Oktoberfest-Ersatz Methadon für Wiesnsüchtige

Wird traditionell am letzten Wiesnabend gefeiert: der Kehraus. Im abgedunkelten Hofbräuzelt brennen dann Tausende Wunderkerzen und die Besucher - und die Bedienungen - singen "Angels" von Robbie Williams.

(Foto: dpa)

Nur 50 Wochen, dann heißt es wieder "O'zapft is!" Wie sich die Zeit bis dahin möglichst ohne Entzugserscheinungen verbringen lässt.

Von Laura Kaufmann

18 Tage Wiesn waren dem Münchner in diesem Jahr beschert. Am Ende gibt es die Fraktion, die ihre Augen verdreht und "Zeit wurd's" sagt, und die, die Tränen in ihren Augen hat und nicht mehr weiß wohin mit sich, ohne Zeltstadt auf der Theresienwiese. Für letztere, die sich nun heimatlos fühlen, da sie nicht mehr jeden Abend Atemlos brüllen können, sei dieses kleine Substitutionsprogramm empfohlen.

Das Gemeinschaftsgefühl

Seltsamerweise gibt es eine große Anzahl von Münchnern, die sich zwar begeistert jeden Abend ins Festzelt stürzen und dort Australiern, Japanern und Franzosen zuprosten, das Hofbräuhaus in München aber als angebliche Touristenfalle meiden. Dabei lässt sich einem gewissen Wiesngefühl nirgendwo so nahe kommen wie dort. Besucher aus aller Welt verzweifeln an der Weißwurst, es gibt deftiges Essen und jede Menge Bier, dazu spielt Blasmusik. Wer seine Tracht ganz ohne Anlass hierher ausführt, muss sich nicht komisch fühlen. Am Tisch entstehen lustige Gespräche mit Gästen aus Wisconsin oder Wanne-Eickel, die dem bayerischen Lebensgefühl nachspüren wollen. Irgendjemand ist immer viel zu betrunken. Einem gemütlichen Abend auf dem Oktoberfest kommt das so nahe, wie man dem ohne Oktoberfest eben kommen kann.

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Die Fahrgeschäfte

Nun gibt es Wiesnfans, für die das Benutzen möglichst aller Fahrgeschäfte unabdinglich mit zum Fest gehört. Das ist natürlich im Hofbräuhaus nicht möglich. Dem Adrenalinkick-Sehnsüchtigen sei empfohlen, sich für einen Tagesausflug ins Auto oder in die Bahn zu setzen. Ab in den Allgäu Skyline Park, eine Dreiviertelstunde entfernt, oder in den Bayern Park im niederbayerischen Fellbach. Wer Achterbahnen oder auch wilde Überkopf-Dreh-Schüttel-Geschäfte liebt, kann sie hier für den Eintrittspreis fahren, so oft er möchte, und kommt damit sogar billiger davon als auf dem Oktoberfest. Es gilt, so unglaublich viel zu fahren, dass das gesammelte Adrenalin für eine Weile reicht.

Das Hendl

Bei exzessiven Wiesngängern ist nach Ende des Festes oft ein Tief zu beobachten, das auf den Rückgang der Proteinversorgung zurückgeführt wird. Allabendlich verspeiste der Besucher sein halbes Hendl, der Magen hatte sich gerade daran gewöhnt. Nun steht wieder 50 Wochen lang täglich die Wahl aus allen erdenklichen Speisen von A wie Aaalsushi bis Z wie Zimtschnecke bevor. Möchte der Wiesnsüchtige dem erdrückenden Angebot entfliehen, so hilft der Rückzug ins Lindwurmstüberl. Das adrette kleine Lokal befindet sich nicht nur in räumlicher Nähe zur Theresienwiese und wird von einer Wiesnwirtefamilie geführt, es hat sich außerdem auf das Hendl spezialisiert.

Die Attraktivität

Dem ein oder anderen gefällt es in den Festzelten so gut, weil sich ihm die Dekolletés der Damen und die Wadln der Herren en masse entgegen recken. Zu schauen gibt es in einem ausgelassen feiernden Zelt immer was. In der kalten Jahreszeit gestaltet sich das nun nicht mehr ganz so einfach. Wer nicht bis zum Sommer warten kann um nackte Haut zu sehen, dem ist zu einem Besuch im nahen Hallenbad geraten. Spätestens in der Sauna ist hier der Mensch in seiner reinsten Form zu beobachten. Leider fehlt aber die bierselige Sicht auf selbigen, und eventuell ist der Besucher hernach sogar froh, dass ich die Leute auf der Straße in der Regel etwas bedeckter halten als im Festzelt.

Der Geruch

Die Wiesnfreude packt die meisten spätestens, wenn ihnen der wilde Mix aus gebratenem Hendl, Steckerlfisch und gebrannten Mandeln in die Nase steigt. Je nachdem, wo sich der Besucher auf der Festwiese befindet, überwiegt mal der eine, mal der andere Geruch. Was aber immer bleibt, zumindest draußen, ist die süße Duftnote der Mandeln. Wer sie erschnuppern möchte, steigt am besten am Marienplatz bei der Kaufinger Straße aus oder läuft durch den Haupteingang des Hauptbahnhofs in Richtung Gleise. Hier stehen meist Stände, die gebrannte Mandeln verkaufen. Kaum hat man den Geruch in der Nase, meint man, ein leises "Prosit der Gemütlichkeit" spielen zu hören.

Die Massen

Körper reibt sich an Körper, einer bleibt immer zu abrupt stehen und einer steigt mit seinem Haferlschuh auf den Zeh seines Nebenmannes. Suchende Blicke schweifen über das Gewirr an Köpfen, wo sind die anderen? Die Wiesn, sie ist, vor allem an den Wochenenden und beinahe immer abends in den Schiffen der Festzelte, ein Wimmelbild von Ali Mitgutsch, und ständig hat der Besucher einen unerwünschten Ellenbogen in der Seite, das Gesäß des Bierbankhintermannes im Rücken und ein Gespräch, das ihn nichts angeht, im Ohr.

Wie einem selbst die nervenden Macken des Expartners irgendwann fehlen, erscheint selbst das Gedränge dem Wiesnsüchtingen irgendwann als vermissenswert. Hier ist leicht Abhilfe zu schaffen. Ein Ausflug zu Ikea am Samstag erinnert daran, dass sich, was das betrifft, durchaus doch bis nächstes Jahr geduldet werden kann.

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