Neufahrn Von einer Flüchtlingsunterkunft, die leersteht, Arbeit macht - und kostet

Sie sollten ein neues Domizil bieten, doch meist blieben die Traglufthallen in der Region München leer.

(Foto: Angelika Bardehle)
  • Die in Neufahrn errichtete Traglufthalle mit Platz für 300 Menschen bleibt trotz hoher Kosten ungenutzt - die Beendigung des Mietvertrages zwischen Freistaat und Betreiberfirma zieht sich hin.
  • Traglufthallen gelten als absolute Notlösungen, sind aber politisch unerwünscht.
Von Birgit Grundner und Kassian Stroh

Fest steht: In die Traglufthalle in Neufahrn werden niemals Flüchtlinge einziehen. Die Regierung von Oberbayern will solche Unterkünfte nicht mehr. Doch als das vor Monaten beschlossen wurde, da stand die Halle bereits in voller Pracht. Mit Platz für bis zu 300 Menschen, aber leer.

Wann sie wieder abgebaut wird, ist noch immer unklar. Die Verhandlungen des Landratsamts Freising mit der Firma, bei der die Halle für zwölf Monate angemietet wurde, ziehen sich weiter hin. Unter anderem gehe es um eine vorzeitige Beendigung des Mietvertrags mit einer entsprechenden Ablösevereinbarung, heißt es im Landratsamt.

Teuer wird es in jedem Fall. Eine konkrete Summe ist nicht zu erfahren, aber die Kosten für eine Traglufthalle können "sich durchaus auf rund eine Million Euro für ein Jahr belaufen", bestätigt die Sprecherin des Landratsamts. Zahlen muss der Freistaat, der der Vertragspartner der Hallenfirma ist. Und zusätzliche Arbeit macht die leer stehende Unterkunft auch: Die Freiwillige Feuerwehr Neufahrn musste in den vergangenen Tag schon mehrmals das Dach vom Schnee befreien, weil es unter der schweren Last nachzugeben drohte. Angeblich soll deshalb jetzt die Heizung eingeschaltet werden.

Eiszeit auch außerhalb der Unterkunft

Nach dem Versagen der Heizung schiebt der Hallenvermieter dem Landratsamt die Schuld dafür in die Schuhe. Und auch ansonsten sind Firma und Behörde sich alles andere als einig. Von Anja Blum mehr ...

Die Neufahrner ist das wohl kurioseste, aber nicht einzige Beispiel einer Traglufthalle, die für viel Geld gebaut, dann aber nie genutzt wurde. Vor gut einem Jahr, als die Städte und Landkreise plötzlich Tausende Flüchtlinge unterbringen mussten, waren sie für diverse Kommunalpolitiker die letzte Hoffnung, um schnell Quartiere schaffen zu können. Auch in München stellte das Sozialreferat entsprechende Überlegungen an, wurde aber von Oberbürgermeister Dieter Reiter zurückgepfiffen.

Anderswo war man weniger skrupulös. Auf dem Festplatz von Gilching im Kreis Starnberg zum Beispiel wurde zum Jahreswechsel 2015/2016 in Rekordtempo eine Traglufthalle für mehr als 200 Asylbewerber aufgebaut. Dann gab es Streit wegen technischer Mängel, im August wurde sie wieder abgebaut. Eingezogen war nie jemand. Wie viel genau das den Freistaat gekostet hat, ist unbekannt. Es müssen aber deutlich mehr als 150 000 Euro gewesen sein.

Auch die Halle im Poinger Ortsteil Grub im Osten Münchens sollte ungenutzt wieder demontiert werden, bis im Oktober ein Feuer die Traglufthalle von Pliening (ebenfalls im Landkreis Ebersberg) unbewohnbar machte. 200 Asylbewerber zogen kurzerhand nach Poing um. Und machten jetzt die bittere Erfahrung, dass die Heizung der Halle der Kälte nicht gewachsen war. Nur mit Notmaßnahmen wurde eine Evakuierung verhindert. So wie auch in Holzkirchen im Kreis Miesbach, wo die Heizung ebenfalls den Geist aufgab.

Nach dem Willen der Regierung von Oberbayern, die als Staatsbehörde die Unterbringung der Asylbewerber organisiert, sollen die wenigen Traglufthallen, die es in der Region gibt, bald alle abgebaut sein. Sie gelten seit dem vergangenen Sommer, als die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge deutlich zurückgegangen war, als "prekäre Unterbringungsformen" und als überflüssig. Nicht immer zur Freude der jeweiligen Kommunalpolitiker.

Im Falle Neufahrns etwa machte der Freisinger Landrat Josef Hauner (CSU) keinen Hehl aus seiner Ablehnung der neuen Linie der Regierung. Noch im Herbst plädierte er dafür, den bis 2017 laufenden Mietvertrag auch zu nutzen, um im Fall erneut steigender Flüchtlingszahlen gewappnet zu sein. "Dennoch haben wir uns natürlich um einen frühzeitigen Ausstieg aus dem Vertrag bemüht", teilt seine Sprecherin mit. Nur ist man sich mit der Herstellerfirma noch immer nicht einig geworden.

Politisch gewünscht sind Traglufthallen als Unterkünfte inzwischen nicht mehr, als Notnagel werden sie freilich immer noch gebraucht. Erst am Dienstag wurden 200 Asylbewerber in die Halle von Unterhaching gebracht. Bislang lebten sie in Containern in Unterschleißheim. Die müssen nun einem prestigeträchtigen Bauprojekt weichen: dem neuen BMW-Forschungszentrum für selbstfahrende Autos.

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