Neue Konzepte in der Schule Nach der Arbeit gibt es Essen

Durch den Ganztagsunterricht verbringen Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in der Schule. Deshalb wird auch die Bildung abseits klassischer Fächer wichtiger. Im Sophie-Scholl-Gymnasium geht es viel um gesunde Ernährung. Manche kommen so erstmals zum Kochen

Von Melanie Staudinger

Lehrerin Stefanie Kaindl entschuldigt sich schon am Anfang. Malen sei nicht ihre Stärke, sagt sie zu den 14 Neuntklässlerinnen, die vor ihr sitzen. Kaindl malt einen großen Teller, daneben eine Gabel und ein Messer. Welche Speisen denn am Sederabend des jüdischen Pessach-Fests serviert werden, will Kaindl von den Mädchen wissen. Die wissen ziemlich gut Bescheid: Mazzen, Lammknochen, Bitterkräuter, Salzwasser, grüne Kräuter, Wein und ein gekochtes Ei. Nur das Charoset, ein Apfelmus, ist den meisten kein Begriff. Kaindl hängt kleine Schilder mit den Komponenten an die Tafel und sagt: "Heute werden wir einen Sederteller machen." Ohne Lamm und Wein allerdings, beides wäre um halb neun Uhr morgens in der Schule ein wenig unpassend.

Kaindl hat eine mobile Kochstation mitgebracht: Auf dem Rollwagen befindet sich eine Herdplatte und in den Schubladen sind Schüssel, Töpfe, Besteck, Schneidebretter und Messer. Die Aufgaben werden verteilt: Zwei Schülerinnen sind für die Eier zuständig, zwei bereiten den Salat vor, andere kümmern sich um das Brot, decken den Tisch und bereiten das Fruchtmus vor. Die Gymnasiastinnen lernen ganz nebenbei, wie eine Induktionsplatte funktioniert, dass sich Nüsse mit einem langen Messer einfacher hacken lassen als mit einer kleinen Schneidefläche. Und sie erfahren viel von der jüdischen Kultur. So sieht katholischer Religionsunterricht am Sophie-Scholl-Gymnasium für Mädchen im Norden Schwabings aus.

Im Klassenzimmer Essen zubereiten: Schülerinnen des Sophie-Scholl-Gymnasiums an einer von zehn mobilen Kochstationen, die die Stadt angeschafft hat.

(Foto: Catherina Hess)

Der Kochwagen hier ist einer von zehn, den das städtische Bildungsreferat nach einem Beschluss des Stadtrats vom November vergangenen Jahres angeschafft hat. 40 000 Euro hat die Stadt dafür bezahlt, die mobilen Kochstationen gehören zum Konzept für Ernährungsbildung in den allgemeinen und berufsbildenden Schulen. In den Kindertagesstätten wird schon länger Wert auf gesunde Ernährung gelegt. Und das mit Erfolg, wie der 13. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung im Februar 2017 aufzeigte: Die Zahl der übergewichtigen Kinder bei Schuleintritt stagniert oder ist sogar rückläufig.

Für eine generelle Entwarnung aber ist es noch zu früh, darin sind die Experten sich einig. Kinder bewegen sich oftmals weniger als früher, sie sitzen vor dem Fernseher, spielen am Tablet oder Smartphone. Gegessen wird tatsächlich längst nicht mehr in allen Familien gemeinsam, einige ziehen den Snack auf der Couch der selbst gekochten Mahlzeit vor. Und der Döner von nebenan scheint immer besser zu schmecken als der Gemüseauflauf in der schuleigenen Mensa. Ungefähr jedes siebte Kind in Deutschland wiegt zu viel, spätere Gesundheitsschäden sind nicht auszuschließen. Gleichzeitig verbringen Kinder und Jugendliche durch den Ganztagsunterricht immer mehr Zeit in der Schule - die wiederum eine größere Verantwortung für Bildung abseits der klassischen Schulfächern, zum Beispiel im Bereich Ernährung und Verpflegung übernimmt. "Das bedeutet, dass sich Schulkonzepte an die veränderten Bedingungen anpassen und eine zeitgemäße Ernährungs- und Verbraucherbildung als wesentliche Bildungsziele in die Schulprogramme und Lehrpläne integriert werden müssen, um Schülern Kompetenzen zur Alltagsbewältigung zu vermitteln", schrieb das Bildungsreferat in der Vorlage für den Stadtrat.

