Nachtleben in München Party mit Plan

Quelle: SZ-Grafik

  • Der 31 Jahre alte Stadtentwickler Jakob Schmid hat im April die bislang umfassendste Studie über das Nachtleben in deutschen Städten veröffentlicht.
  • München liegt dabei mit 35 umsatzsteuerpflichtigen Diskotheken und Tanzlokalen vor Hamburg und Köln, aber deutlich hinter Berlin.
  • Das Münchner Planungsreferats bestätigt, dass eine Nachtleben-Nutzung bislang keine eigene Planungskategorie ist.
Von Philipp Crone

Wenn Club-Betreiber Sven Künast sagt: "Morgens um fünf Uhr ist die Müllerstraße Ballermann pur", ist das in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen lohnt der Besuch der Müllerstraße im Glockenbachviertel am Wochenende nach Mitternacht, wenn man sehen möchte, wie das Münchner Nachtleben im Jahr 2015 aussieht. Ein immer größeres Angebot, vor allem in der Innenstadt. Eine Feiermeile im Wohngebiet. Gleichzeitig ist Künast, der den Spätclub Pimpernel betreibt, Wirtesprecher seiner Straße und versucht, Konflikte mit Anwohnern zu lösen. Es ist also nicht so, dass niemand die Problematik eines immer attraktiveren Innenstadt-Nachtlebens erkennen würde. Das Nachtleben wird aber noch immer nicht in die Stadtplanung einbezogen.

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Zu diesem Schluss kommt Jakob Schmid. Der 31 Jahre alte Stadtentwickler hat im April die bislang umfassendste Studie über das Nachtleben in deutschen Städten veröffentlicht ("stadtnachacht - Management der urbanen Nachtökonomie", stadtnachacht.de). Martin Klamm, Sprecher des Münchner Planungsreferats, bestätigt: "Bislang ist eine Nachtleben-Nutzung keine eigene Planungskategorie." Das müsse allerdings nicht so bleiben.

Man gehe umso häufiger aus, je höher Bildungsabschluss und Einkommen

Schmids Studie, für die er im Jahr 2014 mehr als 4000 Menschen befragt hat, enthält generelle Erkenntnisse über das Ausgehverhalten in Deutschland - und spezifische für München. Allgemein rechnet Schmid vor, dass man umso häufiger ausgehe, je höher Bildungsabschluss und Einkommen seien. 45 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal im Monat essen zu gehen. Von den 18- bis 24-Jährigen gingen 58 Prozent mindestens einmal im Monat tanzen, 57 Prozent einmal in eine Bar, jedoch nur 33 Prozent ins Kino. Die Zahl derer, die mehr als 30 Euro beim Weggehen ausgeben, ist in den vergangenen Jahren auf 50 Prozent gestiegen.

München liegt mit 35 umsatzsteuerpflichtigen Diskotheken und Tanzlokalen vor Hamburg (32) und Köln (31), aber deutlich hinter Berlin (55). Der Umsatz der Clubs pro Einwohner im Alter zwischen 18 und 39 jedoch ist in München mit 66 Euro doppelt so hoch wie in Berlin (33).

Ein gutes Nacht-Angebot ist wichtig

Schmid stellt generell fest, dass "ein attraktives Nachtleben Einfluss auf die Studienortswahl vieler junger Bildungswanderer hat". Auch im Münchner Rathaus hat man mittlerweile erkannt, wie wichtig ein gutes Nacht-Angebot ist. Der zweite Bürgermeister Josef Schmid (CSU) sagt: "In Großstädten erwartet man ein attraktives Nachtleben. München erfüllt diesen Anspruch." Die Partyszene habe sich in den vergangenen Jahren mit hoher Dynamik entwickelt.

