Oper: "Lucrezia Borgia" Ein Phänomen namens Gruberova

Sopranistin Edita Gruberova verzückt als Giftmörderin an der Staatsoper - da fasst sich sogar der Kompliziertsprecher Edmund Stoiber kurz.

Von Oliver Das Gupta

Es gibt in München Opern-Abende, an denen alles so wie früher ist. Das Haus restlos ausverkauft, Sänger und Orchester umjubelt, die Inszenierung ordentlich bebuht, weil zu modern.

In den Pausen wird eifrig zu Sektglas und Edelstullen gegriffen, Edmund Stoiber doziert ministerpräsidential in mäandernden Sätzen. Krisen aller Art, sei es in der Finanzwelt oder in der CSU, scheinen vor den ehernen Pforten des Münchner Nationaltheaters zu verharren.

Drinnen gibt es an diesem Montag eine Premiere: Lucrezia Borgia steht nach 160 Jahren wieder auf dem Spielplan der Bayerischen Staatsoper. Der Stoff ist historisch, gibt eine Menge her: Die schöne Tochter von Papst Alexander VI. war vermutlich nur hilfloses Werkzeug ihres korrupten Vaters und ihres blutsaufenden Bruders Cesare. Gaetano Donizetti hat die Vorlage Victor Hugos vertont, die mit der historischen Vorlage nicht mehr viel zu tun hat.

Lucrezia, mörderische Gemahlin des Herzogs D'este in Ferrara, bringt am Ende aus gekränkter Eitelkeit ihren Sohn Gennaro um, der erst seine Mutter als solche erkennt, als ihm schon das Gift in den Adern pulsiert. Der Mord am Sohnemann ist natürlich ein Versehen, sterben sollten nur seine Saufkumpane.

In nur drei Wochen (und ein paar Tage mehr) soll Gaetano Donizetti die Belcanto-Oper komponiert haben, eins von fünf Werken, die der Italiener innerhalb eines Jahres auf die Bühne brachte - Fließbandarbeit anno 1833. Musikalisch ist ihm kein großer Wurf gelungen. Irgendwie klingt alles ein bisschen so, als ob man es schon irgendwo anders gehört hat.

Spartanisch gehaltene Bühne

Dennoch: Alle Vorstellungen waren schon vor der Premiere restlos ausverkauft. Der Grund heißt Edita Gruberova. Die Sopranistin gibt ihr Rollendebut an diesem Abend - und brilliert. Makellos ist der Gesang der Slowakin, hinreißend ihre Koloraturen. Leicht, klar und wunderschön klingt sie mit 62 Jahren - Gruberova ist ein Phänomen.

Einzig ihre schauspielerische Leistung bleibt hin und wieder hinter der ihrer Sangeskollegen zurück, von denen der junge Tenor Pavol Breslik als Lucrezias zum Unglück verdammter Sohn Gennaro, Franco Vassallo als unerbittlicher Herzog Don Alfonso, und - in einer Hosenrolle - Alice Coote als testosteronstrotzender Jungspund Maffio überzeugen.

Regisseur Christof Loy, der auch schon die Donizetti-Oper Roberto Devereux in München inszenierte, setzt auf eindrucksvolle Personenregie. Die Bühne von Henrik Ahr ist spartanisch gehalten - Möbelstücke, eine graue Wand, ein Lucrezia Borgia Schriftzug - was im Publikum geteilte Reaktionen hervorruft.

Die Vorstellung endet mit einem Jubelsturm. Gruberova, die "schillernde Großmutter" (Intendant Nikolaus Bachler), verzückt sie alle, die Jungen und vielen Alten, die Studenten und Honoratioren, selbst politisch Schwarze und Rote sind sich einig.

Ex-Innenminister Otto Schily schwärmt von den "hohen Tönen" der Sopranistin, und liegt voll auf der Linie der Stoibers, die ihren 41. Hochzeitstag begehen. Edmund Stoiber antwortet sogar auf die Frage, ob der gruberovasche Gesang ihm gefalle, ungewohnt unverschwurbelt mit "Jaaa!", und schaut selig dabei.

"Die weltliche Freude ist vergänglich", singt im letzten Akt Lucrezia Borgia. Diese Zeilen kommen wieder ins Gedächtnis, wenn man die funkelnde Opernwelt verlässt und hinaustritt in eine schneedurchwirkte Februarnacht dieses Krisenjahres.