Jüdische Kultur im Katholisch-Unterricht: Mit diesen Zutaten bereitet eine Klasse einen Sederteller zu.

(Foto: Melanie Staudinger)

Am Sophie-Scholl-Gymnasium ist Alexandra Hofer für gesunde Ernährung zuständig. Die Lehrerin gibt im zweiten Jahr den Wahlkurs "Gesundes Kochen", ein verpflichtendes Schulfach Ernährung gibt es an bayerischen Gymnasien nicht. Alle zwei Wochen trifft sie sich mit Schülerinnen der achten und neunten Klassen - gemeinsam bereiten sie ein Hauptgericht und ein Dessert oder eine Vorspeise und ein Hauptgericht. Burger wurden schon gebrutzelt und Käsespätzle gemacht. Kuchen wurde gebacken, eine Kürbissuppe gekocht. 90 Minuten bleiben der Gruppe für die Zubereitung und das gemeinsame Essen. "Das ist nicht viel Zeit, aber es geht", sagt Hofer. Und das Konzept geht auf: Anfangs kannten viele Mädchen das Kochen von daheim gar nicht. Andere trauten sich kaum, unbekanntere Lebensmittel zu probieren. "Heute probieren sie mehr und sind viel offener geworden", sagt Hofer.

Der Kochwagen biete nun die Möglichkeit, Ernährungsbildung flexibler in den Unterricht einzubauen - und damit noch mehr Schülerinnen zu erreichen. Denn im Grunde genommen lässt sich die mobile Kochstation in jedem Fach verwenden. Manche Deutschlehrer haben schon wie Fernsehköche vor ihrer Klasse gekocht, wie Hofer erzählt. Die Schülerinnen schreiben mit und fertigen aus den Notizen eine Vorgangsbeschreibung an. Das macht mehr Spaß, als bloße Rezepte zu lesen - und nach der Arbeit gibt es Essen.

Für gutes Essen

Die Stadt München hat in Zusammenarbeit mit Studenten des Studienganges Industrial Design der Fakultät Architektur an der Technischen Universität München einen Kochwagen entwickelt, der es ermöglicht, direkt im Klassenzimmer kleine Speisen zuzubereiten. Er ist nur ein Teil eines umfassenden Konzeptes zur Ernährungsbildung, das das städtische Bildungsreferat erarbeitet hat. Das Programm soll Schulen dabei unterstützen, gesundes Essen am Pausenverkauf und in der Mensa anzubieten oder Schulgärten anzulegen. Schüler sollen mehr in die Gestaltung des Speiseplans eingebunden werden, etwa durch Schüler-AGs. Es gibt zudem Empfehlungen für Grund-, Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien und berufliche Schulen, welche Inhalte in welchem Fach vermittelt werden können. mest

Mit ihren 29 Fünftklässlerinnen machte Hofer zuletzt Pancakes in der Mathematikstunde. Prozentrechnen stand auf dem Lehrplan. Die Schülerinnen mussten die im Rezept angegebenen Mengen anpassen und berechnen, wie viel sie für ihre Gruppe brauchen. Hofer brachte die Zutaten mit, gemeinsam wurden die amerikanischen Pfannkuchen gebacken. "Es war nur schwierig, sie zu essen", berichtet die Lehrerin. Denn im Kochwagen gebe es nur Schüsseln, leider aber keine flachen Teller.

Um dieses Problem beim Pessachmahl zu umgehen, hat Stefanie Kaindl für ihren Religionskurs Teller von daheim mitgebracht. Mittlerweile sind die Speisen zubereitet und schön angerichtet, die Mädchen haben Platz genommen. "Wir feiern hier kein jüdisches Fest nach", sagt Kaindl. Deshalb erkläre sie zwar kurz den Ablauf, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten werde aber nicht vorgelesen. Und statt Wein serviert sie Traubensaft. Aus dem ungesäuerten Brot, dem Fruchtmus und dem Salat basteln die Mädchen sich kleine Sandwiches zusammen. Vor allem das Mus kommt an, so gut, dass die Schülerinnen die Reste mit nach Hause nehmen. Denn auch das soll der Unterricht mit dem Kochwagen vermitteln: Einen verantwortungsbewussten Umgang mit Nahrungsmitteln.