Oktoberfest Die Oide-Wiesn-Nostalgie breitet sich aus

In München beliebt: die Oide Wiesn mit Museumszelt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Andere bayerische Städte folgen dem Münchner Vorbild mit historischen Elementen, und jetzt werden auch noch die Stuttgarter zu Konkurrenten um die Schausteller.

Von Franz Kotteder

Der größte Erfolg der Jubiläumswiesn 2010 ließ sich nicht in Hektolitern messen. Anders als 2011, als man mit mehr als 7,9 ausgeschenkten Mass Bier einen Jahrhundertrekord aufstellte, waren es im Jahr zuvor nur knapp 7,1 Millionen Liter gewesen. Dafür aber waren fast alle begeistert von der "Historischen Wiesn" und dem dort ausgeschenkten, traditionellen, braunen Altmünchner Bier, das die sechs großen Brauereien gemeinsam nach einem alten Rezept gebraut hatten und das für manchen historischen Rausch verantwortlich gemacht wurde. Ebenso gut kamen aber auch das Traditionszelt, das Museums- und das Musikantenzelt an sowie die entspannte Stimmung auf dem Festgelände. Und zwar gleich so gut, dass die "Historische Wiesn" in Gestalt der Oiden Wiesn wieder auferstehen durfte. Sie wurde somit zur Dauereinrichtung in all den Jahren, in denen kein Zentrallandwirtschaftsfest stattfindet.

Seither nehmen auch bei anderen Volksfesten historische Abteilungen zu, denn die Oide Wiesn kennt man in Schaustellerkreisen natürlich. Und es wird auch von Versuchen berichtet, ihr zum Beispiel alte Fahrgeschäfte abspenstig zu machen. Der Cannstatter Wasen in Stuttgart, Deutschlands zweitgrößtes Volksfest nach der Wiesn, wird nämlich im kommenden Jahr 200 Jahre alt und will das unter anderem mit einem "Historischen Wasen" feiern. Dummerweise überschneiden sich Wiesn und Wasen, sodass sich Schausteller aussuchen können, wohin sie 2018 fahren.

Das passiert im einzigen neuen Wiesnzelt

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"Historische Abteilungen bei Volksfesten gab es schon länger vor der Oiden Wiesn", sagt Gabriele Papke vom Münchner Referat für Arbeit und Wirtschaft, das offiziell die Oide Wiesn veranstaltet, "bei großen Volksfesten im Ruhrgebiet etwa." Aber in Bayern ließ man sich vom Erfolg der Münchner erst so richtig inspirieren. "Definitiv!", sagt etwa Josef Diebold vom Schwäbischen Schaustellerverband, "das war für uns ein Ansporn." 2014 gab es beim Augsburger Herbstplärrer - das Volksfest findet zweimal im Jahr statt, an Ostern und im Herbst - erstmals einen Historischen Plärrer.

"Anders als in München haben wir das aber über das gesamte Festgelände verteilt und auch Umzüge mit alten Fahrmaschinen veranstaltet", sagt Diebold, "wir haben damals große Unterstützung von der Stadtspitze bekommen." Anders als in München habe es damals aber kein eigenes Budget gegeben, der Schaustellerverband habe alles aus eigenen Mitteln und mit Spenden stemmen müssen. Immerhin leben in Augsburg viele alte Schaustellerfamilien, die historische Fahrgeschäfte zur Verfügung stellten. Den historischen Plärrer soll es 2018, wenn das Augsburger Volksfest sein 140-jähriges Bestehen feiert, wieder geben.

Vor einem guten Monat ist das Gäubodenfest in Straubing zu Ende gegangen. Auch dort hat man seit fünf Jahren einen "Oidn Gäuboden", er heißt dort aber "Nostalgie-Areal". An Historie kann Niederbayerns größtes Volksfest - jedes Jahr kommen rund 1,4 Millionen Besucher - schon mit der Wiesn mithalten: Schließlich fand es erstmals 1812 statt, zwei Jahre nach Erfindung des Oktoberfests. Und so stellt die Stadt Straubing seit 2012 jedes Jahr 8000 Quadratmeter Volksfestfläche für Attraktionen aus der guten alten Zeit zur Verfügung. Der "Nostalgie-Circus Carlos" bietet täglich mindestens drei Aufführungen mit Akrobaten, Clowns, Seiltänzern, Feuerspuckern und Fakiren an, im "Zelt Nr. 7" mit seiner Ochsenbraterei treten Gstanzlsänger und Schuhplattler auf, es spielt die Blasmusik.

Im Nostalgie-Areal findet man die "Fahrt ins Paradies" mit einer Berg- und Talbahn aus dem Jahr 1939 und die "Rallye Monte Carlo" mit Go-Karts auf einer 150 Meter langen Holzrennbahn. Manches kennt man von der Oiden Wiesn. Kein Wunder, denn auch früher zogen die Schausteller natürlich von Volksfest zu Volksfest. So schleuderte der "Calypso" schon in Straubing die Besucher mittels zweier verschiedener Drehbewegungen im Kreis herum, und auch der "Märchenlandexpress", eine Kindereisenbahn, war dort zu sehen.

Der Erfolg lässt sich nicht planen

Max Riedl, der Betriebsleiter des Gäubodenfests, ist recht zufrieden mit der historischen Abteilung seines Volksfests. "Das hat sich bei uns wirklich bewährt", sagt er, "das ist ein Ort zum Entspannen geworden, an dem die Gäste gerne auch ein bisschen länger verweilen." Die Umsätze bei den Fahrgeschäften seien zwar sehr unterschiedlich, viele Besucher kämen auch nur zum Schauen. Die meisten aber sähen es als sehr positiv an, einen Ort zu haben, an dem es etwas ruhiger zugehe als auf dem eigentlichen Festgelände.

Freilich: Der Erfolg mit der Geschichte der Schaustellerei lässt sich nicht planen, indem man einfach kopiert, was anderswo schon gut läuft. Florian Dering, der als stellvertretender Direktor des Münchner Stadtmuseums damals einer der Miterfinder der Historischen Wiesn gewesen ist, sagt: "Das konnte bei uns nur so entstehen, weil von vielen verschiedenen Seiten plötzlich Beiträge kamen." Der Bauernverband veranstaltete das Pferderennen und die Tierschau nach altem Vorbild, der Schaustellerverband konnte endlich zeigen, was er an alten Fahrgeschäften hatte, das Literaturarchiv Monacensia brachte die Brettlkultur ins Spiel und der Festring, der alljährlich den Trachten- und Schützenzug veranstaltet, die bayerischen Trachtler. Dering: "Das hat dann irgendwann eine richtige Eigendynamik entwickelt." Wäre das von oben verordnet worden, glaubt Dering, dann hätte das nie so schön funktioniert.

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