Von S. Wimmer und M. Maier-Albang

Islam-Gelehrte widersprechen dem Mann, der "im Namen des Koran" gemordet hat. Die Polizei nennt erste Details.

Die Frau hatte keine Chance: Blind vor Wut stach in der Nacht auf Montag ein 27-Jähriger auf seine Cousine ein, mit der er nach afghanischem Recht verheiratet war (wir berichteten). Die 24-Jährige starb laut Obduktionsbericht an einem tödlichen Herzstich, mehr als 20 Mal hatte ihr der Mann das Messer in die Brust gerammt.

In diesem Haus in der Boschetsriederstrasse geschah der Mord. (© Foto: Catherina Hess)

Anzeige

Später sagte er aus, die Tötung sei nach der Lehre des Koran sein Recht gewesen: Die 24-Jährige sah sich nicht als seine Frau, wollte nichts mit ihm zu tun haben und unterhielt eine Beziehung zu einem anderen Cousin.

Zwei Tage nach dem Mord in Obersendling geht die Polizei mit ersten Details an die Öffentlichkeit. So war die 24-Jährige zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter am Sonntagabend bei ihrer Cousine zu Besuch, die im selben Haus wohnt.

Dort tauchte auch der 27-Jährige plötzlich auf. Er bedrängte sie, die Beziehung zu dem anderen Cousin abzubrechen und zu ihm zurückzukehren. Sie ging nicht darauf ein. Offenbar war der gelernte Lackierer zu diesem Zeitpunkt schon sehr aggressiv, jedenfalls wartete die 24-Jährige in der Wohnung ihrer Cousine, bis der vermeintliche Ehemann gegangen war.

Als sie dann die Wohnungstüre öffnete, stand der 27-Jährige vor ihr und stach unvermittelt mit einem Messer auf sie ein. Vor den Augen der gemeinsamen Tochter setzte er ihr mit dem Messer nach bis ins Badezimmer, dort sackte die Frau schließlich in sich zusammen.

Der Täter flüchtete zunächst, versteckte das Tatmesser in einem Kellerabteil. Dorthin führte er die Polizei am Montagnachmittag und zeigte ihnen das Versteck.

Noch immer tut sich die Polizei schwer, die Familienverhältnisse von Täter und Opfer zu klären. In dem Haus an der Boschetsriederstraße wohnen mehrere Mitglieder der offenbar weit verzweigten Familie. "Momentan gehen wir davon aus, dass Täter und Opfer nach afghanischem Recht verheiratet waren, offenbar wurde die Frau 2004 zwangsverheiratet." Sie sei schon vor Jahren nach München übergesiedelt, der 27-Jährige kam vor etwa einem Dreiviertel Jahr nach.

Die Aussage des Täters, der sich auf den Koran beruft, ist für den in Sendling tätigen afghanischen Imam Sidigullah Fadai eine Schutzbehauptung. Ehrenmorde oder überhaupt Gewalt in der Familie seien nach islamischer Lehre "nicht zu akzeptieren". Auch eine Zwangsehe sei nach islamischen Recht nicht gültig; die Betreffenden könnten eine solche Ehe auflösen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis sind die Frauen oft eingebunden in ein engmaschiges Netz sozialer Kontrolle, die auch die Familie ausübt.

Jeden Monat wenden sich drei, vier misshandelte Frauen an Akela Hotak, die in München den Verein "Frauenhilfe Afghanistan" gegründet hat. Sie vermittelt Kontakte zu Frauenhäusern oder Beratungsstellen, denn viele Afghaninnen, die noch nicht lange in Deutschland leben, wüssten nicht, wohin sie sich wenden sollen.

Auch fehle den Frauen oft das Zutrauen zu den Behörden, denn in Afghanistan sei es um die Rechte der Frauen nicht gut bestellt. Vor allem die Taliban hätten dort ein patriarchales System errichtet, wonach eine Frau nur dann als "gute Frau" gelte, wenn sie "der Fortpflanzung dient, kochen und putzen kann und höflich ist zu Gästen". Ansonsten müsse die Frau vor allem duldsam sein - auch dann, wenn ihr Mann fremdgeht oder sie schlägt.

Vor einiger Zeit beriet Hotak eine Frau, die zwanzig Jahre ihren prügelnden Ehemann ertragen, sich nach seinem Tod nach kurzer Zeit in einen anderen verliebt und ihn geheiratet hatte. Die Familie empfand das als Verrat an dem verstorbenen Mann und ächtete die Witwe als "schlimme Frau".

Dabei sei, wenn die Partner nicht zusammen leben können, auch die Scheidung nach islamischen Recht möglich, sagt Fadai. Allerdings komme es immer wieder komme vor, dass bei Eheproblemen die Religion instrumentalisiert werde und der Mann sich auf sein angebliches Recht berufe. "Dabei gibt es im Koran keine Stelle, die Gewalt gegen Frauen rechtfertigt."

Vielmehr habe sogar der Prophet Mohammed gesagt: "Ich verstehe die Männer nicht, die tagsüber ihre Frauen schlagen und abends von ihnen Liebe und Zuneigung verlangen."

Leser empfehlen 

(SZ vom 22.07.2009/sonn)