Neue Heimat Wenn Menschen eine Holzstange feiern

Um den Maibaum wird nicht nur getanzt, er muss auch vor Dieben geschützt werden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Dann ist das für unseren Autor aus Syrien zunächst einmal befremdlich. Doch schon bald wird er selbst in einer urbayerischen Kunst unterwiesen: dem Maibaum-Stehlen.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Jetzt steht er bald da in all seiner Pracht - aber wie viel Aufregung hat er verursacht: Erst kam er uns abhanden. Und schließlich zogen wir des Nachts los, um uns zu rehabilitieren.

Als ich das erste Mal das Zelt sah, in dem der Baum seinem wichtigsten Tag entgegensah, ging ich von einer Hochzeit aus: Bayerische Blasmusik, überall Leute in Tracht mit großem Hunger und noch größerem Durst, sie ratschten und testeten die Festigkeit ihrer Krüge. Doch hier in Kirchseeon stand keine Heirat bevor. Stattdessen feierten die Menschen eine Holzstange, aus der sich in diesen kühlen Tagen wunderbar Brennholz sägen ließe.

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Das Ziel der Bayern ist aber genau das Gegenteil: Möglichst verhindern, dass jemand an ihrer Holzstange herumsägt - am zukünftigen Maibaum der Gmoa, wie man hier sagt. Was genau es mit diesem Brauchtum auf sich hatte, erfuhr ich auf die harte Tour: Eines Morgens kam ich ins Zelt - und der Baum war weg. In den Gesichtern der Männer im Maibaumstüberl konnte ich die Bestürzung ablesen. Der Baum war gestohlen, die Wachen wurden überlistet. Sie sahen so bedröppelt aus, wie wenn ihnen einer das Kamel unter dem Hintern wegstibitzt hätte.

Dem Rückschlag folgte die Nachricht der Täter: Es waren die Burschen aus Pöring, eine besonders dreiste Ausprägung von Maibaumdieben. Der Ärger darüber war groß, umso mehr mussten jetzt alle Kräfte für die Wiederbeschaffung gebündelt werden. Ich warf mich in meine Tracht und stellte mich den zähen Verhandlungen mit den Dieben. Erinnerungen an die Märkte in Syrien kamen auf, wo es allerdings selten um Bier und Bäume geht, eher um den Preis für eine Kiste Kartoffeln. Mit den Pöringern einigten wir uns schließlich auf eine Auslöse: Jeder der 50 Diebe bekam einen Schweinsbraten und zwei Mass. Hundert Liter Bier für einen Baum, welch eine Schmach.

Die Pöringer sind wahrlich Saubuam, wie der Bayer so schön gschert formuliert. Zum Beweis ihrer Tat hatten sie unseren Baum vor der Rückgabe auch noch um einige Zentimeter gekürzt. Ich habe dies sehr bedauert und war in Sorge, dass der Stamm erneut abhanden kommt und wir weitere Zentimeter Stamm und vor allem viele Liter unseres wichtigen Nahrungsmittels verlieren könnten. Also beschloss ich, künftig selbst Schichten als Nachtwache zu übernehmen. Und meine Fragen zu klären: Etwa, ob man beim Verteidigen des Baumes kämpfen muss? Ob man Watschn verteilt oder die Angreifer fesselt?

Vor dem Wachdienst nahmen wir uns erst einmal einen Baumstumpf vor. Jeder Bewacher griff zum Hammer und haute Nägel in den Stamm hinein. Die Maibaumwachen holen sich so zusätzliche Motivation für die Verteidigung, anschließend stärken sie sich mit frischem Bier. Dann war es soweit: Plötzlich betraten zwei Männer den Raum, schauten sich um und entfernten sich - Münchner, das erkannten wir an ihrem Autokennzeichen. Die Wache war gewarnt, an diesem Abend hatten wir alles im Griff.

Ich hatte die Aufgabe des Spions, der vorausgeschickt wird

Dann kam der Tag der Revanche. Wir beschlossen, nun selbst einen Baum zu stehlen. Zusammen mit meinen Kollegen vom Maibaumstüberl fuhr ich nach Ingelsberg. Es war tief in der Nacht, kein Licht brannte mehr hinter den Fenstern, jetzt schlug meine Stunde: Ich hatte die Aufgabe des Spions, der vorausgeschickt wird. Wie im Krieg, nur dass es hier nicht um Leben und Tod ging, sondern um einen Baumstamm.

Zum Glück, denn die Wachen erkannten mich sogleich, was für ein Pech, wahrscheinlich fehlt es mir einfach noch an Erfahrung. Unser Versuch war hiermit fehlgeschlagen, mit einer Pleite im Gepäck kehrten wir heim nach Kirchseeon. Immerhin: Unser eigener Baum war noch da. Die Mädchen aus dem Dorf haben ihm mittlerweile ein blau-weißes Make-Up aufgemalt.

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.