Straße?

Das wäre eine gute Idee, es liegt aber leider nicht in unserer Hand. Wir werden jedenfalls die Prüfung der Straßenbenennung aufmerksam verfolgen. Und sie wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen.

Sie kritisieren in ihrem Geleitwort, verhalten explizit, die Praxis der Stadt im Umgang mit Straßenumbenennungen und sagen, dass die Dokumentation der Geschichtswerkstatt "wesentlich zu einem pädagogisch-didaktischen Beispielkonzept der historischen und politischen Bildung mittels Straßennamen beitragen" wird. Wie könnte das aussehen?

Stefanie Lux ist seit 2014 Vorsitzende des Kreisjugendrings München-Stadt.

(Foto: A. Fuerlinger, KJR/oh)

Da stehen wir noch am Anfang der Planungen. Grundsätzlich kann die Biografie Wunders in der Jugendbildungsarbeit Gegenstand sein für eine Auseinandersetzung mit Untätigkeit, Profit und Zuarbeit im Nationalsozialismus. Schnell werden sich dann Fragen ergeben, zum Beispiel: Weshalb werden Personen mit einem Straßennamen geehrt, die die Nationalsozialisten aktiv unterstützt haben? Warum ändert man den Straßennamen nicht? Hier sind die zuständigen Ressorts der Stadt gefragt, klare und nachvollziehbare Antworten zu geben.

Können Sie konkreter werden?

Wir wollen zunächst Aktivitäten und Projekte entwickeln, die Jugendlichen Zugänge zu historischen Hintergründen von Straßennamen und auch zu solchen mit belasteten Biografien ermöglichen, eben auch am Beispiel Alois Wunder. Dies soll gemeinsam mit der Freizeitstätte Aquarium und den angrenzenden Schulen sowie möglichst mit direkter Beteiligung Jugendlicher geschehen und sowohl in außerschulischen als auch in schulischen Zusammenhängen geschehen. Wir können beispielsweise an Themen und Erfahrungen ansetzen, die Jugendliche aktuell beschäftigen, wie beispielsweise Mitlaufen und Widerstehen, Vorurteile und Feindbilder, Einbeziehen und Ausgrenzen, und darüber Bezüge zur Geschichte herstellen. Methodisch lässt sich das in vielfältiger Weise umsetzen, etwa unter Einbeziehung medialer Formen oder auch weiterführend in Planspielen und Stadtteilerkundungen, die die Biografie Wunders einbeziehen. Die Broschüre bietet umfangreich Dokumentenmaterial, mit dem hier sehr gut gearbeitet werden kann. Wir stellen uns ein Modell vor, das vielleicht auch Impulse für andere Stadtteile sein kann, sich damit auseinanderzusetzen.

Einer der Autoren der Studie über Alois Wunder, Bernd-Michael Schülke, meinte, wenn die Straße nicht umbenannt wird, könnte etwa eine ausführliche Informationstele oder Ähnliches zur Person Wunder dort aufgestellt werden. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag, der allerdings nichts am Umstand ändern würde, dass die Hausadresse des Aquarium nach jemanden benannt ist, der nun nachweislich mehr als "nur ein Mitläufer" war.

Wir teilen Herrn Schülkes Auffassung, dass die Biografie Alois Wunders keinesfalls öffentlich unkommentiert bleiben kann, wenn eine Umbenennung der Straße tatsächlich abgelehnt würde. Es ist grundsätzlich ein Diskurs um Umbenennen oder Benennen. München war ein Täterort, das ist im Blick zu behalten. Dennoch weisen wir entschieden darauf hin: Straßennamen sind ein Ausdruck höchster Würdigung von Persönlichkeiten. Wenn Persönlichkeiten, die dem nationalsozialistischem Verbrechensregime widerstanden haben, dafür verfolgt, inhaftiert, ermordet wurden, nur eine kleine Hinweistafel an ihrem Straßennamen erhalten haben, die doch sehr rudimentär auf ihre Biografie und ihr Wirken hinweist, sollten angemessene Formen der Information über (Mit-)täter entwickelt werden, die die Würdigung der Opfer nicht überlagern. Wir plädieren hier, wie schon angesprochen, für einen öffentlichen Diskurs über die Formen der Erinnerung, denn das geht uns alle etwas an, nicht nur einen Kreis von Verantwortlichen in der Stadtverwaltung.