Neubau Auch Schwätzen ist erlaubt

Hinter historischer Fassade entsteht an der Ludwigstraße eine neue Fachbibliothek für Literatur- und Sprachwissenschaftler mit rund 420 000 Bänden - geplant wird sie schon seit 14 Jahren

Von Günther Knoll

Überrascht seien sie gewesen, die beiden österreichischen Kollegen, als er sie gerade durch die Lesesäle geführt habe, sagt Klaus-Rainer Brintzinger. Er ist der Direktor der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München und wundert sich manchmal selbst, wie stark die Arbeitsplätze dort gefragt sind. "Trotz allen elektronischen Publizierens" sei ein Boom in der Bibliotheksnutzung festzustellen, sagt Brintzinger, das liege am veränderten Arbeitsverhalten der Studierenden und wohl auch an ihrer Wohnsituation. "Stupides Repetieren" sei jedenfalls nicht mehr angesagt, gelernt und gearbeitet werde heute im Team. Deshalb seien auch "halblaute Bereiche" gefragt in den Bibliotheken, es dürfe nicht mehr nur "silentium" heißen wie früher, sondern es müsse auch gedämpfte Unterhaltung möglich sein.

Aus diesem Grunde wurde die Planung für das Philologicum, für das an diesem Donnerstag der Grundstein gelegt wird, noch einmal leicht verändert. 700 Arbeitsplätze soll es dann dort geben für die Sprach- und Literaturwissenschaftler. Mit etwa 8000 Studierenden bilden sie die größte Fakultät der LMU, die ein in Deutschland einmaliges Spektrum von Sprachen, Literaturen und Kulturen bietet. Bisher aber leidet sie darunter, dass sie auf verschiedene Standorte verteilt ist. Allein die Einzelbibliotheken befinden sich an elf Standorten in sechs verschiedenen Gebäuden. Zum Teil habe man dafür sogar Wohnzimmer und Bäder umgebaut, sagt Brintzinger. Das ganze sei ebenso unwirtschaftlich wie für die Studierenden unattraktiv, weil sie oft weite Wege zurücklegen müssten, um an die richtigen Bücher zu kommen.

Der Haupteingang zum neuen Philologicum liegt nicht an der Ludwigstraße, sondern auf der Rückseite des Gebäudes im Innenhof an der Schellingstraße. Simulation: Cukrowicz Nachbaur Architekten

(Foto: )

Mit der neuen Fachbibliothek, die "Philologicum" heißt, sollen die Geisteswissenschaften der LMU eine Stärkung erfahren, die ihrer wissenschaftlichen Bedeutung entspricht. Etwa 420 000 Bände sollen in ihr "freihand" aufgestellt werden, "so viel hat nicht einmal die Staatsbibliothek" sagt Brintzinger stolz. Dafür muss aus dem fast 700 000 Bände umfassenden Gesamtbestand aussortiert werden. Manche Bücher seien mehrmals vorhanden, andere so selten gefragt, dass man sie ins neue Magazin nach Freimann verfrachte, erläutert der Bibliothekschef. Von dort könnten sie mit einem eigenen Dienst bei Bedarf schnell zur Adresse Ludwigstraße 25 gebracht werden, wo der Neubau entsteht.

Diesen Neubau sieht man von Ludwig- und Schellingstraße aus praktisch nicht, denn die Außenfassaden bleiben stehen: Das Gebäude wurde von 1833 bis 1835 unter König Ludwig I. durch den Architekten Friedrich von Gärtner erbaut und ist ein wesentlicher Teil des bedeutenden Straßenzugs. Anfangs war dort das Münchner Blindeninstitut untergebracht, die spätere Landesblindenanstalt, die dann nach Nymphenburg verlegt wurde. 1968 bis 1971 wurde der Bau, der keine größeren Kriegsschäden hatte, völlig entkernt und baulich erneuert. Unter anderem wurden dort das Institut für Romanische und Italienische Philologie sowie die Theaterwissenschaften untergebracht. Nach deren Auszug wurden die neueren Gebäudeteile abgerissen, nur die denkmalgeschützten Fassaden bleiben erhalten und werden saniert

Die einzelnen Stockwerke sind jeweils in zwei Ebenen unterteilt. Simulation: Cukrowicz Nachbaur Architekten

(Foto: )

Die innere Struktur hat das Bregenzer Büro Fink Thurnher mit Cukrowicz Nachbaur geplant, die den Architekturwettbewerb gewannen. Sie lässt Brintzinger schwärmen: Im Inneren entstehe da "etwas völlig Neues". Die vielen Arbeitsplätze eröffneten neue Möglichkeiten des Studierens, die bisherigen Engpässe könne man damit wohl endlich beseitigen. Zum Innenhof soll eine neue Fassade mit dem Haupteingang entstehen. Das Gebäude wird sich in vier Doppelstockwerke gliedern. Erdgeschoss und die drei Studienebenen bestehen jeweils aus zwei Hauptebenen mit zentraler Galerie. Diese geschossweise Geschlossenheit soll eine schallgeschützte Arbeitsatmosphäre garantieren, zum andern auch ein luftiges Raumgefühl. Boden und Innenausstattung sollen zum großen Teil aus Holz sein.

Seit 2002 schon hatte die LMU die Zusammenlegung der Einzelbibliotheken betrieben, erst 2013 aber habe Ministerpräsident Horst Seehofer grünes Licht gegeben für den Wettbewerb, sagt Brintzinger. Wenn alles wie geplant läuft, soll der insgesamt 38 Millionen Euro teure Komplex Ende 2018 eröffnet werden. Der Rahmenplan der LMU sieht indes weitere Veränderungen auch für andere Fachbibliotheken vor. Wenn die Tiermedizin nach Oberschleißheim ziehe, werde auch die Bibliothek mitwandern, damit aber sei in der Königinstraße Platz für die Physik, denkt Brintzinger jetzt schon weiter.