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Viele Bars in München werden nach dem Wegfall der Sperrzeit mittlerweile später am Abend zu einem Club. So ist die Müllerstraße eine Feiermeile geworden, Sprecher Künast vertritt mehr als 30 Wirte. Ähnlich ist es in der Sonnenstraße oder am Maximiliansplatz. Laut Jakob Schmids Studie hat in Deutschland München im Verhältnis zur Einwohnerzahl den größten Anteil in der Altersgruppe 18 bis 39 - in diesem Alter gehen die Leute erfahrungsgemäß am häufigsten weg. Und für die gibt es ein stetig wachsendes Angebot. Florian Faltenbacher, Betreiber der Milchbar in der Sonnenstraße, sagt: "Vor 20 Jahren gab es in München höchstens 5000 Discoplätze, heute sind es 25 000." Vor allem im Stadtzentrum.

"Das ist wie im Italien-Urlaub"

Viele Bars werden in der Nacht zum Club.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zuletzt hat der Stadtrat den Wirten erlaubt, im Sommer die Freischankflächen nicht mehr nur bis 23 Uhr, sondern bis Mitternacht zu öffnen. Die einen genießen die Abende im Freien, die anderen, vor allem Anwohner, sind genervt. Faltenbacher sagt: "Das ist wie im Italien-Urlaub: Da fährt man hin und schwärmt, dass man so lange draußen sitzen kann. Und wenn man zurück ist, beschwert man sich, dass die Leute draußen Lärm machen."

Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der die Sperrzeit 2004 kippte, um die Innenstadt wieder attraktiver zu machen, sagt: "Dass in den großen Städten immer mehr Publikum immer enger aufeinander hockt, kann man nicht ändern. Entscheidend ist, dass man sich richtig verhält." Und als Anwohner eben toleriert, wenn unten ein paar Menschen vor der Bar stehen und ratschen. Aber als Barbesucher auf der Straße beim Rauchen oder Weiterschlendern dafür auch leiser ist als drinnen in den Bars und Clubs - solange man sich in einem Wohngebiet befindet. "Ich habe schon das Gefühl, dass es gerade an der Sonnenstraße bei den Gästen zuletzt eine Verschärfung der Rücksichtslosigkeit gegeben hat", sagt Ude.

"Ein Austausch wäre absolut sinnvoll"

Einigkeit herrscht darüber, dass die Beteiligten im Nachtleben miteinander reden müssen. "Ein Austausch wäre absolut sinnvoll", sagt auch Klamt vom Planungsreferat. Bar-Chefs und Club-Betreiber sind unter anderem aus diesem Grund seit 1997 in einem Verband organisiert. Der Verband der Münchner Kulturveranstalter (VdMK) sucht das Gespräch mit Rathaus und Polizei, man plant Aktionen wie zuletzt die Veranstaltung "Cool bleiben - friedlich feiern in München". Auch in vielen anderen Großstädten gibt es solche Zusammenschlüsse laut Schmids Studie, wie etwa in Köln oder Stuttgart.

Stadtentwickler Schmid bringt in seiner Nachtleben-Studie ein Beispiel aus den Niederlanden, wo es in Amsterdam einen sogenannten Nachtbürgermeister gibt, der dafür sorgt, dass miteinander kommuniziert wird. Aber Schmid sagt eben auch: "Wenn Konflikte auftreten, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen." Denn das Nachtleben müsse bereits in der Stadtplanung verankert sein. So können Lärmbelästigungen am besten vermieden werden. Jedoch finde die Thematik im Stadtentwicklungskonzept "Perspektive München" von 2013 und auch bei den Konzeptstudien zur "Langfristigen Siedlungsentwicklung München" keine Berücksichtigung.

In England wird schon seit Ende der Achtzigerjahre, als einige Innenstädte verödeten, unter dem Begriff der "Night-Time Economy" das Nachtleben analysiert, schreibt Schmid. Es entstand zum Beispiel eine Art Gütezeichen, die "Purple Flag", für Stadtviertel, die vorbildlich etwa die Sicherheitsanforderungen im Nachtleben erfüllen. In London hat sich die Stadt allerdings in den vergangenen Jahren so entwickelt, schreibt Schmid in seiner Studie, dass die ganz zentrale "City of London", eines der beliebtesten Ausgehviertel, mittlerweile der am wenigsten bewohnte Stadtteil ist.

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