Wer nach 40 Jahren Arbeitsleben von einem Tag auf den anderen den Job verliert, fällt ins Nichts - und in Hartz IV.
Nichts an Amelie Ritter spricht von Armut. Sie trägt ihr Haar modisch kurz, dazu eine passende Brille mit breitem Rand. Ihren schlanken, zierlichen Körper hat sie in schwarze Jeans gesteckt, dazu schwarze College-Schuhe mit etwas Absatz und ein rotes Shirt, alles sehr gepflegt. Amelie Ritter heißt in Wirklichkeit natürlich anders, weil sie in keinster Weise ihren Perspektiven schaden will. Sie glaubt immer noch daran, dass sie bald wieder eine Arbeit findet. Selbst nach knapp zwei Jahren kann sie es immer noch nicht fassen, was ihr da eigentlich passiert - dass sie dank Hartz IV nur noch 300 Euro zum Leben hat.
Amelie Ritter wird vom Projekt "50 plus" unterstützt (© Foto: Rumpf)
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Amelie Ritter sieht viel jünger aus. Aber ihr Pass verordnet ihr 56 Jahre. Und damit gehört sie in die prekäre armutsbedrohte Gruppe "langzeitarbeitslos, 50 plus". Von den mehr als 27 000 Hartz-IV-Betroffenen in München zählt zu Ritters Gruppe ungefähr ein Drittel, das sind fast 8000 Menschen. Sie haben zwar auch nicht weniger Geld als andere Arbeitslosengeld-II-Bezieher. Aber oft wurden sie mitten aus ihrer Berufstätigkeit und aus einem scheinbar geordneten Leben gerissen.
Wurden bei so genannten Restrukturierungen ihrer Firma entlassen und tun sich seither schwer, wieder Fuß zu fassen. Trotz vieler Jahre im Beruf fällt seit Hartz IV das Beil recht schnell. Früher fing der Sozialstaat sie mit einer vergleichsweise stattlichen Arbeitslosenhilfe auf. Seit 2005 müssen sie manchmal schon nach einem Jahr ihre Kontoauszüge ins Amt tragen, ihre Ersparnisse aufbrauchen, die Lebensversicherung verhökern und - so empfinden es dann viele - sich einreihen zwischen Alkoholiker, chronisch Kranke und Sozialhilfe-Adel.
Bisher kein Glück
Die Chance für diese Menschen, wieder Arbeit zu finden, ist nicht gerade rosig. Obwohl sich das seit dem aktuellen Aufschwung etwas bessert. "Arbeitgeber sind zunehmend offener und aufgeschlossener", sagt Hartmut Jetting. Er ist stellvertretender Projektteamleiter bei Kompaqt, einem Projekt für diese Zielgruppe, das die Bundesregierung mitfinanziert. Auch Amelie Ritter lässt sich hier unterstützen. Doch bisher hatte sie kein Glück.
Am 1. April hätte sie ein Jubiläum feiern können: 40 Jahre im Job. Doch das wurde Amelie Ritter rechtzeitig vereitelt. Jahrzehntelang hatte sie als Sekretärin und Assistentin für Abteilungen, Niederlassungsleiter, Geschäftsführer und Vorstände gearbeitet, unter anderem bei Lufthansa, bis sie vor drei Jahren zum ersten Mal ohne Job dastand. Sie musste ihre alte Wohnung kündigen, zog um in 30 Quadratmeter in einem Münchner Randgebiet. Nach einem Jahr fand sie eine befristete Stelle. Als diese auslief, sie war noch nicht einmal 55, erhielt sie das normale Arbeitslosengeld nur noch für ein dreiviertel Jahr.
Spätestens jetzt wird ihre Situation doch augenfällig: an der Enge, in der sie lebt. Ein winziges Bad ohne Fenster, eine Schuhschachtel-Küche, immerhin mit Blick auf die Wiese hinter dem Haus, ein Raum, mittels gut gefülltem Bücherregal in einen Schlaf- und einen Wohnbereich getrennt. Sie hat das Beste draus gemacht. "Ich muss Ihnen meine Badvorleger zeigen", sagt Amelie Ritter stolz und geht die wenigen Meter voraus. "Der eine hat sechs Euro, der andere vier gekostet." Für solche Preise "muss man eine Weile suchen".
