Nockherberg Sturm im Oberstübchen

Das Singspiel gibt einen Einblick in das Gehirn von Horst Seehofer. Nicht nur dort herrscht Ratlosigkeit. Mama Bavaria findet am Ende auch ernste Worte

Von Wolfgang Görl

Gut, dass es Markus Söder gibt, den bedeutendsten Noch-nicht-Ministerpräsidenten, den Bayern jemals hatte. Söder ist ein Glücksfall für jeden Kabarettisten, und so reibt ihm Luise Kinseher als Mama Bavaria bei ihrer Salvatorrede gleich mal eins hin: "Aber an Markus Söder sieht man: Integration kann gelingen. Er ist ein gesamtbayerischer Wolpertinger: halb Schäufele, halb Weißwurst."

Ja, auch die Bavaria ist ein wenig irritiert von dem Bild, das Bayerns Politiker in dieser Krisenzeit abgeben. Der Ministerpräsident Seehofer zum Beispiel: Der hat sich auf seiner Reise zu Putin in Russland bestens integriert, "die Mütter in Russland benennen bereits ihre Kinder nach dir" - also es geht doch "mit ein bisserl Integrationswillen". Sogar bei Söder funktioniert das, wenn es auch etwas schwieriger ist: "Der kauft sein ideologisches Handwerkszeug im Baumarkt. Deshalb war er auch immer schon in der Lage, seinen Gartenzaun für den Horizont zu halten."

Wie bei jedem ihrer Auftritte auf dem Nockherberg muss Luise Kinseher das Kunststück vollbringen, einerseits die besorgte Mama zu geben, die ihre Kinder liebt, und andererseits just diesen Kindern die Leviten zu lesen. Und manchmal muss sie auch Trost spenden, etwa Ilse Aigner, die eine schlimme Mutation hinter sich hat: "Von der weißblauen Rose der CSU zur Kellerprimel vom Horst." Ganz andere Töne schlägt sie bei Andreas Scheuer an, dem CSU-Generalsekretär, der "noch den rechtesten aller Rechten" in die CSU integrieren will: "Damit man in der AfD nicht erst mühsam unsere Sprache lernen muss, lernt der Andreas Scheuer die ihre."

Dieter Reiter kommt hingegen gut weg. Der Oberbürgermeister ist "mittlerweile in München unangefochtener Alleinherrscher", was sie aber nur sagt, weil sie es so süß findet, "wie der Seppi Schmidt beleidigt schaut". Ansonsten aber kriegen die Sozis ordentlich eins auf die Mütze. Den Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher lobt sie zwar, nur weiß sie nicht, wofür, und was die Partei betriff - oje: "Die SPD ist ja an der messbaren Grenze des Verschwindens angelangt - ich muss sagen, sie erinnert mich ein bisschen an Paulaner Weißbier alkoholfrei." Nicht viel besser sieht es für eine bayerische Grünen-Politikerin wie Margarete Bause aus, im Gegenteil: "Da hat ja ein Sozialdemokrat noch mehr Perspektiven. Der weiß wenigstens, dass in München alle 20 Jahre eine Oberbürgermeister-Stelle frei wird."

Die Mama findet es so süß, wenn der Seppi Schmidt beleidigt schaut

Zum Ende entlässt Kinsehers Bavaria ihre Kinder mit einer mütterlichen Ermahnung. "Eines ist sicher: Es werden noch viele Menschen, die an Krieg, Wirtschaftspolitik und Klimawandel leiden, sich zu uns aufmachen. Und ihr werdet euch wahrscheinlich weiter darüber streiten ( . . .) Aber eines weiß ich auch, irgendwann werden alle erkennten, dass wir es nur miteinander schaffen können, mit Menschenliebe und Humor."

Applaus. Trinkpause.

Und dann Nebelschwaden, von fern ist Vogelgezwitscher zu hören. Auf einer erhöhten Plattform tippt ein Mann auf der Schreibmaschine herum. Hinter ihm riesige Leitz-Ordner, eine Brücke spannt sich über den Boden, auf der anderen Seite schmutzig-braune Schubladenfächer - eine düstere Szenerie. Aus dem Off tönt eine Stimme: "2016 war in Europa ein Gewitter im Anzug. Unheilvolle Aussichten sorgten im gemeinen Volk wie auch in den Köpfen der Entscheidungsträger für angstgetränkte Ratlosigkeit und hektischen Aktionismus. Der Wetterbericht verdrängte alle herkömmlichen Nachrichten . . ." Drei Frauen im Badekostüm singen: "A Wind kimmt vo rechts, und er bringt wos daher . . ."

