Neue Medien Wie die Digitalisierung ins Klassenzimmer kommt

  • Lernen mit digitalen Medien wird an der Wilhelm-Busch-Realschule in München in Zukunft eine immer größere Rolle spielen.
  • Simon Köhl gründete Serlo, eine freie Lernplattform im Internet.
Von Melanie Staudinger

Heute kann Simon Köhl nur mehr darüber lachen. Damals allerdings fand er seine Situation alles andere als lustig. "Ich hatte einige Probleme in der Schule, weil ich mit der Art zu lernen einfach nicht zurecht kam", sagt er. Geschafft habe er sein Abitur nur, weil er ständig Nachhilfeunterricht bekam. Seine Eltern, Akademiker aus Harlaching, konnten das bezahlen.

"Ich finde es schade, dass der Bildungserfolg vom Geld abhängig ist", sagt Köhl. Vor neun Jahren traten er und ein paar Freunde an, um das zu ändern. Die Zwölftklässler gründeten Serlo, eine freie Lernplattform im Internet. Kostenlos, werbefrei und ohne Anmeldung können Schüler dort Mathe lernen - in ihrem eigenen Tempo, wie Köhl betont. Und mit Medien, die ihnen zusagen: Es gibt einfache Erklärungen ebenso wie ganze Kurse, Lernvideos und Übungen mit ausführlichen Musterlösungen.

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In dieser Woche hat Köhl zu einer Gesprächsrunde mit dem Thema "Digitale Bildung - Selbstzweck oder pädagogischer Mehrwert" geladen. Was den Jungunternehmer stört: Wenn von digitaler Bildung die Rede ist, wird meist über den Ausbau von schnellen Internetverbindungen und drahtlosen Netzwerken gesprochen. Es geht um digitale Whiteboards, um Tabletklassen und darum, wieso Handys an Bayerns Schulen noch immer verboten sind. Um die vielen Möglichkeiten, die digitale Bildung bietet, wird kaum diskutiert. "Wir müssen zuerst über die Pädagogik sprechen", fordert Köhl.

Eine, die das jeden Tag tut, ist Sonja Moser. Sie leitet den Fachbereich Medienpädagogik im Pädagogischen Institut der Stadt München. Und auch sie sagt: "Wenn wir die Digitalisierung ernst nehmen, brauchen wir eine andere Didaktik." Welche genau, das versucht das Pädagogische Institut gerade in einem Projekt herauszufinden. In acht städtischen Kindertagesstätten und Schulen hat Moser jeweils zwei Medienbeauftragte ausbilden lassen. Sie sollen ihre Kollegen für die Digitalisierung begeistern.

"Wir wollen sehen, wie Lernen mit digitalen Medien funktioniert, wenn nicht nur zwei Motivierte damit arbeiten, sondern alle Mitarbeiter einer Einrichtung", sagt Moser. Denn bisher lief es zu oft so: Die Stadt stattete ein Klassenzimmer mit Whiteboard, Laptop und Beamer aus. Der Lehrer fuhr das System hoch, es klappte nicht gleich beim ersten Mal und er ließ es wieder sein. Mobile Geräte sollen nun zum Alltag werden in Münchens Schulen, zu einem Werkzeug wie Knete, Papier und Stift. "Das erfordert ein Umdenken, ein Loslassen", sagt Moser.

Und es braucht neue Bildungskonzepte: Der Lehrer soll nicht mehr länger ein Alleinunterhalter sein, der an der Tafel steht und alles vorkaut, was die Schüler hinterher in ihr Heft notieren und auswendig lernen. "Digitale Medien dürfen nicht einfach nur ein Ersatz für analoge Medien sein", sagt Karsten Stegmann vom Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität. Wer also sein Whiteboard nur nutzt, um darauf zu schreiben, kann auch weiter mit einer Tafel arbeiten. Wer hingegen die interaktiven Möglichkeiten ausschöpft, der macht sich auf den Weg zum selbstgestalteten Lernen.

Wie das aussehen kann? Erzieherinnen können die Kinder zum Beispiel in den Garten schicken, wo sie mit dem Tablet Insekten oder Kriechtiere fotografieren. Zurück im Kindergarten können die Bilder besprochen werden. In der Schule könnte ein Erklärvideo den Vortrag des Lehrers ersetzen. Die Jugendlichen schauen den Film daheim und üben in der Schule. So werde der Lehrer zum Feedback-Geber und verharre nicht länger in der Rolle als Korrektor der Hausaufgaben, sagt Stegmann. "Der Alltag wird immer digitaler. Das nicht in der Schule zu behandeln, bedeutet, dass man es dem Zufall überlässt, ob die Kinder auf die Zukunft vorbereitet sind", erklärt er.

Jungunternehmer Simon Köhl (Mitte) diskutiert mit den Experten Karsten Stegmann und Sonja Moser über den digitalen Wandel an Schulen

(Foto: Robert Haas)

Eine bessere Lehrerausbildung, mehr Unterstützung bei der Gestaltung eines Unterrichts, in dem digitale Medien alltäglich sind, und mehr Freiheiten für die Schüler - das fordern Experten wie Moser, Köhl und Stegmann. Ganz abkoppeln kann man die Diskussion aber nicht von einer Debatte um die Infrastruktur. In diesem Bereich sind erste Anstrengungen bereits angelaufen.

Noch hinken viele Münchner Schulen dem digitalen Zeitalter hinterher. Für mehr als 50 Millionen Euro soll das schnelle Internet in den kommenden Jahren ausgebaut werden. Auch der Freistaat engagiert sich. Die Staatsregierung will bis 2022 insgesamt drei Milliarden in die Medienerziehung stecken. Eltern wie Lehrer sollen für den digitalisierten Unterricht gewonnen werden. Das sieht auch Sonja Moser so: "Wir stehen noch ganz am Anfang."

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