Zwanzig Jahre altes Sofa
Aber sie erfüllen ihren wichtigsten Zweck: "Sie sind bunt", sagt die sonst so ernste Frau lächelnd. Sie zeigt den alten Schrank, den sie von ihrem Großvater geerbt hat, das Bett mit Latexmatratze, Second Hand, das Laptop, ein Geschenk ihrer Freundin.
Ihr türkisfarbenes Designersofa ist 20 Jahre alt und stammt aus der Zeit, als sie sich von ihrem Gehalt so etwas noch leisten konnte. Insgesamt passt ohnehin nicht viel auf die paar Quadratmeter. "Schon als ich aus meiner früheren Wohnung hier eingezogen bin, musste ich viele schöne alte Möbel verkaufen - ich brauchte Geld und hatte keinen Platz mehr".
Auf dem Sofa blättert Ritter widerwillig in einem Ordner, um noch mal nachzusinnen, wann alles begann. "Die Würdelosigkeit ist das Schlimmste." Sie erinnert sich, wie schlecht sie sich oft von Behörden behandelt gefühlt hat, oder an Ärger mit Überweisungen. Als ihr ins Gesicht gesagt wurde, sie werde in ihrem Alter wohl kaum mehr Arbeit finden, stürzte sie in eine tiefe Depression.
"Ich habe 40 Jahre gearbeitet, und immer mein eigenes Geld verdient, war unabhängig, habe auch noch meinen Mann während des Studiums mitversorgt", sagt sie anklagend. Immer habe sie sich weitergebildet, mal in Sachen Computer, dann in Sprachen. Genützt habe es ihr bislang kaum. Sie hat Bewerbungen geschrieben, auf Papier und als E-Mail, hat in Unternehmen angerufen, persönlich vorgesprochen.
Das Zählen hat sie aufgegeben. "Irgendwann fällt es immer schwerer, weiter Bewerbungen zu schreiben, weil man es nicht mehr ertragen kann, Absagen zu bekommen oder womöglich gar nichts zu hören." Und das kostet auch alles Geld. Wenigstens kann sie derzeit für 400 Euro in einer Personalberatung arbeiten. Aber mehr wird daraus nicht entstehen. Das weiß sie jetzt schon.
Ein alter Kredit
Sie hat dadurch ein bisschen mehr Geld, ja: Die Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung überweist ihr 811 Euro, ihr Arbeitgeber 400. Neben Mietzuschuss und Regelsatz hat sie Anspruch auf einen befristeten Zuschlag von 160 Euro Übergangsgeld, der vom 1. Mai an jedoch halbiert wird. Das ist ein Zuschuss, den der Gesetzgeber erfand, um Hartz IV in den ersten Jahren für die frisch Arbeitslosen sozial abzufedern. Von den derzeit insgesamt 1211 Euro stottert sie monatlich 123 Euro für einen alten Kredit bei der Stadtsparkasse ab.
Ritter rauft sich die Haare: "Die Rate war früher noch höher - dass die Stadtsparkasse sich auf eine niedrigere eingelassen hat, dafür musste ich erst an den Vorstand schreiben." Mit 50 Euro zahlt sie einen weiteren kleinen Kredit ab. 582 Euro kostet die Gesamtmiete. 36 Euro gehen für eine Haftpflichtversicherung und eine Rechtsschutzversicherung drauf, die sie wegen schlechter Erfahrungen nicht missen will. 82 Euro für Telefon, Handy und Internet, 17 für die GEZ. Bleiben 320 Euro zum Leben. Vor der ersten Arbeitslosigkeit hatte sie insgesamt 1800 Euro netto.
