Von B. Kastner

Bürger demonstrieren, Rechtsradikale marschieren: Am Rande der Proteste in der Innenstadt kommt es zu 80 Festnahmen.

Rund 200 Rechtsextremisten sind am Samstag durch München marschiert. Mehr als tausend Bürger protestierten gegen diesen "Heldengedenkmarsch" mit Pfiffen und parodistischen Einlagen, ihr Motto: "München ist bunt, nicht braun." Am Rande der Versammlungen nahm die Polizei 80 vorwiegend linke Gegendemonstranten fest, aber auch vier Rechtsextreme.

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Rund 600 Demonstranten versammelten sich auf dem Marienplatz. (© Foto: dpa)

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Mit ihrem Gedenkmarsch wollten die Neonazis "die Opfer verhöhnen und die Täter verehren", sagte Siegfried Benker, Fraktionschef der Grünen im Stadtrat. "Diese Stadt wird das nicht tolerieren", rief er den rund 600 Gegendemonstranten auf dem Marienplatz zu. Dort begann der Protest gegen den Neonazi-Aufmarsch, zu dem ein Bündnis von Parteien, Gewerkschaften, Jugendverbänden und Kirchen aufgerufen hatte.

Benker gehörte zu den wenigen Politikern, die persönlich gegen die Rechtsextremisten demonstrierten. Immerhin führte das parteiübergreifende Bündnis dazu, dass CSU-Stadtrat Marian Offman, Wirtschaftsreferent Reinhard Wieczorek oder Alt-Bürgermeisterin Gertraud Burkert sich neben die schwarz gekleideten Autonomen stellten.

Der Umzug war von dem polizeibekannten Rechtsextremisten Philipp Hasselbach für die "Freien Nationalisten München" angemeldet worden. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) hatte den Marsch verboten, das Verwaltungsgericht dieses Nein auch bestätigt. Erst vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof hatten die Neonazis am Freitag Erfolg: Unter strengen Auflagen wurde der Marsch genehmigt. Verboten war es, Fackeln und schwarz-weiß-rote Fahnen mitzuführen.

KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle (parteilos) war enttäuscht von der Gerichtsentscheidung. "Empörend" nannte er das Argument der Rechtsextremisten, dass sie auch der getöteten jüdischen Soldaten gedenken wollten. Das, so der KVR-Chef, sei "blanker Zynismus" und "unerträglich". Auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zeigte sich verärgert über das richterliche Plazet. Künftig müssten die Sicherheitsprobleme bei der juristischen Abwägung "höher gewichtet" werden. "Das blieb wieder an den Polizeibeamten hängen. Die werden dann von den Gegendemonstranten angegriffen, verspottet, beschimpft."

In der Tat musste sich die Polizei Kritik anhören, aber aus einem anderen Grund. Sie hatte im Vorfeld erklärt, dass sie mit 400 gewaltbereiten Gegendemonstranten aus dem "schwarzen Block" rechne. "Wir wollen nicht mehr hören", rief Benker, "dass diejenigen kriminell sind, die gegen Nazis demonstrieren. Die Kriminellen sind die Neonazis." Er rief die Münchner vor dem Rathaus dazu auf, zur Versammlung der Rechten zu gehen: Das Tätergedenken "darf nicht geschehen".

Es geschah dann aber doch. Am Goetheplatz trafen sich nach Polizeiangaben knapp 200 Rechtsextremisten, vorwiegend junge Männer. Sie wurden einzeln durchsucht, ehe sie losmarschierten. Unter ihnen befand sich auch Karl Richter, Stadtrat und NPD-Mitglied. Er wurde vor kurzem verurteilt, weil er bei der Vereidigung der neugewählten Stadträte den Hitlergruß gezeigt hatte. Mit sich führen durften die Rechtsextremisten mehrere Transparente und Bayern-Fahnen, sie skandierten Sprüche wie "Ruhm und Ehre der deutschen Wehrmacht".

