Nörgeln in Süddeutschland Erfindung der Tourismusindustrie?

Süddeutsche.de: Böse Zungen sagen, der Grant sei eine Erfindung der Tourismusindustrie. Biergartenbedienungen und Taxifahrer wenden ihn nur an, um den Umsatz zu steigern ...

Grasberger: Regisseur Franz Xaver Bogner hat einmal in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, der Grant sei eine Erfindung der Taxifahrer, ein Kunstprodukt. Wenige Sätze später jedoch entwickelt Bogner selbst eine wunderbare Form von Grant und schimpft über Leute, die versuchen, Bairisch zu reden, es aber nicht können. Das muss als Beweis reichen, dass der Grant keine Erfindung der Tourismusindustrie ist. Der Grant lebt. Und er ist einer von uns.

Süddeutsche.de: Seit wann granteln die Menschen?

Grasberger: Grant gibt es, seit es Menschen gibt. Die philosophischen Ursprünge des Grants reichen bis in die Antike zurück: zu Heraklit, Diogenes, Pyrrhon. In Bayern führt eine Wurzel des Grants in die Zeit der Gegenreformation, als der Bayer wieder katholisch gemacht wurde. Alle Ansätze für Protestantisches wurden den Menschen schnell wieder ausgetrieben. Kritik konnte dann nur noch leise geübt werden, grantelnd. Die Erfahrung mit Obrigkeiten hat in der bayerischen Geschichte dazu geführt, dass die Menschen hier zwar oft auftrumpfend sind, aber dann in der Regel auch schnell resignieren. Die Bayern neigen nicht zur Revolution, sondern granteln lieber vor sich hin, weil sie denken, dass sie politisch sowieso nichts ändern können.

Süddeutsche.de: Wer ist Münchens Vorzeigegrantler?

Grasberger: Ich habe in meiner Nachbarschaft zwei ganz besondere Exemplare der Gattung, aber die verrate ich nicht. In meinem Buch haben dafür zwei Personen ein eigenes Kapitel bekommen: Karl Valentin und Gerhard Polt, die beiden sind auf ihre Art wunderbare Großgrantler.

Süddeutsche.de: Warum?

Grasberger: Sie haben wie kaum jemand anderes die bayerische Art durchschaut. Auch die Vielschichtigkeit, die der Grant hat, bringen sie gut rüber. Karl Valentin hat diesen Blues, dieses fast Depressive, aber andererseits auch dieses Surreale. Und die Figuren, die Polt darstellt, sind ja oft Kleingrantler, die er dann wunderbar karikiert mit seinem eigenen Grant.

Thomas Grasberger, Grant - Der Blues des Südens, Diederichs Verlag, 14,99 Euro, April 2012. Am Dienstag, 24. April 2012, liest der Autor um 19:30 Uhr in der Max-Emanuel-Brauerei, Adalbertstraße 33, aus seinem Buch. Musikalische Begleitung: Huraxx Daxx.

Es steht eine Brücke im Nirgendwo

mehr...