Neuer Laden in München Regal zu vermieten

Früher galten Menschen, die strickten oder Beutel bedruckten, als verschrobene Öko-Sonderlinge. Nun ist hip, wer mit Nadel und Faden umgehen kann. Für alle Bastler hat Jessica Arendt jetzt in Giesing einen Laden eröffnet - hier kann man ein Regalfach mieten und Selbstgemachtes verkaufen.

Von Deniz Aykanat

Im Laden von Jessica Arendt kann man Selbstgemachtes verkaufen.

(Foto: Hess)

Wenn ein Laden in Münchens Innenstadt frei wird, kommt meist eine neue Filiale von Douglas, H&M oder Zara hinein. Dort kann man sich mit Einheits-Parfum besprühen und mit Mainstream-Pullis ausstatten. Einzigartig geht anders, findet Jessica Arendt, Schneiderin, Künstlerin und seit wenigen Wochen Ladenbesitzerin. Sie verkauft deshalb: leere Regale.

Arendt steht in einem selbstgeschneiderten Kleid aus lila Dirndlstoff im "Karusa" in der Humboldtstraße 6 in Untergiesing. Leuchtkugeln aus Milchglas hängen von der Decke, inzwischen sind viele Fächer in den Stahlregalen voll. Wer etwas selbst gemacht hat, Altes restauriert oder schöne Dinge aufgestöbert hat, kann bei Arendt ein Fach in einem Regal oder auch nur einen Kleiderbügel mieten - für 2 Euro. Die Verkäufer bringen die Sachen in den Laden, gestalten und dekorieren ihr Fach nach den eigenen Wünschen, den Rest erledigt Ladenbesitzerin Arendt. Sie zeigt den Kunden die Sachen, kassiert ab und lässt das erwirtschaftete Geld den Machern zukommen.

Das Konzept von Jessica Arendts Laden ist nicht neu. In Berlin und Hamburg gibt es solche Plattformen für Selbstgemachtes bereits, in Stockholm finden sich in manchen Straßen vier oder fünf solcher Läden. In München gibt es bislang vor allem Dauer-Flohmärkte: Der Flohpalast beispielsweise vermietet Regalfächer für alte Schätze. Bei Bric-à-Brac in der Lindwurmstraße wird Regalfläche pro Meter vermietet. Arendt setzt nun vor allem auf Selbstgemachtes.

Im Karusa ist alles erlaubt, was gefällt. Und so gibt es neben Schmuck, Socken und Filz-Taschen auch allerhand Skurriles in Arendts Laden zu finden: Eine Hobby-Bastlerin wollte unbedingt bereits im September mit Lametta behängte Weihnachts-Tannenzapfen zum Verkauf anbieten. Die Ladenbesitzerin, die selbst auch gerne bastelt, verkauft Kerzenständer aus Zementkuchen und Obstschalen aus alten Schallplatten. Es gibt bedruckte Baby-Strampler, alte Espressomaschinen und eine Sitzbank, die mal ein Schrank war.

Im Internet boomen Portale, auf denen selbstgemachte Dinge verkauft werden. Früher galten Menschen, die strickten oder Beutel bedruckten, als verschrobene Öko-Sonderlinge. Nun ist hip, wer mit Nadel und Faden umgehen kann. Je ausgefallener, desto authentischer. Von selbstgestrickten Pullovern mit Elchen bis zu Eulen-Ohrstecker findet man bei Internet-Märkten fast alles.

Bei Dawanda, dem angeblich größten Online-Marktplatz für Selbstgemachtes in Europa, hielt mit dem rapiden Wachstum aber auch die Kritik Einzug. Mit 150.000 Verkäufern und etwa zwei Millionen Produkten, die zum Verkauf angeboten werden, sei das Portal längst zu kommerziell geworden. Arendt wehrt sich deshalb gegen einen Hype. Sie will sich mit ihrem Laden vor allem selbst verwirklichen. "Es geht mir darum, wieder zurück zum Ursprung zu kehren und wieder mit den eigenen Händen zu arbeiten", sagt sie. Verluste macht sie bislang dennoch nicht. "Alle meine Kunden hatten nach wenigen Tagen ihre Regalmieten wieder drin", sagt Arendt.

Eigentlich hatte die 31-Jährige einen sicheren Job bei einer großen Modekette als Bekleidungstechnikerin. "Aber dort war es wie im Hamsterrad. Wenn man Tag für Tag nur Karos, Hemden und Knöpfe zählt, zermürbt einen das irgendwann." Bis Jessica Arendt ihre Idee eines eigenen Ladens in die Tat umsetzen konnte, verging jedoch einige Zeit. Sieben Monate lang stand sie morgens um sieben Uhr auf und radelte München auf der Suche nach einem Ladengeschäft ab. Manchmal telefonierte sie am Tag mit bis zu 50 Maklern, machte Vermieter ausfindig, stellte sich vor. "Keine Chance, ich erntete nur skeptische Blicke. Die wollten nur wissen, wie viele Filialen ich schon habe", sagt Arendt.

Als sie endlich den Laden in Untergiesing findet, beginnen die Querelen mit den Banken. Obwohl es Gründerzuschüsse gibt, wollte ihr keine Bank einen Kredit geben. Als Jessica Arendt drauf und dran war, alles hin zu schmeißen, erbte ein Freund Geld. "Letztlich hat er mir alles gegeben, was er hatte. Jetzt ist mein Ehrgeiz natürlich noch größer, dass der Laden gut läuft."