Wohnprojekt Wenn Flüchtlinge und Studenten zusammenwohnen

Auch Kunst gehört zum Konzept des neuen Hauses in der Kistlerhofstraße: Der Künstler Flatz gestaltete das Ambiente für das gemeinsame Wohnprojekt.

(Foto: Catherina Hess)
  • In der Kistlerhofstraße im Münchner Süden leben Studenten und Flüchtlinge zusammen unter einem Dach.
  • Die jungen Leute wollen voneinander lernen und Integration leben.
  • Kandidaten müssen bestimmte Kriterien erfüllen, sowohl die Flüchtlinge als auch die Studenten.
  • Das Wohnheim ist das erste dieser Art und für den dahinterstehenden Verein ein Wagnis. OB Reiter kam zur Eröffnung und zeigte sich begeistert.
Von Elisa Harlan

Keine Massenunterkunft mehr, sondern ein eigenes Zimmer mit Bett, Tisch und Schrank. Das hat sich Bakary Manga lange gewünscht. Seit acht Monaten ist er in Deutschland und macht eine Ausbildung zum Maler. Anfang September ist der Senegalese in ein neues Wohnprojekt mit anderen Flüchtlingen und Studenten in die Kistlerhofstraße im Münchner Süden gezogen. Er hat nun ein eigenes kleines Zimmer, das noch nach frischer Farbe riecht.

Nach über zwei Jahren Planungsphase wurde jetzt die neue, integrative Unterkunft vom Verein Condrobs eingeweiht. Der überkonfessionelle Träger betreibt soziale Projekte in ganz Bayern. Bei diesem Wohnprojekt hat der Verein die unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge, die UMFs, im Blick. Das Wohnheim, das erste dieser Art, ist für den Verein ein Wagnis. Zur Eröffnung kam auch Oberbürgermeister Dieter Reiter. Er nannte die Idee "einmalig" und "traumhaft". Es bringe Leute mit verschiedenen Hintergründen zusammen. "Das ist genau die Integration, die ich mir vorstelle", sagte Reiter. Und: "Wir als Stadt München werden versuchen, dieses Projekt zu kopieren."

"Ich mag es nicht hier - ich liebe es!"

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Integration durch Miteinander

Genau dieses Ziel, nämlich Wohnraum für Flüchtlinge ganz neu zu entwickeln, hat auch Geschäftsführer Frederik Kronthaler. Er und das Condrobs-Team mussten viele Investoren und Geldgeber motivieren mitzumachen. Kronthaler ist überzeugt, dass sich die Arbeit gelohnt hat: "Integration funktioniert nur durch Zusammenleben." In dem ehemaligen Bürogebäude sollen bald 42 Studenten und 61 männliche Flüchtlinge wohnen, noch sind nicht alle Plätze belegt. Kronthaler ist an diesem Abend fast euphorisch: "Der Treffpunkt der jungen Leute ist schon jetzt der Basketballplatz."

Die Bewohner des Hauses müssen bestimmte Kriterien erfüllen - die Flüchtlinge, aber auch die Münchner Studenten. Die Flüchtlinge sollen gut Deutsch sprechen und einen Ausbildungsplatz vorweisen. Die Studenten müssen zeigen, dass sie sich mit der sozialen Idee identifizieren und auch bereit sind, sich im Haus zu engagieren. Simon Janßen ist bei der Wohnungssuche im Internet auf das Projekt gestoßen und fand es gleich gut. Der Maschinenbaustudent ist ganz bewusst in das Haus eingezogen. "Ich bin gerne so eine Art Mentor für einen Flüchtling", sagt er. Auch sonst gefällt ihm sein Zimmer.

Gemeinsames Kochen soll zum Alltag werden.

(Foto: Catherina Hess)

Engagement und professionelle Hilfe

Gut, in den ersten Tagen habe das Wlan noch geholpert. "Aber als die Leitung tot war, bin ich einfach mal den Flur rüber und hab mich mit ein paar Leuten unterhalten." Mit Bakary Manga hat er sich schon zum Fußballspielen verabredet. Bakary Manga und Simon Janßen machen vor, wie das Zusammenleben im Haus funktionieren soll. Tags und auch nachts sind Sozialpädagogen im Haus, die Pforte ist immer besetzt. Es braucht trotz allem Engagement der Studenten eben auch professionelle Hilfe. Die Jugendlichen kommen aus Afghanistan, Sierra Leone und Somalia und sind allein nach München geflohen. Ihre Familien sind tausende Kilometer weg, wenn sie überhaupt noch leben. Für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist jedoch ihr junges Alter gleichzeitig auch ein Segen, denn so kümmert sich die Jugendhilfe um sie.

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Die weißen Wände in dem früheren Bürokomplex sind noch leer. Einzig das Grundgesetz hängt vorsorglich schon an allen Küchentüren. Manga hat an seinem 18. Geburtstag letzte Woche für sich und seine Mitbewohner gekocht. Es gab Domoda, ein scharfes Gericht mit Erdnussbutter, Fleisch und Reis. Er ist dankbar, sagt er, für die Freundlichkeit und sein Zimmer.

Kronthaler jedenfalls ist zufrieden, wie die ersten Wochen geklappt haben. Er ist auf das nächste halbe Jahr gespannt, in dem sich noch vieles einpendeln muss. Sein Wunsch ist es, dass die Flüchtlinge hier einfach das Leben üben. Und falls die Kommunikation mal nicht so läuft, kann sich Kronthaler immer noch überlegen, das Wlan einige Stunden auszuschalten.