Laut einer Umfrage droht nahezu jedem dritten Lehrer in Bayern die Frühpensionierung, weil der Stress im Schulalltag seine Gesundheit gefährdet. Ein Gespräch über das schulische Burn-out in München.
SZ: Bleibt Lehrern zwischen den Schulferien zu wenig Zeit, um neue Kräfte zu sammeln? Baier: Häufig ja. Die Vormittage während der Schulzeit verlangen von uns volle Präsenz, ohne Pausen, von viertel vor acht bis 13 Uhr. Und anschließend kommt die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Elternarbeit, Telefonate, die Zusammenarbeit mit Sozialdiensten - das wird oft nicht wahrgenommen.
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SZ: Manager mit zum Teil mehr als 70 Wochenstunden brennen bekanntlich auch aus. Was sind die spezifischen Probleme beim Lehrerberuf? Baier: Die permanente Präsenz im Unterricht auf den verschiedenen Ebenen. Ich muss Unterrichtsstoff und -methode vorbereitet haben. Dann habe ich die Klasse: Wie kommt der Unterricht an? Und das dritte sind einzelne Kinder, die ich individuell im Auge behalten muss.
SZ: Entschädigen die Ferien nicht? Baier: Natürlich sind Ferien schön. Aber es ist ja nicht so, dass Lehrer in den Ferien nichts täten. Wir sind mit Vorbereitung beschäftigt oder erstellen Arbeitsmaterialien. Unser Beruf besteht durchaus nicht nur aus Urlaub.
SZ: Und die Kinder? Sind die schwieriger geworden? Baier: Ja, wir kämpfen mit mehr Disziplinproblemen als früher. Sie sind verhaltensauffälliger geworden, vor allem in den Städten. Die Familienstrukturen sind dort häufig nicht so intakt wie auf dem Land. Die Kinder wachsen mit mehr Hektik, weniger Natur und mehr Fernsehen auf. Ich bin jetzt seit mehr als 30 Jahren im Schuldienst und kann definitiv sagen: Der Beruf ist schwieriger geworden - auch hinsichtlich der Anforderungen an den Schuldienst. Wir müssen uns zurzeit in neue Lehrpläne einarbeiten, sollen etwa Ganztagsklassen, Sprachlernklassen, Sprachvorkurse für Schulanfänger einführen, ohne dass wir genug Zeit zur Einarbeitung hätten. Dieser Aktionismus verursacht großen Druck. Und dann fehlt uns die Unterstützung.
SZ: Von wem? Baier: Wir fühlen uns allein gelassen. An meiner Schule etwa bräuchte ich dringend einen Schulpsychologen. Die verhaltensauffälligen Kinder brauchen Sozialpädagogen. Es gibt kaum Plätze an heilpädagogischen Tagesstätten. Auch bei vielen Eltern finden wir kaum Unterstützung. Sie sehen uns als reine Dienstleister oder kümmern sich gar nicht um die schulischen Belange ihrer Kinder. Dabei können wir die Ansprüche der Öffentlichkeit ohne Mithilfe von außen nicht erfüllen. Umso schädlicher ist es, wenn in der Öffentlichkeit keine Wertschätzung für den Lehrerberuf gezeigt wird.
SZ: Wie äußert sich das Ausbrennen? Baier: Die Lehrer halten nervlich nicht mehr durch. Sie bringen die Souveränität nicht mehr auf, die man braucht, wenn man einer Klasse gegenübersteht, die einen persönlich fordert - oder auch persönlich angreift. Gegen die Flegeleien und Verbalaggressionen benötigt man ein dickes Fell. Man muss es schaffen, sich innerlich zu distanzieren, aber sich zugleich die Zuneigung zu den Schülern erhalten und sie ernst nehmen. Diesen Spagat schafft man nicht, wenn man nervlich angeknackst ist. Der Stress manifestiert sich dann in psychischen und in psychosomatischen Leiden. Dass jeder dritte Lehrer in der Studie darüber klagt, bestätigt die Praxis durchaus.
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