Neue Heimat Der Bayer erzeugt eine Art Bellgeräusch

Der Förderverein Bairische Sprache und Dialekt hat eine Sprachtafel herausgegeben, um Flüchtlingen Bairisch beizubringen.

(Foto: Alexander Heinl/dpa)

Unser Autor aus Syrien lernt Bairisch - und ist ganz froh, dass selbst Einheimische Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Nur: Machen die Bayern auch einen Deutschkurs?

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Im Ebersberger Forst kann man sich recht einfach verlaufen, und das ist mir auch prompt passiert. Zu meinem Glück kam mir ein Mann entgegen mit Bart und Arbeitshose, ein Waldarbeiter, so sah er aus. Er erklärte mir jetzt, auf welchem Weg ich wieder aus dem Wald herausfinden konnte, so war meine Vermutung. Verstanden habe ich nämlich so gut wie nichts. Vielleicht sprechen sie im Wald eine andere Sprache, dachte ich. Als er bemerkte, dass ich nichts verstand, erklärte er mir alles noch einmal auf Deutsch, zumindest versuchte er es. Welch komische Sprache, dachte ich mir.

Im Prinzip ist das ein ganz gutes Gefühl, zu wissen, dass selbst Einheimische Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Ich habe meinen deutschen Kumpel gefragt, ob diese Leute denn auch einen Deutschkurs machen. Es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, dass ich mich hier in einer Gegend befinde, in der Deutsch vieles sein kann, und dass hier ein besonders ausdrucksstarker Dialekt gepflegt wird: Oberbairisch.

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In Deutschland werden viele, verschiedene Dialekte gesprochen. So wie in Syrien, wo es ungefähr 17 verschiedene gibt, nur dass ich dort jeden Dialekt verstehen kann. Mit dem Bairischen ist das etwas anders; dafür, so erzählen es einem die Leute, braucht man eine innere Bereitschaft und jahrelanges Training. Ich trainiere jetzt seit etwa eineinhalb Jahren. Ich höre bayerische Musik, kleide mich in Tracht und versuche, die Kommandos beim Maibaumklauen zu verstehen.

Die Mission lautet, ein richtiger Bayer zu werden, oder wie man hier sagt, "a gstandnes Mannsbuid": gut gebaut, mit Kraft in den Armen und mit starken, bairischen Kraftausdrücken. Beim Versuch, Bairisch zu sprechen, bewege ich meinen Mund wie ein Einheimischer. Der Oberbayer muss dann die Lippe ein bisschen zur Seite schieben und eine Art Bellgeräusch erzeugen. Mein erster Versuch klang allerdings eher unbairisch, dafür erregte ich große Heiterkeit.

Um die Bayern, ihren Dialekt und ihren Humor zu verstehen, braucht es aber mehr als das. Hilfreich ist, wenn man sich die Mama Bavaria alias Luise Kinseher anhört. Sie spricht zwar niederbayerisches Bairisch, aber sie ist trotzdem lustig. Wäre ich schon soweit, dass ich sie verstehe, würde ich jetzt bestimmt auch die bayerischen Politiker verstehen, wenn sie im Bierzelt sprechen.

Was auch hilft, ist Sport. Ich gehe immer mit einem Madl zum Joggen, sie spricht oberbayerische Mundart und bringt mir Ausdrücke bei. Joggen mit ihr ist unheimlich anstrengend, allerdings nicht für meine Beine. Es ist eher so, dass danach mein Kiefer schmerzt, und mein Hals kratzt. Wenn ich Worte wie "Goaßlschnoizer" oder "Schnupfdawak" sage, dann ist das für mein Sprechorgan eine ziemliche Verrenkung.

Wenn man vom tiefen Bayern nach Hannover schaut, dann ändert sich schon sehr viel. Ich wollte mir dort in einer Bäckerei eine "Brezn" kaufen. Der Verkäufer war ratlos und fragte mich, ob das eine arabische Spezialität sei. Das zeigt: Wenn man im Norden einen südlichen Dialekt spricht, wird man ähnlich gut verstanden, als würde man Syrisch sprechen. Ähnlich ist das in meiner früheren Heimat. Als ich meinen Wohnsitz von Raqqa nach Damaskus verlegte, fand ich dort einen völlig neuen Dialekt vor. Ich wollte einen Joghurt kaufen, konnte das aber niemandem erklären.

In meiner Provinz ist der Dialekt ähnlich rau wie der bairische. Bairisch zu verstehen, ist wirklich eine komplizierte Angelegenheit. Leider gibt es für "Bairisch" so gut wie keine Schulkurse und keine Lehrbücher; man muss das von den Leuten lernen. Ich weiß, dass ich noch sehr viel zu lernen habe, aber immerhin: der Anfang ist gemacht. Auf gut Bairisch würde man sagen: "Basst scho, kannt schlimmer sei."

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.