Nachwuchs-Schauspielerin Die gehörlose Tanzlehrerin im "Tatort"

Kassandra Wedel spielt eine gehörlose Tanzlehrerin.

(Foto: SR/Manuela Meyer)

Gehörlose werden in der Regel von Hörenden gespielt. Mit Kassandra Wedel ist das im neuen Tatort "Totenstille" anders.

Von Dirk Wagner

Wenn Tanz visualisierte Musik ist, dann sind Darbietungen von Kassandra Wedel, 30, etwas ganz Außergewöhnliches. Denn die Tänzerin und Schauspielerin ist taub, sie kann Musik nur über Bassschwingungen spüren.

Ihr außergewöhnliches Talent können Fernsehzuschauer am Sonntag nun auch im neuen ARD-Tatort bewundern. Wedel spielt darin eine gehörlose Tanzlehrerin - eine Rolle, die sie auch im wahren Leben ausfüllt.

Das Tanzen ist seit frühen Kindesbeinen an Kassandra Wedels Leidenschaft. Zuerst Ballett, später dann, als sie bei einem schweren Autounfall das Gehör verloren hatte, entdeckte sie den Hip-Hop für sich, dessen Beats sie körperlich so gut spüren konnte.

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Heute unterrichtet sie als Europas einzige taube Hip-Hopperin Hörenden und Gehörlosen die Grundlagen des Tanzes. Mit ihrer eigenen Hip-Hop-Gruppe und als Solotänzerin war die Münchnerin schon viele Male deutsche und Europameisterin.

Außergewöhliches Talent als Inspiration

Ihr außergewöhnliches Talent und ihre positive Ausstrahlung haben den Tatort-Autor Peter Probst denn auch zu der Figur der gehörlosen Tanzlehrerin Kassandra in der neuen Folge "Totenstille" inspiriert.

Weil Wedel zudem das Schauspiel liebt und seit ihrem Studium der Theaterwissenschaften auch immer wieder auf der Bühne stand, lag es für den zuständigen Redakteur Christian Bauer vom Saarländischen Rundfunk nahe, die Rolle mit ihr zu besetzen. "Wenn man Kassandra Wedel einmal erlebt hat, hat man keinen Grund, nach jemand anderem zu suchen", sagt Bauer.

Für Kassandra Wedel, die seit Jahren dem Ensemble des Deutschen Gehörlosen Theaters angehört, ist das trotzdem ein außergewöhnliches Engagement, weil Gehörlose in der regulären Fernseh- und Filmlandschaft kaum vorkommen. Und so es doch mal Gehörlose in einem Film gibt, werden sie in der Regel von hörenden Schauspielern gespielt.

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Tauben Zuschauern fällt das natürlich sofort als störend auf, zumal es sie einmal mehr gesellschaftlich selbst dort ausgrenzt, wo sie zumindest dem Drehbuch nach mit einbezogen wurden.

Das beginnt laut Wedel schon mit der Ausbildung auf Schauspielschulen, für die Gehörlose gänzlich ungeeignet erscheinen, weil der Unterricht dort aus guten Gründen sehr auf Lautsprache und Sprecherziehung ausgerichtet ist.

Eine kleine Rolle beim Polizeiruf wurde rausgeschnitten

Gehörlose Schauspieler wie Wedel sind zumeist also Autodidakten, die darum ihre berufliche Anerkennung umso härter erkämpfen müssen. Immerhin hat Wedel aber schon einmal in einem Fernsehkrimi mitgespielt: Eine kleine Rolle hatte sie einmal in einer Polizeiruf 110-Folge. Am Ende wurde diese aber aus Zeitgründen komplett raus geschnitten.

In der aktuellen Tatort-Produktion "Totenstille", die im Gehörlosen-Milieu spielt, wirken nun gleich 20 Gehörlose mit. Wer deren Gebärdensprache nicht versteht, wird am Sonntagabend bei Bedarf die zuständigen Videotext-Tafeln aufrufen müssen. Denn nur wenige Stellen werden untertitelt.

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Für die Authentizität sorgte in dem Fall aber auch die gehörlose Lippenleserin und Bloggerin Julia Probst, die dem Drehbuchautoren und dem Fernsehteam für diese Folge von Anfang an beratend zur Seite stand. "Mit dem Blick auf Inklusion werde ich nach dieser sehr positiven Erfahrung auch künftig versuchen, zum Beispiel einen Rollstuhlfahrer wenn möglich mit einem Rollstuhl fahrenden Schauspieler zu besetzen", verspricht Redakteur Christian Bauer.

Dass die Dreharbeiten selbst wegen der gehörlosen Schauspieler komplizierter ausgefallen wären, glaubt Kassandra Wedel nicht: "Man könnte jetzt auch sagen, für uns Gehörlose ist es komplizierter, wenn die anderen unsere Gebärdensprache eigentlich gar nicht können oder verstehen", entgegnet sie.