Neue Heimat In Nigeria gehören Alkohol und Autofahren zusammen wie Nitro und Glyzerin

In München sieht man Schilder in Bars, mit einer Flasche und durchgestrichenem Autoschlüssel. In Nigeria verkaufen sie in Motorparks harten Alkohol billiger, wenn man mehr davon nimmt

(Foto: obs)

Wer sagt, dass in München viel Stau ist, sollte mal nach Lagos in Westnigeria kommen. Unser Neue-Heimat-Kolumnist schreibt über die unterschiedliche Verfassung deutscher und nigerianischer Autofahrer.

Kolumne von Olaleye Akintola

Wir hatten gerade unser Zwischenziel erreicht, ganz souverän. Der Fahrer lenkte den Wagen gut und sicher, ich war beeindruckt von seinem Fahrstil. Um seine Motivation aufrechtzuerhalten, bot ich meinem Chauffeur deshalb eine Belohnung an. Eine Belohnung, wie ich sie aus dem nigerianischen Straßenverkehr kenne: Ich fragte ihn, ob er ein Bier mag.

Zu diesem Zeitpunkt lebte ich erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Und so selbstverständlich diese Geste für mich damals war, so wenig war sie es für meinen Fahrer: der Mann, der uns im Bla-Bla-Car von München nach Berlin fuhr, war ziemlich irritiert. Das weiß ich, weil er mich anschaute, als hätte ich ihm einen ranzigen Pferdekopf angeboten. Ich überspielte die Situation und brachte das Thema nicht mehr groß auf. Dabei war dies für mich höchst erstaunlich. Es erschien mir irgendwie nicht logisch. Wie schafft es ein Land wie Deutschland, mit seinen Hunderten Brauereien, den weltbesten Braumeistern und Bieren, das Ideal des nüchternen Autofahrers zu verteidigen?

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In Nigeria gehören Alkohol und Autofahren eng zusammen, wie Nitro und Glyzerin. Das zu trennen wäre gut, in Nigeria würde es den Leuten aber vorkommen, als würde man eine Ente aus dem Teich jagen. In Nigeria ist Autofahren unter Alkohol die Norm. Theoretisch gibt es zwar ein Gesetz, das Trunkenheitsfahrten verbietet. Nur, dass das in Nigeria niemand durchsetzt.

In München kann es passieren, dass die Polizei einen aufhält und einen Alkoholtest macht. In Nigeria haben die Verkehrsstreifen dafür gar keine Apparate dabei. Hier sieht man Schilder in Bars, mit einer Flasche und durchgestrichenem Autoschlüssel. In Nigeria verkaufen sie an Raststätten harten Alkohol billiger, wenn man mehr davon nimmt. Manche mixen den Drink mit Kräutern zusammen. Mit dem Effekt, dass man zusätzlich high wird. Wer an seinem Rastplatz die besseren Kräuter-Drinks mischt, bei dem tanken auch mehr.

Hier ist so etwas weniger akzeptiert. Hier würde man nicht in einen öffentlichen Bus einsteigen, in dem einem aus der Fahrerkabine so starker Whiskyduft entgegenströmt, dass man sich die Nase zuhalten muss. Hier würde ein Busfahrer entlassen werden. In München im speziellen und in Deutschland allgemein geht es beim Thema Alkohol recht liberal zu. Wenn es drauf ankommt, verstehen sie hier aber keinen Spaß. Und das ist für einen Nigerianer erst einmal neu.

Die einen trinken wegen der Unfälle. Die anderen verursachen Unfälle, weil sie trinken

Damit man mich nicht falsch versteht: Es ist nicht so, dass alle Nigerianer im Vollsuff durch die Straßen brettern. Viele fahren halt nach ein zwei Bier noch, das machen in München auch manche, nur dass das nicht nur für andere Autofahrer riskant ist - sondern dass man dabei leicht erwischt werden kann, auch ohne einen Unfall zu bauen.

Wer sagt, dass in München viel Stau ist, sollte mal nach Lagos in Westnigeria kommen. Die Straßen sind immer verstopft, und weil Autofahren so anstrengend ist, betrinken sich viele schon vorher - oder rauchen zur Beruhigung Gras. Es ist ein Teufelskreislauf: Die einen trinken wegen der Unfälle. Die anderen verursachen Unfälle, weil sie trinken. Straßen wie in München oder im Landkreis Ebersberg, wo man dutzende Kilometer ohne Stau fahren kann, gibt es in Nigeria nur mitten in der Nacht.

Mein Vater sagte einmal: "Auf der Straße sind alle um dich herum Feinde, wenn du lange leben willst, halte dich von der Straße fern". In München schimpfen viele über die Polizei. Wer aber schon einmal einen Tag in den Straßen von Oyo verbracht hat, der ist dankbar um jede einzelne Verkehrsstreife.

Übersetzung aus dem Englischen: koei

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Seit einem Jahr lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.