"Neue Formen des Erinnerns" Das Denkmal, das man nicht sieht

"Sonische Spaziergänge", "Erhabenheitsauflösung" und andere Kunst-Kuriositäten: Die Entwürfe eines Wettbewerbs sollten neue Formen des Gedenkens finden, bekommen haben sie aber Ärger.

Von J. Käppner und B. Neff

Kritiker aus allen Parteien geißeln die Entwürfe des Kunstwettbewerbs, über welche die SZ berichtet hat: Immerhin gehe es darum, öffentlich an die Ermordung vieler Menschen in München während der NS-Zeit zu erinnern. Favorit der Jury ist eine Aktion, bei der sich per Handy Sprechcollagen abrufen lassen.

Im Gang der Erinnerung im Jüdischen Gemeindezentrums könne man oft erleben, wie Menschen die Namen an der Wand mit der Hand berühren - so groß sei der emotionale Wert eines richtigen Denkmals.

(Foto: Foto: Hess)

An gutem Willen fehlt es nicht. In München ist längst nicht mehr die Frage, ob man den Opfern des Nationalsozialismus, vor allem den Juden, ein würdigeres Denkmal setzen sollte, sondern wo und wie. 2007 hatte die Stadt eigens den Kunstwettbewerb "Neue Formen des Gedenkens" ausgeschrieben. Dessen Ergebnisse, über welche die Süddeutsche Zeitung am Donnerstag berichtet hatte, rufen Kritik aus allen Parteien hervor.

In nichtöffentlicher Sitzung hatte die aus Kunstexperten und Stadträten besetzte Jury am Mittwoch über ihre Favoriten beraten. Die Mehrheit sprach sich für ein Projekt der Künstlerin Michaela Melián aus, das "Memory Loops - Schleifen über der Stadt" heißt. Es soll ein virtuelles Denkmal sein, und zwar in Form einer Handyaktion. Über kostenlose 0800-Nummern könnten Bürger Stimmencollagen über die Geschichte der Verfolgung abrufen, die von Schauspielschülern gelesen werden. In dem Entwurf heißt es: "So legen sich einzelne, sehr verschiedene Schleifen als sonische Spaziergänge über die Stadt."

Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hatte in der SZ erhebliche Zweifel geäußert, "ob sich mit diesen Mitteln ein angemessenes Gedenken erreichen lässt". Die SPD-Fraktion wird am kommenden Montag über das Vorhaben diskutieren. Fraktionschef Alexander Reissl sagte, er habe dazu noch keine Meinung. Auf Ude anspielend, der ebenfalls nicht in der Jury saß, sagte Reissl: "Mir fehlt die Gabe des festen und sicheren Urteils über Dinge, die ich nicht kenne."

Reissl plädiert dafür, der Jury Vertrauen entgegenzubringen: "Sonst kann man auf solche Kommissionen gleich verzichten." Bei den Grünen ist man alles andere als glücklich damit, dass der Bündnispartner SPD offenbar dazu neigt, das umstrittene Projekt durchzuziehen. Fraktionschef Siegfried Benker verweigerte unter Hinweis auf die Vertraulichkeit der Jury-Sitzungen, an denen er selbst teilnimmt, jede Stellungnahme.

Dem Vernehmen nach halten die Grünen es aber für keine gute Idee, des Holocaust per Handy zu gedenken. Dies sei, so heißt es, vielleicht als Zusatzangebot für Jugendliche denkbar. Die Idee tauge auf keinen Fall für ein zentrales städtisches Gedenken. Eine breite Diskussion in der Fraktion gab es aber noch nicht.

Die steht auch bei der CSU noch aus, doch deren kulturpolitischer Sprecher Richard Quaas ist sich mit Ude "ausnahmsweise mal einig". Das Projekt sei "vielleicht für den Sponsor-Gag eines Mobilfunkbetreibers geeignet". Angesichts des Leids, das der Nationalsozialismus über Millionen von Menschen brachte, sollte man eine künstlerische Form suchen, "die vielleicht konventioneller sein mag, aber dafür näher am Gefühl der Menschen dran ist".

CSU-Stadtrat Marian Offman, bis vor kurzem stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Münchens, äußerte ebenfalls Bedenken. Seine Fraktion fordere ein Denkmal, das an die Ermordeten erinnert und gleichzeitig zur Auseinandersetzung und Identifizierung einlädt: "Es ist sehr fraglich, ob das mit Mitteln wie Handyschleifen zu erreichen ist." Im Gang der Erinnerung unterhalb des Jüdischen Gemeindezentrums könne man oft erleben, wie "Menschen die Namen an der Wand sogar mit der Hand berühren", so groß sei der emotionale Wert eines richtigen Denkmals.

Der Wettbewerb war entstanden, weil das bestehende Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Altstadtring vor lauter Straßenverkehr kaum wahrzunehmen ist. Die Jury unter Leitung des Kulturreferats hatte in der Schlussauswahl zwölf Vorschläge diskutiert, die zum Teil kuriose Züge tragen.

Ein Künstler schlug vor, zum Gedenken an die Opfer des Naziterrors einen Münchner Kindergarten mit versenkbaren Stahlwänden einzuzäunen, Begründung: Die "direkte visuelle Erfahrung lässt dem Betrachter die Dinge anders erscheinen. Dabei muss er sich zunächst gar nicht im Klaren sein, dass er ein Denkmal vor sich hat."

Diese Idee, ein Denkmal zu bauen, das man nicht erkennt, und das gerade darum ein besonders gutes Denkmal sei, gefiel der Jury in der Tat so gut, dass der Vorschlag in die Runde der letzten drei kam. Zu den diskutierten Beiträge gehörte auch die Idee, die Leuchtschrift "Auschwitz ist menschlich" auf die Pinakothek der Moderne zu setzen. Begründung: Dieser Satz biete es "der Kunst an, eine emanzipatorische, erhabenheitsauflösende Stellung zu beziehen".