Von Von Julius Müller-Meiningen

Hier suchen Kinder jene Wärme, die es zu Hause oft nicht gibt - Momentaufnahmen an der staatlichen Förderschule München-Nord.

Unten, gleich hinter der Glastüre am Eingang zum Schulgebäude, sind mit grellen Farben bunte Figuren an die Wand gemalt. Ihre Körper sind Gelb, Blau, Rot, Orange und Grün, und ihre Gesichter lachen, ein paar schauen grimmig, und einige der Figuren schauen wild aus der weißen Wand neben dem Mädchenklo heraus.

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Pinar, Monika, Manuel, Ramadan, Arif, Matthias oder Daniel steht neben ihnen in schwarzen Buchstaben auf die Wand geschrieben. Ganz rechts, neben einem der farbigen Männchen, ist in dicker schwarzer Schrift "C. Kastner" gemalt. Das ist Carolin Kastner, die junge Konrektorin. Sie sitzt mit Kollegen oben im Direktorat der Förderschule an der Paulckestraße und erzählt eine Geschichte.

Sie erzählt von einer zwölfjährigen Schülerin aus der sechsten Klasse, die morgens ihre zweijährige Schwester wickeln und füttern muss und diese dann vor den Fernseher setzt, bevor sie in die Schule geht. Und die Mutter?

Die schläft nebenan, und das Mädchen darf sie um Gottes Willen nicht wecken, weil die Mutter die Tochter dann schlagen würde. Und deshalb geht das kleine Mädchen in der Früh nach getaner Arbeit lieber schnell in die Schule. Da soll sie lernen. "Und dann", sagt Carolin Kastner und findet es selbst absurd, "dann fragen wir: ,Und wo sind deine Hausaufgaben?'"

In München gibt es 26 staatliche Förderschulen, eine von ihnen ist das Förderzentrum München-Nord. München-Nord, das heißt Hasenbergl; und Hasenbergl heißt soziale Unterschicht. Auf die Förderschule werden Kinder geschickt, die als schwer erziehbar gelten oder große Schwierigkeiten mit dem Lernen, auch mit der Sprache haben und sonderpädagogische Unterstützung brauchen.

Außerdem kommen Schüler, die unter ADHS leiden, dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom. Hier, in der Paulckestraße, kommt alles zusammen: Lernstörungen, starke Konzentrationsschwächen und die soziale Not.

Und: Die Schule ist so etwas wie eine zweite Welt für die Kinder. Draußen im Hasenbergl muss die Ehre verteidigt werden, drinnen, in der Schule, suchen sie die Wärme, die es zu Hause oft nicht gibt.

Die Schüler sind zwischen sechs und 16 Jahre alt, die kleinen gehen in ein anderes Gebäude in der Nähe, die größeren versammeln sich im gelben Schulhaus an der Paulckestraße 10, gleich hinter den vielstöckigen grauen Wohnblöcken, täglich von 8 bis 13 Uhr und fünf Minuten.

Nicht wenige von ihnen träumen von der Hauptschule, die der Rest der Stadt, wenn nicht der Republik, fürchtet. Nimmt man sie alle zusammen, dann kämpfen hier etwa 260 junge und 40 erwachsene Menschen gegen die Aussichtslosigkeit. "Das Aufarbeiten der sozialen Kriegsschauplätze von zu Hause", so nennt es Herbert Lutz, der Schulleiter.

Sozialer Kriegsschauplatz, das könnte so aussehen: Die Kinder einer Familie aus der Gegend haben seit vier Tagen nichts anderes als Kartoffeln gegessen, spätestens am Wochenende ist der Kühlschrank leer, das wenige Geld ist ausgegeben, und dann lädt sich die ganze Familie bei Freunden ein.

"Ich hasse das", habe zu ihr ein neunjähriger Schüler aus dieser Familie gesagt, erzählt Sibylle Geus, eine junge Lehrerin. Oder eine Episode, von der Direktor Lutz berichtet: Ein Schüler hat mit ein paar heftigen Tritten ein Verkehrszeichen umgetreten und so ein parkendes Auto beschädigt.

Der herbei zitierte Vater des Schülers habe das Verhalten seines Sohnes völlig normal gefunden und außerdem entgegnet, dass eine Anzeige wohl kaum Folgen haben könne, weil sowieso nichts zu holen sei. "Er hat ja bloß 400 Euro Hartz IV."

Wie überall gibt es auch hier die besseren und die schlechteren, die einfacheren und die schwierigen, die fleißigeren und die fauleren Schüler. Nicht einmal alle kommen aus dem Hasenbergl, manch einer fährt sogar bis aus Schwabing an.

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