Nachruf auf Achim Bergmann Er war das Herz und die Seele von Trikont

"Tränen, Tränen, nichts als Tränen! Mein bester Freund hat sich auf den Weg gemacht. Gute Reise mein Lieber, ich werde das alles sehr vermissen", schreibt der Liedermacher Hans Söllner im Internet über den Tod seines Labelchefs Achim Bergmann.

(Foto: Jakob Berr)

Achim Bergmann ist tot. Der "bayerische Anarchist" hat das älteste Independent-Label des Landes, den Musikverlag Trikont, gegründet. Und bis zuletzt für seine Ideale gekämpft.

Nachruf von Michael Zirnstein

Unsere Stimme ist verstummt. Geschockt und ausgeknockt vom völlig unerwarteten Tod Achim Bergmanns, kann gerade niemand etwas sagen beim Musikverlag Trikont, dem ältesten Independent-Label des Landes. Logo: Ein Hund, der sein Bein an einem Grammophontrichter hebt. Schlachtruf: "Our Own Voice".

Achim Bergmann war - zusammen mit seiner Partnerin Eva Mair-Holmes - der Kopf hinter dieser gemeinschaftlichen Stimme, das Herz und die Seele. Selbst zu hören war er nur auf einer einzigen Schallplatte, der ersten, die 1972 im damaligen Buchverlag Trikont herauskam: "Wir befreien uns selbst." Da sang Bergmann in einer mobilen Einsatzkapelle mit anderen jungen Kämpfern für Freiheit und Gerechtigkeit. Denn Musik schweißt emotional zusammen, hat er mal erklärt, und sie wollten sich verbunden fühlen - untereinander und mit den BMW-Arbeitern vom Fließband, um gemeinsam ihre "Träume von einer besseren Welt unter die Leute zu bringen". So sangen sie im Chor Arbeiter-, Frauen- und Straßenkampflieder wie "Akkord ist Mord" und "Sabotage" mit Zeilen wie: "Wir wollen alles haben, wir wollen wir selber sein, wir wollen uns selbst bestimmen, und da funkt uns keiner drein."

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Die ersten LPs mit feministischen Liedern in Deutschland

Das ist der Kern von allen 500 Platten auf Trikont - das der Londoner Observer einmal zum "wichtigsten Label für exzellente Kompilationen" ernannt hat und die Süddeutsche Zeitung zur "Oase im Sumpf".

Auf Trikont brachte Achim Bergmann die ersten LPs mit feministischen Liedern in Deutschland heraus, mit "Schwul" von Warmer Südwind die erste Rockplatte der Homosexuellen-Bewegung und die Protestlieder der singenden Winzerinnen gegen das Kernkraftwerk Wyhl. Bergmann hakte sich nach dem Tod Rudi Dutschkes in Schwabing und Paris auf Demonstrationen bei den Genossen ein, wurde festgenommen. Aber Propaganda habe er - der 1967 nur kurz und "versehentlich" Redakteur der Kommunistischen Arbeiterzeitung war - auf Trikont nie betrieben. Als typischen intellektuellen 68er sah er sich nicht: "Ich bin ein Nichts an politischer Bildung", kokettierte er. Klar, er mischte sich ein gegen Vietnamkrieg, Häuserkampf und Psychiatrie-Folter. Er erinnerte sich an die Zeit, als er 1965 nach Abbruch einer Offizierslaufbahn in München ankam: "Im Nachhinein war das ein Wahnsinn, wie man das alles ausgehalten hat", sagte er, "vor allem mit so einem Kopf wie ich, der darauf nicht gefasst war."

Er rief: "Halt's Maul."

Er stammte aus einer Kleinstadt im Sauerland, sei vom Lehrer in der Schule gerügt worden, weil er immer Comics in den Unterricht mitgebracht hatte. Er war "unpolitisch, aber aufsässig", habe in Schwabing "alle Freiheiten mitgenommen" und sich nach und nach - in den einschlägigen Kneipen - das Antiautoritäre selbst angeeignet: "Da gab es eine Bereitschaft, dieser über die Vergangenheit schweigenden Gesellschaft nicht zu gehorchen."

Er erzählte dies in einem langen Gespräch zwei Reportern der Süddeutschen Zeitung vor drei Monaten im Trikont-Hauptquartier in Obergiesing. Dass er selbst nie schweigen konnte, sah man noch an einer Reströtung auf seiner Wange: Ein rechter Rabauke hatte dem linken Verleger auf der Frankfurter Buchmesse ein Veilchen geschlagen, was in allen großen Zeitungen Furore machte. Bergmann, der wie immer selbst einen Stand hatte, war zufällig bei einer Veranstaltung der patriotischen Wochenzeitung Junge Freiheit vorbeigekommen.

