NSU-Prozess in München Rechte attackieren Nazi-Gegner mit Fäkalien

Spuren einer Attacke mit Farbbeuteln im Westend

Urin und Kot vor der Tür, Nazisprüche auf Fensterscheiben: Seit in München der NSU-Prozess läuft, sind mehrere Einrichtungen Opfer von Einschüchterungsversuchen vermutlich aus der rechten Szene geworden. Besonders heftig traf es eine Rechtsanwaltskanzlei, die vor Gericht die Angehörige eines Mordopfers vertritt.

Von Bernd Kastner

Während vor dem Oberlandesgericht der NSU-Prozess läuft, haben vermutlich rechtsextreme Täter Nazi-Gegner attackiert, darunter eine Rechtsanwaltskanzlei. Diese vertritt eine Angehörige eines NSU-Mordopfers als Nebenklägerin vor Gericht. Das Büro wurde Ziel einer Fäkalattacke: Am Montagmorgen war nach Informationen der Süddeutschen Zeitung der Bereich vor der Bürotür großflächig mit Kot und Urin verschmiert. Dass dies zufällig geschah, ist unwahrscheinlich. Die Kanzlei ist im zweiten Stock eines Geschäftshauses. Ein Wohnprojekt im Westend - in jenem Viertel, in dem der NSU einen Mord verübte - sowie die Geschäftsstelle des Bayerischen Flüchtlingsrats wurden insgesamt sieben Mal attackiert. Hier kam es vor allem zu Sachbeschädigung.

Der Staatsschutz der Polizei vermutet hinter den Übergriffen gegen Flüchtlingsrat und Wohnprojekt Rechtsextreme, hat nach eigenen Angaben aber noch keine Täter ermittelt. Laut Sprecher Wolfgang Wenger sieht die Polizei keinen Trend: "Wir nehmen nicht wahr, dass die rechte Szene insgesamt aktiver wird." Man werte die Taten bisher als Einzelfälle. Im täglichen Pressebericht hatte die Polizei keinen der Vorfälle gemeldet.

Die jüngste Sachbeschädigung geschah in der Nacht zum Donnerstag, Ziel war ein Wohnhaus in der Ligsalzstraße, dessen Bewohner sich gegen Rassismus engagieren. Gegen zwei Uhr wurde eine Frau durch Klatschgeräusche an die Hauswand geweckt, sie sah zwei Personen davonlaufen. Die beiden hatten schwarze und rote Farbbeutel gegen die weiße Fassade geworfen. Dabei wurden auch ein Nachbarhaus, der Fußweg und zwei Autos verschmutzt.

Eier durch die offene Tür

Begonnen hat die Serie der Übergriffe gegen das Haus mit seinen drei Wohngemeinschaften am 8. Mai. Mindestens eine schwarz gekleidete Person warf mehrere rohe Eier gegen die Fassade und ein Fenster. Ziel war auch eine Gruppe von Bewohnern, die gerade im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, einem ehemaligen Laden, zusammensaß: Mehrere Eier flogen durch die offene Tür. Ein paar Tage später entdeckten Bewohner, dass in die Fensterscheibe "Anti-Antifa" geritzt worden war, eine Selbstbezeichnung militanter Neonazis. Am Mittwochmorgen wurde dann noch eine der Scheiben des früheren Ladens eingeworfen, in dem auch öffentliche Veranstaltungen stattfinden.

Ähnliches geschah im Büro des Flüchtlingsrats in der Augsburgerstraße. Nach der Großdemonstration gegen Neonazis Mitte April wurde auch dort eine Scheibe zerstört, genau an der Stelle, wo sich ein Plakat zur Demo befand. Vergangenen Freitag wurden in zwei Scheiben die Worte "NS jetzt" und "Anti-Antifa" geritzt. Bereits Anfang April war ein junges Pärchen dabei beobachtet worden, wie es zahlreiche Aufkleber des "Freien Netzes Süd", einem Neonazinetzwerk, auf die Schaufenster klebte.

Mit ihren Aktionen wollen Rechtsextreme offenbar gezielt Nazi-Gegner einschüchtern, vor allem mit den Attacken auf das Wohnhaus. "Die wollen, dass wir uns unwohl fühlen", sagt eine Bewohnerin in der Ligsalzstraße. "Wir lassen uns aber nicht einschüchtern. Wir sind ein offenes Haus und wollen das auch bleiben." Besonders perfide ist der Fäkalanschlag auf das Anwaltsbüro: Indirekt werden damit die Opfer der nationalsozialistischen Terrorzelle getroffen.