Neuanfang Einmal die Nummer eins

Zurück in den Neunzigerjahren: "Verliebt in Kurt Cobain" heißt das aktuelle Lied von Julia Kautz.

(Foto: Florian Peljak)

Julia Kautz war lange Chefreporterin der "Bravo", ist um die Welt gejettet und hat Stars wie Rihanna, Beyoncé und Bruno Mars interviewt. Dann hat sie gekündigt - um selbst Musikerin zu werden.

Von Michael Bremmer

Manchmal braucht man jede Menge Mut für ein kleines Kompliment. Sängerin Julia Kautz trägt schwarze Jeans, Chucks, ein dunkles T-Shirt und eine ausgewaschene Jeansjacke. Sie sitzt auf einem Barhocker und blickt mit dem Augenaufschlag eines Hundewelpen ins Publikum.

Es läuft eine Open Stage im Container Collective. Der Abend handelt von München, und die Künstler vor Kautz, Comedians und Schauspieler, haben ihre Abneigung gegen diese Stadt herausgekotzt. Die Sängerin lächelt nervös ins Publikum. "Es ist jetzt gar nicht so leicht, mal was Positives zu sagen", kündigt sie ihren Song an. "Ich liebe diese Stadt", sagt sie. "Meine Stadt" heißt der Song, den sie für die Münchner Stadtwerke geschrieben hat, das dazugehörende Werbevideo kann man häufig im Kino sehen.

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Gestern Stars, heute Stadtwerke - warum tut sie das?

Natürlich, Werbesongs bringen Gage, bringen Gema-Einnahmen. Aber sieht so das Musikgeschäft aus, das sich Julia Kautz seit ihrer Kindheit erträumt hat, als sie mit sechs Jahren ihr erstes Lied über einen Luftballon geschrieben hatte, seit ihrer Jugend, in der sie nach eigener Aussage mehr Bands hatte als Lover? Ist das die Welt, für die sie im Januar 2012 alles hingeschmissen hat - ihren Beruf, ihre Sicherheit? Heraus aus dem Leben im Scheinwerferlicht, heraus aus dem Alltag, der sie alle zwei, drei Tage zu Popstars in der ganzen Welt geführt hat. Julia Kautz war Chefreporterin des Jugendmagazins Bravo. Sie ist für Superstars um die halbe Welt gejettet, wenn es die Möglichkeit gab, Lady Gaga, Katy Perry oder Bruno Mars zu interviewen. Nebenbei moderierte sie die tägliche Sendung "BRAVO WebTV", ein Format, bei dem ihr schon mal Justin Bieber gegenüberstand.

Gestern Stars, heute Stadtwerke - warum tut sie das? "Ich durfte ständig ganz nah am Kuchen sitzen und in meinen Artikeln in den schillerndsten Farben beschreiben, wie gut er schmecken muss. Selbst reinbeißen durfte ich aber nie. Das wurde irgendwann zur Belastung", sagt sie. "Ich war ja fast nur von Menschen umgeben, die das Privileg hatten, meinen eigenen Traum zu leben." Reichtum und Ruhm können blenden, das habe aber bei ihr keine Rolle gespielt. "Es ging eher darum, mich selbst zu verwirklichen und den richtigen Platz im Leben zu finden." Und ihr Platz, so ihre Überzeugung, ist auf der Bühne. Oder im Tonstudio. "Ich wollte Songs schreiben und damit Menschen berühren. Genau deshalb mache ich heute Musik", sagt sie.