Mit einer konservativen Haltung kann er prinzipiell leben; in Niederbayern, wo er seit 36 Jahren lebte, saß er regelmäßig und gerne und redete "mit den Abgehängten" am Stammtisch und redete über Musik und Politik: "Es hat seine Grenzen, nur gegen etwas zu sein. Auch gegen das Rechte." Aber hier auf der Buchmesse konnte Bergmann dieses Geschwätz über den "Kulturbruch 68" nicht aushalten. Er rief: "Halt's Maul."

Der Niederschlag "mit Killerinstinkt" war der untypische Tiefpunkt eines Jubeljahres: Achim Bergmann hatte 2017 endlich seine Lebenskomplizin Eva Mair-Holmes geheiratet; und auch im Verlag gab es Großes zu feiern: "50 Jahre Trikont", begleitet vom 450-Seiten-Wälzer "Die Trikont Story - Musik, Krawall und andere schöne Künste" und zwei rauschenden Geburtstagsfesten in Berlin und München.

Bei Auftritten von Attwenger, Mrs Zwirbl, Express Brass Band, Coconami, Zitronenpüppies und dem unbeugsamen Überraschungsgast und Label-Superstar Hans Söllner spürten die Gäste wieder einmal, wie wichtig Achim Bergmanns Lebenswerk ist: In Zeiten, in denen Musik sinnlos aus dem Internet dudelt, gaben er und seine Künstler ihr Bedeutung zurück. Bergmann forschte auf der ganzen Welt nach der Ursprüngen der Musik, fand ebenso den "Early Rock 'n' Roll" der Schwarzen in den USA wie Funk in Äthiopien und "Rare Schellacks" in Wien und Sachsen, und voller Freude ließ der Sauerländer für sein Lieblingsprojekt "Stimme Bayerns" Alte und Junge von Therese Giehse bis Kofelgschroa über "Die Liebe" und "Himmel & Hölle" sinnieren. Vor allem zeigte Achim Bergmann mit Geschichten und Geschichte, wie dies alles zusammenhängt.

Natürlich halfen Musikkenner und Künstler dabei, aber sie alle saßen einmal am Küchentisch in Obergiesing mit Bergmann und Mair-Holmes zusammen, und redeten nächtelang, kämpften, liebten, stritten, trennten und vertrugen sich. Es waren meist die am Rand, die noch nichts mit ihrer Gabe, mit ihrem Geist anzufangen wussten, die Bergmann auf den Weg brachte.

"Tränen, Tränen, nichts als Tränen!"

Das erklärt die Flut an Respektbekundungen im Internet von Weggefährten. Die Sängerin Bernadette La Hengst schreibt: "Ich bin fassungslos und so traurig. Ein großartiger Mensch und Musikfreund und mein Förderer." Der Songwriter und Kolumnist Eric Pfeil: "Ein ganz und gar Grandioser. Ich fasse es nicht." Evi Keglmaier von Mrs Zwirbl: "Solche Typen müsste es noch mehr geben: ehrlich, direkt und immer mit einer klaren Haltung. Ich bin traurig und voller Respekt für alles, was er der Musikwelt in Deutschland und weit darüber hinaus hinterlassen hat." Und schließlich verneigt sich Hans Söllner: "Tränen, Tränen, nichts als Tränen! Mein bester Freund hat sich auf den Weg gemacht. Gute Reise mein Lieber, ich werde das alles sehr vermissen." Mag Achim Bergmanns Stimme in ihren Stimmen weiterklingen.

Im Trikont-Haus hält derweil Günter Hablik, seit 14 Jahren Stütze des Verlags, die Stellung. Er erzählt, dass Bergmann nach einer gelungenen Hüftoperation, der das Einsetzen eines Herzschrittmachers vorausgegangen war, "wegen guter Führung" vorzeitig aus der Reha entlassen worden war. Der 74-Jährige sei schon wieder "voller Tatendrang" im Büro gewesen. "Aus dem Nichts" kam dann die Todesnachricht, er habe auch noch nicht mehr von Bergmanns Frau und seinen beiden Söhnen erfahren. "Wir wissen überhaupt nicht, wie es ohne ihn hier weitergehen soll. Eigentlich kann man zusperren."

Bleibt zu hoffen, dass Eva Mair-Holmes die Kraft findet, weiter für Trikont und die Freiheit der Kunst zu kämpfen. Einen Rundbrief konnte sie der Trauer schon abringen: "Man sucht Trost und findet ihn nicht - nicht jetzt, nicht heute. Aber die Welt wird sich wieder drehen und wir werden uns an einen kraftvollen, wilden, verrückten und warmherzigen Menschen erinnern." Auf die Trauerfeier für den "bayerischen Anarchisten"am 9. März, 11 Uhr, im Aetas Haus (Baldurstraße 39) verweist sie mit den Worten des amerikanischen Rock-Pioniers Hank Williams: "Lebend komme ich nie aus dieser Welt heraus."

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