Obersendling/Großhadern An Eltern statt

Ein echtes Zuhause für bestimmte Zeit: In den heilpädagogischen Wohngruppen des Adelgundenheims leben Kinder, deren Väter und Mütter nicht in der Lage sind, sich um sie zu kümmern

Von Jürgen Wolfram, Obersendling/Großhadern

Als die Frau in der Münchner Bahnhofsgegend aufgegriffen wird, befindet sie sich in einem "völlig desolaten Zustand". So steht es später im Protokoll. Bei der Frau handelt es sich um eine Alkoholikerin, und was ihren Fall besonders haarsträubend macht: Sie hat ihre drei kleinen Kinder bei sich. Eines davon ist Michael, damals acht Jahre alt. Wegen des Alkoholmissbrauchs seiner Mutter auch während der Schwangerschaft leidet der Junge an Konzentrationsstörungen, verzögerter Wahrnehmung und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Immerhin haben Ämter, Schule und Nachbarn genau hingesehen. Michael, der in Wirklichkeit anders heißt, kommt deshalb bald nach seiner "Inobhutnahme" zu Pflegeeltern. Doch die fühlen sich nach einiger Zeit überfordert, stoßen mit ihrem Wissen um die Erziehung von Kindern mit Handicaps an ihre Grenzen. Der Umzug zum Vater ist nie eine Option, denn der ist drogensüchtig.

Wegen einer psychischen Erkrankung ist auch die Mutter einer heute 16-Jährigen, nennen wir sie Maike, nicht in der Lage, sich hinreichend um ihre Kinder zu kümmern. Das Mädchen wird deshalb immer schüchterner und hat zeitweise Probleme, in der Schule mitzuhalten. Einziger Lichtblick in Maikes Leben ist lange Zeit eine "Nenn-Oma" im Bayerischen Wald, bei der sie ihre Ferien verbringen darf. Bis zum Schulabschluss aber ist es ein äußerst mühsamer Weg. Sie will mal Hotelfachangestellte werden.

Kreative Lebenshilfe: In der Oase des Adelgundenheims unterstützt Bereichsleiterin Uta Pamme Ricardo (Mitte) und Monty auch beim Basteln in ihrem betreuten Zuhause.

(Foto: Robert Haas)

Wer fängt Kinder mit solchen Schicksalen auf? Michael und Maike hatten das Glück, in heilpädagogischen, koedukativen Wohngruppen des Erziehungshilfezentrums Adelgundenheim unterzukommen, einer Einrichtung unter dem Dach der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising. Ihre Wohnadressen heißen heute "Oase" oder "Kunterbunt"; das sind zwei Heime in Obersendling und Großhadern, die organisatorisch aber eine Einheit bilden. Betreuung ist hier rund um die Uhr garantiert, von der psychologischen Unterstützung im Gruppenalltag bis zur individuellen Lernförderung und gemeinsamen Freizeitaktivitäten.

"Mir ist wichtig, dass wir beim Adelgundenheim nicht nur Organisation und Pädagogik am runden Tisch machen, sondern unmittelbar am Leben der Kinder teilhaben", sagt Uta Pamme, die für die "Oase" und die Villa "Kunterbunt" zuständige Bereichsleiterin. Neun Plätze pro Haus für Sieben- bis Sechzehnjährige stehen zur Verfügung, das ist überschaubar. Unter diesen Umständen werde man bei entsprechendem Einfühlungsvermögen rasch zur "Vertrauensinstanz", stellt Pamme fest. Das sei oft anstrengend, mache aber letztlich ein erfülltes Sozialpädagogenleben aus. Vor allem wenn es gelinge, gemeinsam mit Kolleginnen, Praktikanten und Ehrenamtlichen die Wohngruppen zu echten Netzwerken zu formen, die bis ins Erwachsenenalter nachwirken.

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In einem Domizil wie der "Oase" an der Kistlerhofstraße leben die Kinder, von außen betrachtet, nicht anders als ihre Mitschüler. Sie umgeben sich mit Spielzeug, Musikinstrumenten, Büchern, Fernsehgerät und einem Mobiliar, das sich von durchschnittlichen Haushalten nicht unterscheidet. "Wir proben hier das ganz normale Wohnen, bieten für bestimmte Zeit ein echtes Zuhause", skizziert Irmgard Mühl von der Zentrumsleitung das Konzept des Adelgundenheims. Das reiche bis zur gemeinsam verbrachten Ferienfreizeit.

Und auch den Kontakt zu Eltern oder anderen Verwandten versuche man aufrecht zu erhalten, um den Buben und Mädchen ein Gefühl des Eingebundenseins zu vermitteln. "Wir müssen sie so fit machen, dass sie ihr Leben irgendwann selbst bewältigen können, dazu gehören vielfältige Kontakte", so Mühl. Das Adelgundenheim zeichne sich in dieser Hinsicht durch hohe Flexibilität aus.

Für jede der Wohngruppen stehen mehrere Erzieher und Sozialpädagogen zur Verfügung. Trotz Schichtdiensts sei es bisher stets gelungen, die jeweils fünfeinhalb Vollzeitstellen zu besetzen. Uta Pamme und Irmgard Mühl führen das auf das gute Betriebsklima zurück und auf die "hohe Motivation dank sinnhafter Tätigkeit". Einige Mitarbeiter kämen sogar aus Rosenheim, Freising und Ebersberg. Fortbildung werde groß geschrieben, wofür Bereichsleiterin Pamme das beste Beispiel sei. Die hat eine Zusatzqualifikation nach der anderen erworben, beispielsweise in der Trauma-Pädagogik sowie im Umgang mit Jugendlichen bei Suizidgefährdung. Zurzeit macht sie eine Clownsausbildung, weil Spaß für Kinder mit düsteren Erfahrungen besonders wichtig sei. Beobachtet hat sie den Zusammenhang an zwei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die ebenfalls in der "Oase" Schutz und Förderung gefunden haben.

Ein Problem, das die Wohngruppen im Münchner Südwesten seit Langem quält, ist die eingeschränkte Mobilität. Ihnen fehlt ein mehrsitziges Fahrzeug, das Großeinkäufe, Arzt- und Therapiebesuche sowie Ausflüge in die Umgebung erleichtern könnte. "Bei uns leben viele impulsiv gesteuerte Kinder, die sind im verkehrsreichen Obersendling schon vor der eigenen Haustür erheblichen Gefährdungen ausgesetzt", beschreibt Uta Pamme die Misere. Besser wäre es, sagt sie, mit ihnen zum Spielen ins Grüne zu fahren. Ein eigener Wagen erleichtere zudem die Teilhabe am kulturellen Leben der Stadt. "Über ein Auto sprechen wir schon seit Ewigkeiten, aber wir wissen nicht, wie wir es finanzieren sollen", beklagt auch Irmgard Mühl. Der SZ-Adventskalender prüft, ob Hilfe möglich ist.