Nachruf Kritischer Seelsorger

Albert Bauernfeind ist im Alter von 64 Jahren gestorben

Von Kassian Stroh

Er saß beim Frühstück und freute sich über das Interview, das da gerade erschienen war; er fand es "kantig, aber nicht aufregend", wie er Jahre später einmal erzählte. In jetzt, dem Jugendmagazin der SZ, hatte Albert Bauernfeind über die katholische Kirche, ihre Vorstellungen von Sexualität, ihr Verhältnis zur Jugend gesprochen. Das Gespräch gipfelte in dem Satz: "Die offizielle katholische Lehrmeinung zur Sexualität ist unbrauchbar." Dass das aber sehr wohl sehr viele aufregte, merkte Bauernfeind, damals 42 Jahre und Stadtjugendpfarrer von München, rasch. Um acht Uhr klingelte das erste Mal das Telefon: In München sei der Teufel los. Bauernfeind wurde einbestellt zum Erzbischof, ein paar Tage später war er seinen Job los. Das war im Herbst 1995.

Der Vorgang erregte bundesweit Aufsehen, er versetzte viele in der Kirche Engagierte, nicht nur Jugendliche, lange Zeit in eine Art Schockstarre. Hatte Bauernfeind nicht einfach nur das gesagt, was alle dachten, hatte er nicht nur die Kluft thematisiert, die tagtäglich zu spüren war? Und dafür wurde er bestraft und - Bauernfeind blieb Priester - als Aushilfspfarrer nach Eichenau versetzt? Das ist zwar ein netter, kleiner Ort im Landkreis Fürstenfeldbruck, eine Versetzung dorthin aber kann nach kirchlichen Maßstäben durchaus als Verbannung gewertet werden.

Bauernfeind jedoch nahm seine neue Aufgabe an, seine Arbeit als Seelsorger ernst. Er blieb kritisch und offen, in seinem Kirchenbild modern, er scheute Konflikte nicht, äußerte seine Meinung weiter, wenn auch lange Zeit nicht mehr sonderlich öffentlichkeitswirksam. Er blieb unbequem, gehörte in den vergangenen Jahren zu jenen Pfarrern, die Kirchenasyl gewährten, die gegen den Rechtsdrift der Gesellschaft kämpften. 2008 war er so weit rehabilitiert, dass er zum Dekan im Kreis Fürstenfeldbruck ernannt wurde (das ist eine Art Ober-Pfarrer, jedoch ohne Weisungsbefugnis gegenüber den anderen Priestern). 2010 ging er nach Fürstenfeldbruck, um dort einen neuen, großen Pfarrverband zu gründen und zu leiten.

Damals trat er auch erstmals wieder in einer größeren Öffentlichkeit in Erscheinung. Es war der Höhepunkt der Missbrauchskrise in der katholischen Kirche, Bauernfeind nahm erst an einer Podiumsdiskussion teil und gab dann der SZ ein langes Interview. Wieder ging es um die Sexualmoral der Kirche und wie sie sexuellen Missbrauch nicht legitimiere, aber befördere. Er sprach über Pädophilie, patriarchalische Strukturen, über innerkirchlichen Gehorsam und die Notwendigkeit, Menschen auch zuzuhören, statt ihnen nur Lehrmeinungen vorzusetzen. Bauernfeind forderte, den Zölibat abzuschaffen und Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Wenig hatte sich schließlich in der Kirche geändert in den 15 Jahren seit dem jetzt-Interview, auch Bauernfeinds Meinung nicht, wohl aber der Umgang damit. Sanktionen gab es diesmal keine. Auch nicht, als er mit Gleichgesinnten bald darauf den "Münchner Kreis" kritischer Priester ins Leben rief.

Ob er die Abschaffung des Zölibats noch erleben werde? "Vielleicht lebe ich noch 20 Jahre", hatte Bauernfeind im Interview mit der SZ geantwortet, "ich wage, dies zaghaft mit einem ganz leisen Ja zu beantworten". Weder das eine noch das andere war ihm vergönnt. Nach zwei schweren Herzoperationen legte Bauernfeind vor einem halben Jahr sein Amt als Pfarrer nieder, vergangene Woche ist er im Alter von 64 Jahren gestorben. An diesem Montag wird um 15 Uhr in der Klosterkirche Fürstenfeld ein Requiem für ihn gefeiert, die Beisetzung erfolgt später in kleinem Kreis.