Ritter sagt den Satz immer wieder im Laufe des Gesprächs, als könnte sie es beschwören: "Ich will arbeiten, und möchte gern eine gut bezahlte Stelle!" Sie brauche ja auch eine Rente. Drum gibt Ritter nicht nur Geld für Telefon und Internet-Anschluss aus, auch für Haarschnitt und Kleider. Natürlich hat sie sich einen günstigen Friseur ausgesucht, Hosen und Schuhe stammen aus dem Second-Hand-Laden. Sie habe auch gelernt, von anderen etwas annehmen zu können, "ohne mich schlecht zu fühlen." Im Supermarkt sucht sie nach abgelaufener Ware, "die gibt es billiger". Wenn sie ihre alte Mutter besucht, dann kommt sie beladen zurück: mit Marmelade, Dosenwurst, Tiefgefrorenem und Eiern von Mutters eigenen Hühnern.
Amelie Ritter hat das Gefühl, sich schon irgendwie helfen zu können; aber die anderen, "die nicht der wehrhafte Typ sind und nicht reden können, was machen die? Die haben keine Lobby, denen hilft auch das Arbeitsamt nicht." Sie ist enttäuscht von der Politik, vom System Deutschland. "Ich habe den Laden mit aufgebaut, und jetzt muss ich mich doof anschauen lassen." In ihren großen Augen steht Empörung: "Ich würde sofort auswandern, wenn ich nur könnte."
(SZ vom 21. April 2007)
Großbrand in Altstadt von Coburg
Die neueste Antwort
Die Politik fordert die Anhebung des Rentenalters. Einige "Sturmtruppen" inkompetenter Jungpolitiker will das Einstiegsalter gar auf 70 Jahre anheben.
Richtig, wenn man heute auf die Rentenkassen und die Entwicllung der Bevölkerung blickt. Völlig fern der Realität, wenn man auf die Arbeitsmarktsituation und die zu erwartende Entwicklung schaut.
Hat nichts mit dem Thema zu tun? Doch! Denn Hartz IV ist ein "Geniestreich" der Regierung um die mittlerweile unvermeidbar hohe Zahl der Arbeitslosen bezahlbar zu machen und die Ausgaben im Rentenbereich zu drücken. Man hat erkannt, dass man machtlos im Angesicht der "Globalisierung" ist, wenn es um die Schaffung ausreichender Mengen neuer Arbeitsplätze geht. Man hat ebenfalls erkannt, dass das wegbrechen von Arbeitsplätzen zu Engpässen bei den Einnahmen der Rentenkassen führt. Eine Finanzierungslücke, die durch Steueranhebungen und Ausgabensenkungen im klassischen Sinne allein nicht geschlossen werden kann.
Die Lösung ist Hartz IV, die Arbeitslosigkeit vergleichsweise billig macht. Aber auch zur Senkung der Ausgaben im Rentenbereich taugt Hartz IV, wenn man das Rentenalter sukzessive anhebt - denn die Regierung weiß sehr wohl, dass viele Menschen entweder vor dem Erreichen des Rentenalters sterben oder aber durch "Restrukturierungen"; Firmenschließungen etc. arbeitslos wurden und Hartz IV empfangen - und Hartz IV ist in vielen Fällen billiger als Rente. Was spricht also dagegen, die leute noch etwas länger an der Hartz IV-Nadel zu halten? Die zu erwartende Rente sinkt ja dadurch noch einmal, da weniger Beiträge einfließen und so wird dann auch die Rente billiger.
Ein perfides und abgeschmacktes Spiel einer Regierung, die auch in diesem Bereich vollkommen versagt hat: Sie lässt sich von der Wirtschaft erpressen ohne Aussicht darauf, dass das jemals endet - die Leidtragenden sind die (ehrlichen) Bürger.
Über die Serie "Not in der Großstadt" kann ich immer wieder nur den Kopf schütteln:
In den Artikeln ist immer wieder zu lesen, wie schrecklich es ist, dass die Betroffenen alleinstehenden Frauen nur in einer Einzimmerwohnung um die 30 Quadratmeter leben. Wird es hier als normal angesehen, dass Singles nur in Zwei- bis Dreizimmerwohnungen vernünftig leben können? In meinem Bekannten- und Freundeskreis leben sehr viele Singles in einer Einzimmerwohnung. Ich selber übrigens auch. Sicherlich hätten wir alle auch gerne ein Zimmer mehr, aber dieses würde die Miete natürlich wieder verteuern. Aber gerade in München überlegt man sich auch als sogn. Besserverdiener, ob man dieses Geld wirklich ausgeben will.
