Von B. Kastner

Zu wenig Mitarbeiter, zu viel Druck von Passagieren und Vorgesetzten: Nach der Panne am Flughafen beklagen Sicherheitsmitarbeiter Mängel im System.

Gabriele Schröder sagt: "Es ist kein Wunder, dass es passiert ist." Sie meint jene Panne bei der Sicherheitskontrolle, die am vergangenen Mittwoch den Münchner Flughafen lahm legte. Schröder und ihre Kollegin Marianne Merk sind Luftsicherheitsbeauftragte und arbeiten an diesen Schleusen: "Das hätte jedem von uns passieren können."

Sicherheitspanne am Münchner Flughafen, dpa

Die Sicherheitsgesellschaft kontrolliert am Flughafen München die Passagiere. Nach einer Panne beklagen Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen. (© Foto: dpa)

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Ein Passagier entwischt, obwohl sein Laptop nicht abschließend geprüft ist, was Sprengstoffalarm auslöst. Dass sich inzwischen alles als harmlos herausstellte, ändert nichts an der Diskussion um die Ursachen der Lücke. Anders als die Verantwortlichen sehen die beiden Mitarbeiterinnen nicht nur den Fehler der Kollegin. Sie benennen Mängel im System: Zu wenig Mitarbeiter, zu viel Druck von Passagieren, Fluggesellschaften und Vorgesetzten.

Nur noch wenige Einweiser

Seit vielen Jahren arbeiten Merk und Schröder (Namen geändert) bei der Sicherheitsgesellschaft am Flughafen München, kurz SGM. Der Firma mit ihren 1100 Mitarbeitern obliegt die Passagierkontrolle, sie gehört dem Freistaat. "Sicherheit ist kein Zufall", lautet deren Motto. Tatsächlich? Vor ein paar Jahren noch, erzählen die beiden SGM-Frauen, habe an jeder Schleuse ein "Einweiser" gestanden. Der sei bei einer Fremdfirma beschäftigt und erkläre den Passagieren, was sie tun müssten. Das habe für Ruhe gesorgt, auch bei langen Warteschlangen, und Druck genommen von den SGM-Kontrolleuren.

Inzwischen aber gebe es nur noch wenige Einweiser, vielleicht an jeder dritten Schleuse. Meist sei deren Job nun Aufgabe des SGM-Mitarbeiters am Durchleuchtungsgerät: Den Fluggast begrüßen, seine Bordkarte prüfen, ihn auffordern, sein Laptop in einen Korb zu legen, mitgeführte Flüssigkeiten in einen separaten Behälter, den gesamten Inhalt der Hosentaschen in den nächsten, die Laptoptasche aufs Band, und bitte noch die Jacke ausziehen und in einen Korb legen. Und das auch bei Passagieren, die weder Deutsch noch Englisch verstehen.

Dann die eigentliche Aufgabe: auf dem Monitor die Röntgenbilder prüfen, und sobald etwas Auffälliges erscheint, den Kollegen der manuellen Taschenkontrolle am benachbarten Tisch informieren. Wenn dieser gerade beschäftigt sei, sagt Schröder, und ein verdächtiges Stück aufleuchte, müsse sie ihren Monitorplatz verlassen und selbst testen, ob die Kamera wirklich funktioniere. Das verlängere den Stau - und den Druck.

Die Hektik an der Schleuse bestätigt Passagier Dieter W. Er fliege seit vielen Jahren fast jede Woche einmal von München ab und habe beruflich immer eine Kamera dabei. Diese werde auch immer mit einem Wischtuch auf Sprengstoff kontrolliert. Während er auf das Ergebnis des sogenannten Egis-Tests warte, sagt W., stehe er regelmäßig "allein und unbeaufsichtigt" mit seiner potentiell gefährlichen Kamera da. "Fast immer hätte ich auch zunächst unbemerkt gehen können." Genau so, wie der Unbekannte am Mittwoch.

Die Schuld dafür, sagt W., liege aber nicht bei den Mitarbeitern, "die Ursache des Problems liegt einige Etagen höher". Das sieht auch SGM-Frau Schröder so: "Ich habe das Gefühl, dass Passagierzahl vor Sicherheit geht." Je schneller, je weniger Mitarbeiter, desto besser. Um Aufruhr wie neulich zu verhindern, bräuchte man eine eigene Kraft, die während der Egis-Kontrolle, die in einem separaten Raum stattfindet, den potentiell riskanten Reisenden "bewache".

Ebenso monoton wie verantwortungsvoll

Der Beruf des Luftsicherheitsbeauftragten ist ebenso monoton wie verantwortungsvoll. Und selbst wenn die SGM Arbeitszeitregelungen einhalte, komme ein Tag wie dieser heraus, erzählt Merk: Dienst von vier bis zwölf Uhr; irgendwann eine halbe Stunde Pause. Mache schon mal vier Stunden Kontrolle nonstop. Taschen heben, Körper abtasten, Schuhe untersuchen, Fläschchen konfiszieren, Passagiere beschwichtigen und jene Waffe finden, die ein Test-Passagier im Schritt versteckt haben könnte. Und alles bitte recht freundlich.

Dabei werde von mehreren Seiten Druck auf sie ausgeübt. Von Passagieren, die verärgert sind, weil sie ihr Parfümfläschchen abgeben müssen oder zu spät dran sind und drängeln. Zwischendurch auch von Airline-Mitarbeitern, die von hinten, aus dem Sicherheitsbereich heraus, Reisende zur Eile mahnen. Von ihren Vorgesetzten würden sie dabei oft nicht so unterstützt, wie es nötig wäre, sagen Schröder und Merk.

Statt dessen mehr Druck. Habe es früher pro Schleuse nur eine Torsonde gegeben und dazu drei Personenkontrolleure, so gebe es heute zwei Tore pro Schleuse - und meist nur noch zwei Kontrolleure. Jeder Fehler könne schlimme Konsequenzen haben, für den Flughafen, für die Passagiere, für die Mitarbeiter. "Jeder kennt Prüfungsangst", sagt Gabriele Schröder. "Die geht normalerweise wieder vorbei. Wir aber haben sie jeden Tag. Immer die Angst zu versagen."

Angst vor der Privatisierung

Ulrich Feder von der Gewerkschaft Verdi kennt Klagen dieser Art nur zu gut: "Die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert durch den Mangel an Personal." Während die SGM-Geschäftsführung schweigt, verspricht Heinrich Schuster, Sprecher der Regierung von Oberbayern: Man nehme den Vorfall zum Anlass, die gesamte Passagierkontrolle zu überprüfen, auch die Personalstärke.

Betriebsratschef Burkhard Jurzig erklärt diplomatisch: "Selbstverständlich" thematisiere der Betriebsrat die Belastung der Mitarbeiter. Eines aber ist ihm wichtig: "Die Geschäftsleitung lässt die Mitarbeiter nicht im Stich." Ja, sagt Jurzig, es gebe "im Einzelfall Dinge, die nicht okay" seien, das Konzept aber sei gut. Dass eine staatliche Firma kontrolliere, denn die verfolge nur ein Ziel: die Sicherheit.

Dahinter steckt die Angst im Erdinger Moos, dass die SGM-Aufgabe privatisiert werden könnte, wie bereits an den meisten deutschen Flughäfen. Private aber hätten nicht nur die Sicherheit als Ziel, sondern auch "Gewinnmaximierung", sagt Jurzig. Anders formuliert: Es könnte alles noch kritischer werden mit der Sicherheit.

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(SZ vom 25.01.2010/afis)