Nockherberg-Reaktionen Zum ersten Mal stehender Applaus

"Erst die Rede, dann die Wahnsinnsmusik, einfach brillant. Und alles inszeniert wie eine Oper, nicht wie Kabarett": Nicht nur Kabarettist Helmut Schleich war begeistert.

(Foto: Johannes Simon)

Boshafte Spitzen, ernste Appelle: Luise Kinseher legt mit ihrer Rede gut vor, doch erst das Singspiel reißt die Gäste richtig mit.

Von Philipp Crone

Am Ende ist im Saal beim Derblecken ein Bild zu sehen, das selbst diejenigen noch nie erlebt haben, die seit 30 Jahren zum Anstich herkommen: Nach den letzten Tönen, "Ein Vorsicht" und dann "Ein Prosit", stehen zunächst die Gäste in den hinteren Reihen auf, bis nach einer halben Minute auch in der ersten Reihe Politiker stehen und klatschen. Dabei war ja gerade in diesem Jahr die große Frage, wie bei den brisanten Themen ein gelungenes Derblecken gelingen kann. Es kann. Und wie. Auch die Rede bekommt viel Lob.

"So gut wie noch nie"

Kabarettist Christian Springer, in den vergangenen Jahren oft eher kritisch, lobt den Auftritt von Luise Kinseher als Bavaria ohne Einschränkungen. "So gut wie noch nie war das heute. Ein großer Appell an die Menschlichkeit." Kinseher setzt in ihrer Rede immer wieder Pointen, über die schallend gelacht wird, aber es gibt auch Momente, in denen sie eine ernste Predigt hält. Schauspieler Axel Milberg, zum ersten Mal beim Derblecken, sagt: "Sie hat auch ab und zu ohne Ironie humanistische Haltungen formuliert" und kluge Gedanken mit schadenfrohen Boshaftigkeiten gut verbunden. Auch Kabarett-Kollege Helmut Schleich ist voll des Lobes: "Das war ein wunderbares bayerisches Derblecken und zwischendrin moralisch."

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Schauspielerin Brigitte Hobmeier muss an manchen Stellen gleich so lachen, dass ihr die Tränen kommen. "Moralisch und bissig", sagt sie hinterher. Bei ihr sitzt Kollege Maximilian Brückner, dem es "sehr gut gefallen" hat. "Sie hat mit wenigen Sätzen viel gesagt und immer auch Tiefe transportiert." Während Karl Hopfner, Präsident des FC Bayern, nur halbglücklich ist. "Sehr predigthaft, mit Tiefschlägen, ganz auf das Thema Integration ausgelegt, insgesamt wie unser Spiel in Turin: teils spitze, teils bedingt." Und Wiesnwirt Roland Kuffler fand die Rede "okay, mit ein paar Hängern".

Von Hängern spricht nach dem Singspiel niemand mehr. Schon während des Auftritts johlen und jubeln viele. Brückner sagt am Ende mit vom Lachen rotem Kopf: "Die Leute stehen, das steht für sich." Der ehemalige Skifahrer Markus Wasmeier wiederholt immer wieder: "Unglaublich! Unglaublich!" Radio-Gong-Chef Georg Dingler ruft ihm zu: "Seit 30 Jahren komme ich her, das gab's noch nie!"

Aufgeregt diskutierende Gäste

Kabarettist Ottfried Fischer sagt: "Es war nicht liebesdienerisch an die Politik oder Paulaner, stattdessen eine blitzsaubere Auseinandersetzung mit der politischen Unfähigkeit beim Thema Integration. Sie zeigen wunderbar die Ohnmacht aller, wie eigentlich niemand auf die Situation vorbereitet ist." Für Hopfner ist es "das beste Singspiel seit 20 Jahren" und Helmut Schleich ist fasziniert von der Dynamik des Abends: "Erst die Rede, dann die Wahnsinnsmusik, einfach brillant. Und alles inszeniert wie eine Oper, nicht wie Kabarett."

Warum, fragt er und blickt über die aufgeregt diskutierenden Gäste, könne man das Stück nicht in das Repertoire eines Theaters aufnehmen? Das wichtigste Thema der Zeit, perfekt inszeniert.

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