Gegendemonstranten versuchten Absperrungen zu überrennen

Rund 1000 Polizisten aus mehreren Bundesländern waren im Einsatz, sie verhinderten eine direkte Konfrontation zwischen links und rechts. Im direkten Umfeld des Marsches kam es zu keinen Zwischenfällen. Rund um den Marienplatz wurden jedoch 76 Gegendemonstranten aus der autonomen Szene festgenommen, so Polizeivizepräsident Robert Kopp. Sie hätten versucht, Absperrungen zu überrennen, was ihnen teils auch gelungen sei, hätten Polizisten beleidigt und Landfriedensbruch begangen. Festgenommen wurden auch vier Rechtsextremisten, unter anderem wegen Beleidigung von Juden und versuchter Körperverletzung.

Zur Wirkung des jüngst geänderten bayerischen Versammlungsgesetzes wollte sich Kopp ausdrücklich nicht äußern. Die CSU hatte das Gesetz vor allem mit dem Argument durchgesetzt, dass dadurch Nazi-Aufmärsche juristisch einfacher zu verhindern seien. Siegfried Benker dagegen wertete den "Heldengedenkmarsch" als Beleg dafür, dass das Gesetz nicht den Nazis, sondern den Gegendemonstranten das Leben schwerer mache.

Auf der Sonnenstraße versuchten rund 100 Nazi-Gegner in zwei Gruppen, mit einer Sitzblockade die Neonazis aufzuhalten. Die Polizei leitete deren Zug jedoch kurzerhand auf die Gegenfahrbahn um, um unschöne Bilder von Polizisten, die Nazi-Gegner wegtragen, zu vermeiden. "Das haben wir taktisch ganz geschickt gemacht", lobte Einsatzleiter Kopp seine eigene Taktik. Damit habe man bewiesen, "dass wir den friedlichen Protest sehr respektieren". Es kam nur zu kleineren Rangeleien.

In der Sonnenstraße hatte auch eine Gruppe schwarz gekleideter und ordentlich gescheitelter junger Leute ihren parodistischen Auftritt. Sie nennen sich "Front Deutscher Äpfel", weil der Apfel eine so urdeutsche Frucht sei. "Zum wiederholten Male muss sich München der Invasion des braunen Täterfallobsts erwehren und zum wiederholten Male ist die Front deutscher Äpfel da, um die Stadt zu verteidigen!" sprach einer in ein Megaphon. "Es darf nicht angehen, liebe Obstkameraden und -kameradinnen, dass diese Objekte in ihrer Verblendung nicht sehen, dass es in München keinen Platz für sie gab, gibt und geben wird!" Ihre Forderung: "Kein braunes Fallobst in deutschen Städten!"

"Haut ab! Haut ab!"

Gesäumt wurde der Marsch der Neonazis, der über Goethestraße, Hauptbahnhof, Stachus und Sendlinger Tor zum Isartor führte, von vielen hundert Gegendemonstranten und Schaulustigen. "Kein Raum für Nazis" stand auf einem Schild, ein anderes verkündete: "Nazis essen heimlich Döner." Viele zeigten den Rechtsextremisten symbolisch die Rote Karte und riefen immer wieder: "Nazis raus!" oder "Haut ab!"

Zum Ende der Schlusskundgebung, wo nochmals der Rechtsextremist Roland Wuttke sprach, wurden alle drei Strophen des Deutschlandliedes gesungen. Die Polizei griff nicht ein, da die erste Strophe ("Deutschland, Deutschland über alles"), nicht verboten ist. Sie wird lediglich bei offiziellen Anlässen nicht gespielt.

Kurz zuvor, in der Frauenstraße, hatte in einem Wohnhaus eine junge Frau ihr Fenster aufgerissen, unter dem gerade die Neonazis vorbeizogen. "Deutschland schämt sich für euch!" rief sie auf die Straße hinunter. Dann knallte sie ihr Fenster wieder zu.

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(SZ vom 17.11.2008/dmo)