Organspende-Skandal Klinikum rechts der Isar organisiert Transplantationsmedizin neu

Der Aufsichtsrat des Klinikums rechts der Isar zieht Konsequenzen aus den Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderorganen: Das Münchner Uni-Krankenhaus soll ein selbstständiges Zentrum für Transplantationsmedizin bekommen.

Von Christina Berndt

Der Aufsichtsrat des Klinikums rechts der Isar hat Konsequenzen aus den jüngsten Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderorganen gezogen.

(Foto: dpa)

Der Aufsichtsrat des Klinikums rechts der Isar hat Konsequenzen aus den Manipulationsvorwürfen gegen Ärzte des TU-Klinikums im Zusammenhang mit Lebertransplantationen gezogen. Mit sofortiger Wirkung werde das Transplantationszentrum des Klinikums aus seinen bisherigen Strukturen herausgelöst und verselbstständigt, meldete der bayrische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) als Vorsitzender des Aufsichtsrats am Samstagabend.

Auch würden alle fünf bayerischen Transplantationszentren in den kommenden Monaten noch einmal von einer externen Kommission unter Federführung des Wiener Transplantationsmediziners Ferdinand Mühlbacher überprüft.

In einer sechsstündigen Sitzung im Wissenschaftsministerium hatten die Aufsichtsratsmitglieder zuvor zahlreiche Ärzte des Klinikums rechts der Isar zu den Vorwürfen rund um das Transplantationsprogramm befragt. Aus dem, was sie hörten, schlossen sie offenbar, dass eine neue Verantwortlichkeit für die Transplantationsmedizin her muss. "Es soll zeitnah eine Leitung berufen werden", teilte das Wissenschaftsministerium mit. "Erste Gespräche mit einer externen Persönlichkeit wurden bereist aufgenommen."

Abhängig von den Untersuchungsergebnissen der Staatsanwaltschaft und der für die Transplantationsmedizin zuständigen Prüfungs- und Überwachungskommissionen bei der Bundesärztekammer (BÄK) behalte man sich weitere Schritte vor. In Regensburg hatte Minister Heubisch im Juli sofort auf die Beurlaubung des Leiters der Chirurgie gedrungen, als an dem Klinikum mehr als 20 Fälle von Manipulation in der Lebertransplantation bekannt geworden waren.

Bislang gehörte das Transplantationszentrum am Rechts der Isar sowohl zur Klinik für Innere Medizin II (Gastroenterologie) als auch zur Chirurgie. Eine solche Konstruktion ist üblich, da an den Entscheidungen, welche Patienten für eine Transplantation gelistet werden, gemeinhin Internisten und Chirurgen gemeinsam beteiligt sind.

Hintergrund der Umstrukturierung ist, dass bei zumindest einem Patienten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Blutwerte manipuliert wurden, um ihm schneller als rechtens eine Spenderleber zu verschaffen. Dies ist ein Verstoß gegen das Transplantationsgesetz.

Dazu wurde dem Patienten eine Blutprobe einer bislang unbekannten Person zugeordnet. So erschienen seine Leberwerte derart dramatisch, dass er bald ein Spenderorgan bekam. Ein anderer Patient ging dafür leer aus. Bei dem bevorzugten Patienten handelte es sich um einen gesetzlich krankenversicherten.

Über die Vorgänge existiert ein Gedächtnisprotokoll, das ein Arzt nach den Geschehnissen im Jahr 2010 verfasst hat. Verwahrt hat dieses Protokoll, wie die SZ berichtete, der Chefarzt der Inneren Medizin II - und schwieg darüber, bis ein ihm unterstellter Arzt auf die Existenz des Protokolls hinwies. Der Chefarzt äußerte sich dazu vor der Presse nicht.

In acht weiteren Fällen aus den bisher geprüften Jahren 2010 und 2011 untersuchen die Kommissionen bei der BÄK und die Staatsanwaltschaft derzeit kriminelle Organschiebereien. Es geht um Blutwerte, nur auf dem Papier nötige und durchgeführte Dialysen sowie Krebskrankheiten, bei denen ein Spenderorgan gar nicht vergeben werden darf.

Darüber hinaus wurden nach SZ-Informationen am rechts der Isar auffällig viele Menschen mit Alkohol-bedingter Leberzirrhose transplantiert, von denen nicht alle, wie gefordert, sechs Monate trocken gewesen sein sollen.

Das Klinikum hatte seine Zahl an Lebertransplantationen in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert, nachdem wegen der zu geringen Transplantationszahlen eine Schließung des Transplantationsprogramms im Raum stand.

Anmerkung der Redaktion: Am Abend des 11. Oktober teilte das Klinikum rechts der Isar mit, dass der Direktor der II. Medizinischen Klinik doch keine Informationen verschwiegen habe. Vielmehr habe er schon im Januar 2010 den Ärztlichen Direktor des Klinikums sowie den Leiter der Chirurgie und des Transplantationszentrums auf Unregelmäßigkeiten und auf die Existenz einiger von seinen Mitarbeitern angefertigten Gedächtnisprotokolle hingewiesen.

Nach Prüfung sei man aber zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht um aktive Manipulation, sondern nur um eine Verwechslung von Laborröhrchen gehandelt habe. Der Verdacht auf Manipulation habe sich erst im Oktober 2012 erhärtet.