Nach dem Streik "Ein Schlag ins Gesicht"

Soziale Berufe aufwerten: Darum ging es beim Streik der Erzieher - und um mehr Geld natürlich auch.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie Erzieher den Schlichterspruch im Tarifstreit bewerten

Protokolle: Melanie Staudinger

Karin Schmidt, Kinderpflegerin in einer Krippe: "Seit 14 Jahren schon bin ich Kinderpflegerin. Die Arbeit nimmt zu, die Anforderungen steigen, und es gibt immer weniger Personal. Kein Wunder, mit unserem Gehalt kann man sich München ja auch nicht leisten. Das muss sich ändern. Ich war schon beim letzten Arbeitskampf 2009 dabei und habe auch dieses Mal von Anfang an gestreikt. Es war eine sehr anstrengende Zeit. Wir alle wollten die Eltern und Kinder nicht übermäßig belasten und haben uns ständig Gedanken gemacht, wie es ihnen während des Streiks geht. Zudem hatten wir Angst, dass wir die Kinder wieder neu eingewöhnen müssen, wenn sie so lange nicht da sind. Die Angst war aber unbegründet. Die Kinder kamen freudig wieder zurück und bei den Eltern ist unser Rückhalt nach wie vor sehr groß. Wenn ich jetzt mit 40 Euro netto mehr im Monat herauskomme, ist das keine Aufwertung meines Berufs."

Manfred Spindler, Erzieher und Leiter einer Kindertagesstätte: "Ich habe mich bewusst für den Beruf des Erziehers entschieden, es ist mein dritter Beruf. Mir ist es wichtig, mit Menschen zu arbeiten. Das Finanzielle spielt nur eine untergeordnete Rolle. Viel nötiger ist die gesellschaftliche Anerkennung der Sozial- und Erziehungsberufe. Während des Streiks ist mir aufgefallen, dass die Streikenden plötzlich gesehen wurden. Die Leute haben gespürt, dass sich etwas bewegt, dass etwas ins Rollen kommt. Es ging nicht nur ums Gehalt, sondern um die Anerkennung. Erzieher verdienen ein Ansehen wie Lehrer. Der Schlichterspruch war dann wie ein Schlag ins Gesicht. Wir sind so weit von unseren Zielen entfernt, dass wir nicht einfach aufhören können."

Petra Kühnel, Kinderpflegerin in einem Kindergarten: "Die vier Wochen Streik habe ich als sehr arbeitsintensiv, aber auch ungemein wichtig empfunden. Das Gemeinschaftsgefühl, die Solidarität unter den Streikenden ist täglich gewachsen. Einen Monat lang haben wir versucht darzustellen, was die Arbeit mit Menschen wert ist. Im Alltag, wenn wir einfach in den Einrichtungen sind, merkt das niemand. Wenn wir aber streiken, sehen alle plötzlich, welche Lücken entstehen. Damit meine ich nicht nur die Eltern, die keine Betreuung haben, sondern auch die Arbeitgeber, deren Angestellte daheim auf die Kinder aufpassten statt zu arbeiten, und im Grunde genommen auch die Gesellschaft. Alle Berufsgruppen im Sozial- und Erziehungsdienst sollten bessergestellt werden, nicht nur einzelne Gruppen."

Axel Leibbrand, Erzieher in einem Tagesheim: "Wir beeinflussen, ob ein Kind einen guten Start ins Leben hat oder nicht. Das haben die Arbeitgeber offensichtlich noch nicht verstanden. Die schieben das Personal lieber hin und her, anstatt neue Leute einzustellen, weil sich kaum mehr jemand bewirbt. Gleichzeitig sollen wir die Qualität aber halten. Für mich gibt es nur eine Alternative: Wir müssen zurück auf die Straße. Sonst machen wir uns unglaubwürdig. Oder wie sollen wir den Eltern erklären, dass wir für 40 Euro mehr im Monat vier Wochen lang gestreikt haben? Die halten uns für verrückt."

Britta D'Arca, Kinderpflegerin in einer Krippe: "Im Team reden wir oft darüber, wie es jetzt weitergehen wird. Wir sind schon sehr ernüchtert, aber aufgeben wollen wir nicht. Es geht ja nicht nur um uns, sondern um den gesamten Sozial- und Erziehungsdienst. Und auch um Kranken- und Altenpfleger - wenn wir die Aufwertung unserer Berufe jetzt schaffen, gelingt es bei ihnen vielleicht auch. Wir haben jedenfalls nichts zu verlieren, denn bisher haben wir auch nichts gewonnen."