Von Jonathan Fischer

Es fällt nicht leicht, Helmut Josef Geier mit dem Überflieger des internationalen DJ-Jetset in Verbindung zu bringen, der er nunmal ist: Hell findet auf seinem neuen Album zu neuer Größe.

Nein, sagt Hell, es sei ihm erst hinterher aufgefallen: Dass auf seinem neuen, in eine "Day" und "Night" Platte aufgeteiltem Doppelalbum alles mit der Nacht anfängt. "Da merkt man halt wie lange ich schon im Nachtleben bin." Der 47-jährige lacht sein zurückgenommenes, gutmütiges Lachen.

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Am Modebewusstsein der Mods geschult: Hell. (© Foto: International Deejay Gigolo Records)

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"Teufelswerk" hat er die Konzept-Platte betitelt. Um sie mit Tracks wie "Germania", "Electronic Germany" oder "The Angst" zu füllen. Das riecht nach Hybris, nach kalkulierter Provokation. Doch solche Vermutungen prallen an seinem freundlichen Schulterzucken ab. Hell ist keiner, der mit seinem enzyklopädischen Pop-Wissen auftrumpft. Es fällt auch nicht leicht, Helmut Josef Geier mit dem Überflieger des internationalen DJ-Jetset in Verbindung zu bringen. In seiner bedächtigen, oberbayerisch gefärbten Aussprache Hinweise auf die Energie zu finden und das Nachtleben-Ego, die ihn im Laufe von zwanzig Jahren als DJ Hell in die erste Dancefloor- und Design-Liga katapultiert haben.

Das DJ hat er gestrichen, jetzt nennt er sich einfach Hell und ist gerade in seinem "Day"-Modus: Braungebrannt, in T-Shirt, grauen Jeans und Slippers fläzt er sich in der Altbau-Küche eines Münchner Kollegen. Nippt am Mineralwasser. Und schwärmt von einem Waldsee nahe des heimatlichen Traunstein, wo er den Nachmittag über sein Handtuch ausgebreitet hatte. "Bisserl Luft holen muss ich auch manchmal", sagt er.

Der Terminplan des letzten Monats: DJ-Sets auf der Miami Music Winter Conference, eine Warehouse-Party in Brooklyn, Clubtour durch Kanada, danach Interviews in Paris, zwei Tage daheim in Berlin, ein Gig in Budapest, Promotion in London, - dann zum Champions-League-Spiel der Bayern für einen Fernsehabend mit Freunden in die alte Heimat München. Der Hype um "Teufelswerk" lässt ihm nicht viel Zeit.

Sensationell, zwingend

Kein Hype eigentlich, sondern echter Jubel. Den Pet Shop Boys kam ein "sensational" über die Lippen. Bryan Ferry stiftete Hell einen nicht veröffentlichten Song , P Diddy tritt als Gast-Rapper auf. Und der englische Guardian hörte gar "eines der ambitioniertesten und zwingendsten Dance Alben aller Zeiten".

Das kommt umso überraschender, als es in den letzten Jahren ziemlich still um DJ Hells einst leuchtendes Nachtleben-Imperium geworden war. Electro-Clash, einst der gewalttätige Herzschrittmacher der Clubs von New York bis Berlin, ging zehn Jahre nach Hells Genre-definierendem Album "Munich Machine" der eigenen Verschrottung entgegen: Damals hatte der Münchner Pop, Punk, Elektro und Techno zusammengequirlt. Auf seinem Label International Deejay Gigolo Records förderte er gleichzeitig Acts wie Chicks On Speed, Fischerspooner oder Miss Kittin. Nach dem 2004er Album "New York Muscle" schien ihm dann mit den Ideen auch die Luft auszugehen.

Nun lief er den Trends nur noch hinterher. Italo Disco, Post Punk, Misch Masch. Zuletzt machten gar Bankrott-Gerüchte über Hells Plattenfirma die Runde. Ein solches Ende wäre zumindest nicht unehrenhaft gewesen. Geben doch die Gesetze der elektronischen Tanzmusik ihren Protagonisten in der Regel nicht mehr als ein paar Jahre bis sie zu - bestenfalls Remix-würdiger - Nostalgieware absacken. Da hatte Hell dank angeborener Sturheit plus stilistischer Bandbreite schon mehr saisonale Wechsel überlebt als jeder Bayern-Trainer.

Nun aber hat er sich noch einmal neu erfunden. Die Nachtabteilung von "Teufelswerk" liefert Großhubraum-Techno, bei dem Hell auf die eigene Geschichte zurückgreifen konnte: Etwa "Disaster", wo Bleeps, rhythmisierte Pfeifgeräusche und bösartig grunzende Bässe die Musik voranpeitschen. Erprobte Kraftmeierei.

Ganz anders die Dynamik der Tageshälfte: Sie klinge, schwärmt der Guardian, wie "das große künstlerische Statement eines Mannes, der eines morgens in Cannes oder Ibiza, nach einer exklusiven Mode-Party aufwacht und beschließt, endlich Ernst zu machen".

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