Partyzug zum Oktoberfest "Wo ist der Dirndeeeeel?"

Früh am Morgen geht es los: Party auf der Hinfahrt, Party auf der Wiesn, Party auf der Rückfahrt.

(Foto: Martin Moser)

Der Boden klebt, die Damen tragen Penis und irgendwann steckt man in Stuttgart fest. Eine Fahrt im Sonderzug zum Oktoberfest.

Von Elisa Britzelmeier (Text) und Martin Moser (Fotos)

Die Jungs aus 482 überlegen, wie sie Dosenbier aufs Festgelände schmuggeln können. Mel weint vor Glück. Michi hat nachts Hefezopf gebacken, sie konnte vor Aufregung nicht schlafen. Den Bräutigam haben seine Kumpels um halb sechs mit Wiesnliedern aus dem Bett geholt. Und Frau Monschau hofft, dass es nochmal wird wie vor vierzig Jahren. So geht es los.

Es ist noch nicht ganz hell, als Sonderzug MSM 1111 in den Kölner Hauptbahnhof einfährt. Ein älterer Zug, dunkelrot, die ersten Fahrgäste strecken schon die Köpfe aus dem Fenster. Unten am Bahnsteig stehen Grüppchen, Frauen, Männer, einige haben Plastikbecher mit Bier in der Hand. "Lecker Mädsche" steht auf einer Handtasche. Immer wieder hohe Schuhe, jedesmal der Gedanke: wird sie noch bereuen. Eine trägt Sandalen, bei der Ankunft in München wird sie die immer noch tragen, nur dass ihre Zehen dann schwarz sein werden. Es ist der Partyzug zum Oktoberfest. 6.24 Uhr ab Essen, 6.38 Uhr Duisburg, 6.53 Uhr Düsseldorf. Party auf dem Hinweg, Party auf der Wiesn, Party auf dem Heimweg. In Köln steigen die Profis ein.

Vom Reiseleiter gibt es ein blaues Bändchen ums Handgelenk, Abfahrt aus Köln-Hauptbahnhof leicht verzögert um 7.31 Uhr, Durchsage: "Wir wünschen euch eine feucht-fröhliche Fahrt zu den Wiesen!" Dann scheppert Andreas Gabalier durch die Lautsprecher, I sing a Liad für di. Im Abteil liegt eine Plastiktüte bereit, für Müll und alles andere, was man während der Fahrt loswerden muss. Es gibt kein Entkommen, wem um 7.55 Uhr noch nicht nach Olé olé und Schalalalaa ist, der hat Pech gehabt. Andererseits: Wer damit ein Problem hat, fährt halt auch nicht Partyzug.

Olé Olé und Schalala

Eine Fahrt mit dem Oktoberfest-Partyzug bedeutet: Party auf dem Hinweg, Party auf der Wiesn, Party auf dem Rückweg. Die Reise in Bildern. mehr ...

Die ersten Schritte auf dem Gang, einer der Männer in Tischdecken-Karohemd ruft: "Wo ist der Dirndeeeeel?" Wer nicht Tracht oder wenigstens etwas Ähnliches trägt, fängt sich Kommentare ein.

Wagen 2, Abteil 3 haben Mel und ihre Mädels reserviert. Ausnahmslos Kölnerinnen, ausnahmslos im Dirndl. In ein paar Tagen wird Mel ihren Stephan heiraten, ein echtes Karnevalspaar, Nippeser Bürgerwehr, Appelsinefunke. Davor feiern sie Junggesellinnenabschied, und sie sind ausgerüstet wie wenige. Frikadellen, Schnitzel, Käse, Mettwürstchen, Berliner, Muffins mit Blaubeer und Schoko: "Wir haben alles!" ruft die Braut. Mels Dirndl ist orangekariert, passend zur Farbe ihres Karnevalskorps, dazu trägt sie einen Schleier in orange, orangefarbene Stoffblumen über der Flechtfrisur, riesige Ohrringe. Später wird sie eine Sonnenbrille in Brezenform aufsetzen.

Für alle ist es das erste Mal Oktoberfest, aber sie wissen, wie man feiert. Quer durch das Abteil haben sie eine Girlande gespannt: "Cheers, Bitches". Eine Freundin erzählt: Die Braut wünschte sich eine Feier außerhalb von Köln, dass es nach München geht, erfuhr sie erst am frühen Morgen. "Malle wäre auch geil gewesen." Aber nichts Besonderes mehr, schließlich fährt man da jedes Jahr Pfingsten hin. Deswegen Mels Glückstränen. Die Mädels trinken Colabier, was sie Drecksack nennen. Ihre Strohhalme sehen aus wie kleine Penisse.

So gut ausgerüstet wie Mel und ihre Mädels ist kaum jemand im Zug.

(Foto: Martin Moser)

Auf dem Gang erklärt unterdessen der Wodka-Mann seine Strategie. Er ist seit vier Uhr wach und in Duisburg eingestiegen. Der Wodka-Mann trägt Trachtenweste, die besitzt er auch für Karneval, am zweiten Tag geht er immer als Bayer. Es ist nicht sein erstes Mal Oktoberfest, aber sein erstes Mal Partyzug. Der Wodka-Mann trinkt ausschließlich Wodka-Energy, Erfolgsrezept, erprobt beim Fußball, bei Malle-Fahrten. Er kalkuliert die Dosierung genau. "Wenn du 24 Stunden unterwegs bist, kannste nicht nach zwei Stunden stralle sein", sagt der Wodka-Mann.

Man muss kein Münchner sein, damit sich das falsch anfühlt. Aber wer hat eigentlich entschieden, dass nur Münchner wissen, wie man die Wiesn zu erleben hat? Dass es hier ein richtig oder falsch gibt? Irgendwann hat man es überwunden, die Karnevalstrachten, die Wieseeen, den Dirndl, überhaupt jeden Gedanken an Vernunft.

8.32 Uhr, Koblenz, Hulapalu. Draußen zieht der Rhein vorbei, Burgen, Schrebergärten, Maisfeld, Atomkraftwerk. Alles egal. Vor dem Fenster könnte der Strand von El Arenal liegen, es könnte Bier- und Hendlmarken vom Himmel regnen - drinnen würde es keinen interessieren. Dieser Zug ist ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum.