Nazi-Architektur Eine neue Chance für das Münchner Haus der Kunst

(Foto: David Chipperfield Architects)
  • Das Gebäude soll umgebaut werden - doch der aktuelle Entwurf von David Chipperfield ist eine verpasste Chance.
  • Damit der Nazi-Bau in der Demokratie ankommt, braucht es radikalere Ideen.
  • Die SZ hat 52 Münchner Studenten um Entwürfe für die Neugestaltung des NS-Baus gebeten.
Von Gerhard Matzig

Der WK-I-Gefreite und großdeutsche Diktator Adolf Hitler, ein dilettierender Postkartenmaler und Möchtegern-Architekt, sagte zur Eröffnung einer Architekturausstellung im "Haus der Deutschen Kunst" am 22. Januar 1938: "Wenn Völker große Zeiten innerlich erleben, so gestalten sie diese Zeiten auch äußerlich. Ihr Wort ist dann überzeugender als das gesprochene. Es ist das Wort aus Stein!"

Das Steinhaus, das heutige Haus der Kunst in München, gedacht für "große Zeiten" und ausdrücklich erbaut für die Ewigkeit, muss ironischerweise dennoch saniert und heutigen Erfordernissen angepasst werden. Eröffnet wurde dieses fraglos bedeutende Baudenkmal der NS-Zeit vor fast 80 Jahren als Abschluss des Englischen Gartens. Es ist 175 Meter lang und somit unübersehbar. Wenngleich der megalomane, pseudoklassizistische Riegel das wahrlich seltene Kunststück zustande bringt, riesenhaft und doch geduckt, also gleichzeitig einschüchternd und verklemmt zu wirken.

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Dieses Haus war Hitlers Herzensangelegenheit. Seine Eröffnungsrede wurde im Radio gesendet. Millionen hörten, wie er das Wort Steeiiiiiiin in der ihm eigenen, pathetisch-hysterischen Rhetorik in den Äther schickte. Eines hatte Hitler durchaus begriffen: Architektur ist eine Sprache. Gesellschaften drücken sich auch in ihren Bauten aus. Gebäude erzählen stets von den Werten und Idealen, die darin leben. So berichtet das Haus der Kunst vom Rassenwahn, vom totalen Krieg und von der bizarren Behauptung einer überlegenen "arischen" Kultur. Steine können sehr laut und sehr dumm sein.

Als daher vor einigen Wochen die ersten Pläne zum Umbau durch das zuvor in einem viel zu schlichten Vergabeverfahren ermittelte Architekturbüro von David Chipperfield bekannt wurden, hätte das verwirrte Schweigen kaum beredter sein können. Das Haus der Kunst soll nämlich, so die fragwürdige Grundidee, wieder so im Stadtraum wirken wie bei seiner Eröffnung. Als Wort sowie als Ort aus Stein. Einer applaudierte prompt: Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle erkennt in den Entwürfen des Londoner Architekturbüros einen "sehr demokratischen Umgang mit der Geschichte".

Aber was ist demokratisch daran, wenn man das Haus der Kunst von den Zeitschichten befreit und das Ideal der Nazi-Ära betont? Etwa, indem die davor stehenden Bäume gefällt werden. Das NS-Monument wird auf diese Weise zum Monument 2.0. Es zeigt sich im alten Glanz. Entspricht das unserem Demokratieverständnis?

Was jetzt nötig ist: Teilhabe. Also eine öffentliche Diskussion und ein echter, im Gegensatz zum bisherigen Verfahren offen ausgetragener, internationaler Architektenwettbewerb. Um die Diskussion anzuregen, hat die Süddeutsche Zeitung die Architektur-Professorin Hannelore Deubzer von der TU München gebeten, mit ihren Studenten am Lehrstuhl "Raumkunst" alternative Entwürfe zu skizzieren. Betreut von Rudolf Graf, haben 52 Studenten das Thema "Haus der Kunst - Visionen" bearbeitet und Staunenswertes zu Papier gebracht.

Manches davon ist realistisch, anderes eher provokativ. Entstanden sind 25 Vorstellungen von einem anderen Haus der Kunst, die wir vorstellen. Deutlich wird daran nicht nur, dass junge Menschen freier über die Hinterlassenschaften der NS-Zeit denken; die Pläne dokumentieren auch eindrucksvoll die vielen Möglichkeiten im Umgang mit unserem schwierigen Erbe. Wollte man dieses Erbe wirklich annehmen, dann machte man nun aus einem alten Hort der Nazis ein Haus der Zukunft: unser Haus.

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