Weshalb Halloween nichts für Softies ist, und wie sich vermummte Schreckensgestalten in brave Laternenschwinger verwandeln.
Als der Ehemann und Vater noch kein Ehemann und Vater war, sondern ihm ein solcher Zustand als völlig unvorstellbar erschien, da führte er ein Mädchen aus der Nachbarschule ins Lichtspielhaus (ja, Kinder, damals. Damals gab es noch keine Multiplexcinemas mit wackelnden Sitzen und drohenden Hörschäden; das Lichtspielhaus, es hieß wirklich noch so, verfügte stattdessen über kuschelige Logen). Er wählte einen Film namens "Halloween", von dem er im Partykeller der Pfarrei seine Freunde hatte prahlen hören, der sei hart und nichts für Softies (damals sagte man noch Softie statt Weichei oder Frauenversteher). Genau das Richtige für mich, so dachte er, denn meine Nähe wird ihr das Gefühl von...
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(© Foto: dpa)
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Beklagenswerterweise haben sich die Dinge dann anders entwickelt. Schreckgebannt und bleich starrte er auf die Leinwand, auf der ein Mann mit Maske und Messer umging und junge Menschen vom Leben zum Tode beförderte. Das Mädchen hingegen verfolgte den Film ohne erkennbare Gemütsbewegung, musterte ihren Begleiter aber nach dem Abspann mit einem nachdenklichen Blick, der ihm gar nicht gefiel; zu Recht nicht, wie die weitere Entwicklung zeigen sollte.
Seither hat er ein gestörtes Verhältnis zu Halloween. Im Feuilleton musste er noch Jahrzehnte später lesen, dass die diversen Fortsetzungen ein wertvoller Beitrag zur Gegenwartskultur seien. Und es dann klingelte es an seiner Münchner Wohnungstür. Vor ihm, nunmehr Ehemann und Vater, standen diverse Gruselknirpse, vermummt als Schreckgestalten aller Art. Der Größte trug so eine Maske wie der Metzler aus jenem Film. Sie stießen in Reimform Drohungen aus und forderten Leckereien. Irgendwie wurde er sie los, aber er wusste, dass sich etwas verändert hatte.
Halloween! Von Fenstern und Balkonen seines Hofs leuchten nächtens hohle Kürbisse mit Fratzen, innen flackern Kerzen. Damals, früher, kannte man zu Novemberbeginn (damals!) einen Feiertag namens Allerheiligen, an dem Kinder mit ihren Verwandten über verregnete, dunkle Friedhöfe schreiten mussten, im Angedenken der Verblichenen. Heute ziehen die Kinder schaurig verkleidet um die von Kürbissen entstellten Häuser und erbeuten Leckereien. Es ist für einen alternden Mann verwirrend, dass oftmals dieselben Kinder aus seinem Münchner Hof wenige Tage später mit Laternen erneut vor seiner Tür stehen und so tun, als seien sie die harmlosesten Wesen der Welt. Diese Welt ist doppelbödig geworden, denkt er, und sucht verzweifelt in der Küche, ob von Halloween nicht irgendwo doch noch ein paar von diesen sündteuren Öko-Gummibärchen übrig geblieben sind, die man heute kaufen muss. Damals, Kinder, gab es zu Sankt Martin noch ehrliche Goldbären ...
(SZ vom 31.10.2009/hs/wib)
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