Null acht neun Für einen Tag im Wimmelbild

An einem normalen Werktag mit dem Kind und seinen Kinderaugen durch München zu gehen, macht die ganze Stadt zu einem Wunderwerk menschlichen Erfindungsgeistes

Kolumne Von Johan Schloemann

Von den einfachsten, schönsten Dingen im Leben erzählen Journalisten ja meist gar nicht so viel. Wir sollen uns selber auf keinen Fall zu wichtig nehmen und stattdessen ständig irgendetwas aufdecken und hinterfragen und entlarven und auf den Punkt bringen und durchschauen. Recht so, da bin ich auch immer gerne dabei.

Aber am Montag dieser Woche war mal ein ganz anderer Tag. Der Kindergarten hatte geschlossen wegen einer Betriebsversammlung. Alle anderen mussten in die Schule oder arbeiten, und ich musste, durfte, konnte mir den Tag freinehmen. Wer aber nun mit einem vierjährigen Jungen in die Stadt fährt, um dort den Tag mit ihm zu verbringen, der erlebt nicht bloß eine Pause von Büropflichten oder von hektischen Besorgungen. (Gibt es eigentlich auch unhektische Besorgungen? Ich kenne seit Längerem keine, habe aber den Verdacht, dass es sich dabei um das ominöse Shoppen handeln muss.) Nein, es ist noch viel mehr: Es ist auch ein Tag Ferien von der Ironie und der Kritik.

Der Effekt ist dabei keineswegs derselbe wie am Wochenende oder an den sich gerade wieder häufenden Feiertagen, wo alle anderen auch frei haben. Da fällt die Differenz einfach nicht so auf, denn der Müßiggang, die To-Do-Listen und die organisierte Freizeit sind dann ja untrennbar miteinander verknotet. Aber an so einem normalen Werktag, am Montagvormittag mit dem Kind und seinen Kinderaugen durch die Münchner Innenstadt zu gehen, das bedeutet: Ein Reich der Notwendigkeit verwandelt sich, nicht in kitschiger oder gespielter, sondern in ganz müheloser Weise, in ein fröhliches, hochinteressantes Wimmelbild.

Und das heißt eben für den Feuilletonisten: Aller Spott verdampft, der rezensorische Blick verschwindet, alle Haken und Widersprüche werden zu Hause gelassen. Was sonst in der Fußgängerzone Fluchtbewegungen auslöst und unbestechliche Distanzierungen, erfüllt sich nun mit lauter Sinn und Staunen. Auf den Alten Peter steigen, 306 Stufen, immer schön am Geländer festhalten!, über die Dächer und über das vom Wachstum der Stadt überforderte Rathaus hinausschauen: das ohnehin. Aber auch der profanere Rest wird zum Wunderwerk menschlichen Erfindungsgeistes.

Länger in der Paketschlange stehen als in der DDR am Ende eines Fünfjahresplanes - wen stört's, wenn es doch in der Postfiliale so viel Tolles zu entdecken gibt und dann das Paket tatsächlich bis nach England geschickt wird? Und wie das System der Rolltreppen im Kaufhaus laufend ineinandergreift; wie die Fische auf Eis einen mit toten Augen anschauen; wie man durch die Schießscharten des Sendlinger Tors lugen und BUH! rufen kann; wie irre das ist, dass das Wirtshaus nicht nur Bratwurstherzl heißt, sondern die Nürnberger sogar auf herzförmigen Tellern serviert; dass die geflügelten Ratten namens Tauben doch ihre eigene Würde zu haben scheinen . . . unglaublich!

Dieser Tag war sehr wohltuend für mein München-Bild. Und bevor mich Ironie, Kritik und Notwendigkeit wieder haben, muss ich schnell noch sagen: Man kann nur jedem wünschen, ob mit Kindern oder ohne, mal wieder mit diesem Blick durch die Straßen zu gehen.