Mit zwölf Jahren gründete sie ihre erste Band, eine Nirvana-Coverband

Julia Kautz ist ein Sonnenmensch. Jeden Tag schönes Wetter, selbst wenn es regnet: ständig gute Laune, immer ein Lächeln, beliebt bei allen, der Kumpel-Typ. Würde man Julia Kautz' Leben verfilmen, müsste man unbedingt ihre eigenen Songs in den Soundtrack packen: Dur-Akkorde, poppige Refrains, dazu eingängige Elektro-Arrangements. Das muss nicht jedem gefallen, ist aber auf jeden Fall für die Masse angelegt. Im aktuellen Video "Verliebt in Kurt Cobain" wird dafür sogar im Refrain eine Art Hymne aus der Fankurve eingebaut. Kurt Cobain, der Nirvana-Sänger, brachte sich 1994 um, da war Julia Kautz gerade mal 13 Jahre alt - trotzdem sagt sie, es sei ihr "authentischster Song". Das ist keineswegs daher gesagt, so viel zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

Julia Kautz wird 1981 in Wien geboren. Nach eigenen Angaben nimmt sie schon als Vierjährige erste Songs mit ihrem Kassettenrecorder auf. Mit sechs hatte sie Klavier- und Gitarren-Unterricht. "Eine Mini-Playback-Show gab es damals in Österreich nicht", sagt sie. Für sie blieben die einzige Chance die Musikschule und Auftritte bei Kinder-Musicals. Mit zwölf Jahren gründete sie ihre erste Band, Shark Attack, eine Nirvana-Coverband. Es gibt Videoaufzeichnungen aus Kautz' Kinderzimmer. An den Wänden hängt eine Tapete mit Mickey-Mouse-Figuren, im Regal liegen Spielsachen, direkt von der Tür steht der Gitarrist, daneben sitzt der Schlagzeuger: "Burschen, Aufnahme", sagt Julia Kautz. Sie trägt ein Nirvana-Fan-Shirt über einem Hemd und röhrt dann den Refrain zu "Rape me". Später singt sie in einer Metal-Band, in einer Reggae-Band, in einer Jazz-Band, in einer Pop-Band. "Mich berührt Musik nicht nach Genres", sagt sie, "mich berühren Songs, Melodien, Texte."

"Er hat die ganze Zeit über Sex gesprochen, über Tantra und Orgasmen."

Julia Kautz machte ihre Matura auf einem musischen Gymnasium, studierte dann in Wien Germanistik sowie Theater- und Medienwissenschaften. Mit 20 startete sie ihre Journalistenkarriere - zunächst beim österreichischen Magazin News, in der Musikredaktion. Phil Collins im Hotel Sacher war ihr erster Star, danach reiste sie um die Welt, um Musiker zu interviewen. In einem Londoner Hotelzimmer traf sie auf Sting. Julia Kautz erinnert sich: "Er hat die ganze Zeit über Sex gesprochen, über Tantra und Orgasmen." Man hat es nicht leicht als Frau in diesem Geschäft. Und das Interview? Sie habe das alles dann auch so aufgeschrieben, sagt sie. Okay, ganz so frech sei er doch nicht geworden, sagt sie später, als sie den Text im Archiv gefunden hatte. Aber immerhin, die Überschrift: "Sex und Musik als Religion."

Kautz hat im Laufe der Jahre viele Stars interviewt, mindestens 500, schätzt sie. Von daher gibt es auch jede Menge Geschichten. Mit Dave Gahan, dem Sänger von Depeche Mode, wollte sie ein Gespräch vereinbaren. Als Gahan persönlich zurückrief, stand die Reporterin an der Supermarktkasse, wimmelte ihn ab, ob er nicht später noch einmal anrufen könne. Als er sich wieder meldete, lag sie in der Badewanne - am nächsten Tag klappte dann das Interview. Ihre Erfahrungen: "Männer waren meist sehr charmant und haben gern auch mal geflirtet", sagt sie, Frauen hingegen waren ab und an auch zickig. Avril Lavigne zum Beispiel. Am Interviewtag hatte die Sängerin Geburtstag, wurde 17. Julia Kautz brachte ihr eine Torte mit - keine Reaktion. Im Interview antwortete sie wortkarg, immer nur mit ja, nein, vielleicht - "das war ganz schwierig".