So unheilverheißend beginnt "Brain- Sturm", das Salvator-Spiel aus der Feder von Thomas Lienenlüke, inszeniert von Marcus H. Rosenmüller. Man ahnt gleich, dass dies keine ausschließlich lustige Derblecker-Schmonzette wird, dazu sind die Zeiten zu ernst. Der Syrienkrieg, die Flüchtlinge, die Toten im Mittelmeer, das zerstrittene Europa, der aufkeimende Nationalismus, Pegida, brennende Unterkünfte, der Hass - soviel Starkbier kann keiner trinken, um das alles zu vergessen. Auch einem guten Singspiel-Regisseur bleibt da gar nichts anderes übrig, als mehr zu bringen als nur ein paar Schadenfreude hervorrufende Politiker-Parodien. Rosenmüller und Lienenlüke wissen das, und - es ist unübersehbar - sie setzen noch mehr als bei ihren bisherigen Nockherberg-Stücken auf theatrale Mittel.

Nicht nur der Text enthält die Botschaft, auch das Bühnenbild, die Kostüme, die Musik sprechen Bände. Warum zum Beispiel stecken die Sängerinnen in Badeanzügen aus den Zwanzigerjahren? Wie war das damals? Einerseits die ungezügelte Lebenslust der Weimarer Jahre, der Tanz auf dem Vulkan, andererseits das Aufkommen der Nazis, die dräuende Katastrophe - ist es heute wieder so weit?

Auch Guttenberg ist wieder dabei, als supercooler Global Player

Noch eines hat die Stimme aus dem Off verkündet: "Am Beispiel eines einzigen, hochproblematischen Individuums lässt sich ein Eindruck gewinnen, warum es der Menschheit nicht beschieden war, ohne Eingreifen einer liebenden Vernunft zu überstehen." Dieses Individuum ist Horst Seehofer, dargestellt von Christoph Zrenner. Der Ministerpräsident hampelt in seinem Hobbyraum herum, wo er seine Modelleisenbahn, ein Bayern im Miniaturformat, aufgebaut hat. Aber man kann auch in Seehofers Kopf blicken. Dort, in der oberen Bühnenetage, ist der Oberhirnrat Überichhofer (Paul Kaiser) tätig, der für Seehofers Vernunftentscheidungen zuständig ist. Und auch der Herr Eshofer (Maxi Schafroth), der "Gefühls- und Sentimentverwalter", treibt hier sein Wesen. Die beiden bekommen es gleich mit Ilse Aigner (Angela Ascher) zu tun, die sich vo ihrem Chef vernachlässigt fühlt. Später legt die frustrierte Ilse noch eine fulminante Showgirl-Nummer hin, bei der sie, frei nach Nina Hagen, schmettert: "Ihr habt die Ilse vergessen, samt ihrer Seel', jetzt gebt doch endlich zu, dass ich euch fehl'."

In Seehofers Hobbyraum ebenso wie in seinem Oberstübchen macht sich indessen Ratlosigkeit breit. Draußen braut sich was zusammen, Seehofer schwant Übles: "Gar Fremdes drückt herein ins Bayernreich und will wahrscheinlich mir mein Land entreißen." Ebenso besorgt, aber auch nicht viel schlauer sind die Politiker, die nach und nach in den Seehofer'schen Kosmos eindringen. Da ist Angela Merkel (Antonia von Romatowski), die später eine Gutmenschen-Demonstration anführt und enthusiastisch singt: "Ihr liebt mich nicht, ich lieb euch schon ( . . .), drum steh ich hier und kann nicht anders. Wir schaffen das." Da ist der Sicherheitsfanatiker Joachim Herrmann (Michael Vogtmann), der am liebsten die Alpen wie eine Mauer rund um Bayern ziehen möchte; da ist der intrigante Söder (Stefan Zinner), der schon immer gesagt hat, "Bayern braucht eine neue Spitze"; da ist Sigmar Gabriel (Thomas Wenke), der in Bayern Asyl sucht und in die CSU eintreten will, weil "hier die Obergrenze an Sozialdemokraten noch nicht erreicht ist". Und da sind noch Ursula von der Leyen (Nikola Norgauer), Dieter Reiter (Gerhard Wittmann), Anton Hofreiter (Wowo Habdank) sowie ein herrlich blasierter Karl-Theodor zu Guttenberg (Stefan Murr), der sich mit amerikanischen Business-Geschwätz als supercooler Global Player geriert. Am Ende aber der Sturm, und nach einer vorübergehenden Katharsis stimmen alle das alte Lied an: "Bla bla bla . . ."

Rosenmüller und Lienenlüke haben eine teils beklemmende, teils komische Groteske auf die Bühne gebracht, die den Irrwitz der Gegenwart kenntlich macht. So ernst die Sache auch ist, das Spiel - und so funktioniert gute Satire - ist kein staubtrockenes Lehrstück, sondern höchst unterhaltsam, nicht zuletzt wegen der großartigen Musik von Gerd Baumann und Sebastian Horn. Schade, dass die Truppe damit nicht auf Tournee geht.