Perlach Vier Meter hohe Wand trennt Flüchtlinge von Münchner Wohnsiedlung

  • Ein Politiker hat ein Video der Perlacher Mauer ins Netz gestellt - und damit eine Welle der Empörung ausgelöst.
  • Tatsächlich ist die Mauer aber das Ergebnis eines jahrelangen Rechtsstreits und einer gütlichen Einigung.
  • Anwohner hatten einen besseren Lärmschutz gefordert.
Von Ulrike Steinbacher

Haben Nachbarn einer Flüchtlingsunterkunft mehr Recht auf Ruhe als deren Bewohner? Bekommen die einen deswegen eine vier Meter hohe Schallschutzmauer und die anderen nur eine drei Meter hohe, obwohl sie direkt neben der achtspurigen Salzburger Autobahn wohnen? Das sind Fragen, die Guido Bucholtz umtreiben. Der 62-Jährige ist Beauftragter für Unterkunftsanlagen und Wohnen im Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach. Für die Sitzung an diesem Donnerstag hat er eine Anfrage an die Stadt formuliert, um zu erfahren, ob "da mit zweierlei Maß gemessen wird".

Als Anschauungsmaterial dazu produzierte er mit einer Drohne ein Video der Mauer an der Nailastraße, stellte es unter dem Titel "Die Mauer von München" ins Netz - und löste prompt eine nationale Welle der Empörung aus. In Online-Foren wurde am Wochenende über die "Münchner Mauer" kontrovers diskutiert, über die Abschottung von Flüchtlingen, über ausländerfeindliche Bürger, gar über das Ende des "Münchner Weges", den offenen und hilfsbereiten Umgang mit Flüchtlingen in dieser Stadt. Tatsächlich ist die Mauer aber nur das Ergebnis eines jahrelangen Rechtsstreits und einer gütlichen Einigung.

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Wie wuchtig die praktische Umsetzung dieses Kompromisses freilich ausfällt, dokumentiert Bucholtz in dem Video, das unter www.film.neuperlach.de abzurufen ist. Zu sehen sind zunächst die Berliner Mauer und Szenen von ihrem Fall. Dann geht es nach Perlach: Mit einer Drohne hat Bucholtz Luftbilder der vier Meter hohen Schallschutzmauer an der Berghamer Straße aufgenommen, zusammengefügt aus Gabionen, also Stahlkörben voller Bruchsteine. Sie soll die Anwohner vor dem Lärm der 160 minderjährigen Flüchtlinge schützen, die einmal in die drei mittlerweile fast fertiggestellten Gebäuderiegel an der Nailastraße einziehen werden.

"Unter Integration stelle ich mir etwas anderes vor", kommentiert Guido Bucholtz. Die Flüchtlingsunterkunft an der Nailastraße im Gewerbegebiet Perlach Süd - ursprünglich für 200 Erwachsene gedacht - war eine der ersten, die in München geplant waren, und sie wird eine der letzten sein, die fertig werden. Kurz nach Bekanntgabe des Standorts im Sommer 2014 formierte sich der Widerstand der Nachbarn.

Sechs Bewohner der östlich angrenzenden Einfamilienhäuser und der Eigentümer eines unbebauten Nachbargrundstücks im Süden klagten vor dem Verwaltungsgericht gegen die Baugenehmigung - aus Lärmschutzgründen. Ende Juni 2016, also zwei Jahre später, schloss die Stadt einen Vergleich mit den Anwohnern, wohl auch um weitere Bauverzögerungen zu verhindern. Die Nachbarn hatten ursprünglich eine 4,50 Meter hohe Lärmschutzwand gefordert, der Kompromiss, der auf Schallschutz-Berechnungen basiert, sieht eine vier Meter hohe Mauer vor, die an den Enden abknickt und so den Schall zurückwirft.

Die Mauer zur Asylbewerberunterkunft hin muss so groß sein, dass niemand daran hochklettern kann.

(Foto: Catherina Hess)

Die Wand musste so gestaltet werden, dass niemand daran hochklettern oder lautstark Bälle dagegen werfen kann - daher die Gabionen. Außerdem strich die Stadt noch einen Beachvolleyballplatz aus ihren Plänen. Eine Streetballanlage wurde auf die von den Nachbarn abgewandte Nordwestseite des Grundstücks verlegt.

Inzwischen ist die Lärmschutzmauer fast fertig, und das Video von Guido Bucholtz zeigt ihre Dimensionen. Ein "Symbol des Abschottens" nennt er sie. Sein Clip wird im Internet heftig diskutiert. "Da kommen doch keine Monster, sondern von Krieg geplagte Menschen, die sich vielleicht auch einfach nur nach Ruhe und Frieden sehnen", schreibt ein User. "Wurde die von den Anwohnern selber bezahlt?", fragt ein anderer. "Ansonsten sollte der Bürgermeister diese Mauer aus eigener Tasche bezahlen." Doch auch Verständnis für die Nachbarn findet sich: "Man sucht sich die Lage seines Hauses aus, um seine Ruhe zu haben", schreibt einer. "Es ist absolut nachvollziehbar, wenn man sein kleines Paradies schützt", erklärt ein anderer.

Die Debatte hat sich längst verselbständigt, auch zum Leidwesen von Bucholtz. Dem geht es eigentlich gar nicht mehr um das alte Problem Nailastraße, das die Mauer ja letztlich gelöst hat. Vielmehr hat er einen anderen Schallschutz im Blick, an einem anderen Standort, gut drei Kilometer weiter nördlich: An der Woferlstraße, etwa 50 Meter von der Salzburger Autobahn entfernt, wurde im September eine Gemeinschaftsunterkunft für 200 Flüchtlinge in Betrieb genommen. Die Lärmschutzmauer dort ist aber nur drei Meter hoch, trotz der viel befahrenen Autobahn nebenan. Da würde Bucholtz gern für mehr Gerechtigkeit sorgen. Er will wissen, ob an einer Autobahn andere Grenzwerte gelten und ob ein Schallschutzgutachten für den Standort Woferlstraße vorliegt.

Münchens Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), die für beide Standorte die Diskussion mit den Nachbarn moderiert hatte, verweist dazu auf die Experten. "Ich habe nur geschaut, dass wir einen verträglichen Kompromiss kriegen", sagt sie. Denn wenn ein Anwohner klage, komme der Baustopp, "und dann habe ich erst mal wieder gar nix". Sie wollte im Gespräch mit den Nachbarn erreichen, "dass die Akzeptanz bleibt, dass wir aus der Konfrontation herauskommen". Die Unterkunft an der Nailastraße, sagt sie, sei im übrigen sehr schön geworden. Und die Mauer, die die Anwohner gefordert hatten, stehe sehr viel näher an deren Häusern als am Wohnheim.

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