Wo ich gerade beim Verdienst bin, die "Frau Ritter" hatte mit angeblich netto 1.800,00 Euro schon richtig gut verdient. Ich kenne Akademiker in Öffentlichen Dienst, die wesentlich weniger verdienen. Ganz zu schweigen von der Krankenschwester mit über 20 Jahren Berufserfahrung. Auch schein Frau Ritter wohl etwas über Ihre Verhältnisse gelebt zu haben. Wer bei diesem Gehalt noch einen Kosumentenkredit aufnehmen muss, wird nie mit seinem Geld haushalten können - egal wieviel sie/er hat.
Seltsam hoch sind in dem obigen Artikel auch die Kosten für die Versicherungen und Telefon. Seit wann zahlt man GEZ monatlich? Ich denke ein bisschen mehr Sachlichkeit könne nicht schaden und würde das Niveau der Artikel etwas anheben.
@Anh-Reer: Gute Frage...Wäre interssant wie sich die 811 Euro die sie vom Amt kriegt genau zusammensetzten.
Ich bin mir da auch nicht ganz sicher, aber wenn ich das richtig sehen hat man als ALG2 Empfänger in den alten Bundesländern eine Regelleistung von 345 Euro. Hinzu kommen hier die Übergangszahlungen von 160 Euro. Zusätzlich, und da hast du recht, kommt eine Erstattung von "angemessenen Wohnungs- und Heizungskosten". Angemessen sind für Einzelpersonen bis zu 45m² wobei der akzeptable/angemessene Quadratmeterpreis von der ARGE/Kommune festgesetzt wird, da die Mietniveaus ja bekanntlich sehr unterschiedlich sind.
Zurückgerechnet hieße das hier: 811 - 345 - 160 = 306 Euro die für Miete und Heizung ausgezahlt werden. Wenn man "unangemessen" wohnt kriegt man trotzdem nicht mehr als den vom jeweiligen Amt errechneten Maximalsatz und muss entweder umziehen oder aber den verbleibenden Teil selber zahlen.
Hieße in unserem Fall das knapp 280 Euro selber zusätzlich für Miete ausgegeben werden, die danach wiederrum zum Leben fehlen.
Wenn die oben angegebenen 811 Euro schon mit den auf 80 Euro verringerten Übergangszahlungen zustande kommen würden allerdings dementsprechend 386 Euro als Maximalmiete ausgezahlt. Aber selbst dann würden immernoch knapp 200 Euro aus eigener Tasche für Miete draufgezahlt werden.
Beide Fälle würden jedenfalls darauf hindeuten das Budgetverwendung jedenfalls doch eine größere Rolle spielt, oder kann mich jemand eines besseren belehren?
Ist es nicht so, daß die Miete von HartzIV bezahlt wird? Will sagen, wenn man in eine günstigere Wohnung zieht, hat man deshalb nicht mehr Geld zur Verfügung?
Ich kann die Bemerkungen einiger Gäste nicht nachvollziehen. Warum wird an Frau Ritter verurteilt, daß es anderen ja noch schlechter geht? Sicherlich ist das so. Auch ich habe als ebenfalls Hartz IV-Bezieher z.Z. weniger. Aber Sinn des Artikels bzw. der gesamten Serie ist es doch, möglichst viele Aspekte der "Not in der Großstadt" zu zeigen.
Frau Ritter hat mehr als manch andere Hartz IV-Bezieher oder Rentner, aber sie hat auch fast 40 Jahre gearbeitet und bei gutem Verdienst viel an Steuern und Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Mit der Lebensversicherung und den Ersparnissen mußte sie ihre Alterssicherung anbrechen.
Es geht doch in dieser Serie nicht darum, daß sich mit jedem Artikel eine Steigerung der Armut zu verzeichnen ist. Sinn dieses Textes ist doch eher zu zeigen, daß jeder sehr schnell von Hartz IV getroffen werden kann!!!
Wenn man an Herrn Söder denkt, weiß man übrigens auch, daß er die Zuschläge zu Hartz VI sofort steichen und damit die Not noch vergrößern möchte .
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