Nach dem Amoklauf von Winnenden: Alle Lehrer, alle Schüler und Eltern sind entsetzt über das Geschehene. Nun wollen die Schulen die Sicherheit verbessern.

Herbert Glauz hat, als er es gehört hatte, eine Kerze angezündet. Er habe einfach etwas tun müssen, sagt der Rektor der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule, also hat er vor das Sekretariat diese Kerze mit dem Trauerflor hingestellt und Kinder, die sich gewundert haben, von sich aus angesprochen. Ihnen erzählt, dass in Winnenden ein Schüler Amok gelaufen ist, dass es Tote gibt, viele Tote. Wie Glauz sind an diesem Tag alle Lehrer in München, alle Schüler und Eltern entsetzt über das Geschehene.

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Der Amoklauf an der Schule in Winnenden weckt schreckliche Erinnerungen: Im Mai 2002 gedachte der Bayerische Lehrerverband vor der Münchner Feldherrnhalle der Opfer an einer Erfurter Schule, wo 17 Menschen starben. (© Foto: ddp)

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"Man kann eine Klasse nicht mehr einfach im Unterricht mitnehmen nach so einem Vorfall", sagt Waltraud Lucic vom Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband. So haben die meisten ihrer Kollegen einen Gesprächskreis mit den Schülern abgehalten, die ohnehin per Handy über den Amoklauf informiert waren. Und dann wurde oft auch der schlimmste Fall diskutiert: Was, wenn das Unbegreifliche an unserer Schule passiert?

Lebensraum, kein Überwachungsraum

Im Jahr 2002 war dieses Unbegreifliche schon einmal ganz nah: Damals erschoss ein Ex-Schüler an der Wirtschaftsschule in Freising den Rektor und verletzte einen Lehrer schwer. Zuvor hatte der Täter zwei Arbeitskollegen umgebracht. Das Kultusministerium ließ daraufhin sofort ein Sicherheitskonzept für bayerische Schulen erstellen. Auf 15 Seiten werden darin Verhaltensmaßnahmen empfohlen: Unbekannte auf dem Schulgelände ansprechen, die Aufsicht verstärken, Türen besser überwachen oder ganz absperren - und auch den Einsatz von Videoüberwachungsanlagen stellte das Ministerium den Schulen frei.

"Jede Schule sollte nach Absprache mit der Polizei das machen, was für sie als geeignet erschien", erklärt Ministeriumssprecher Ludwig Unger den Sinn des Konzepts, in dem es aber auch heißt: "Die Schule ist ein Lebensraum und darf kein Überwachungsraum werden."

Eine weitere Krise: Nach dem Amoklauf in Emsdetten Ende November 2006 drohten vier Männer via Internet auch in München mit Amokläufen. Drei waren reine Trittbrettfahrer. Den Vierte allerdings, einen 21-jährigen Oberföhringer, stufte die Polizei als gefährlich ein. Er lebte abgeschieden und zurückgezogen, liebte blutrünstige Videospiele und hatte sich Meldungen von Amokläufen fein säuberlich aus der Zeitung ausgeschnitten.

Nur ein Versuch

Im Internet kündigte er an, sich an seinem Arbeitskollegen rächen zu wollen und dass er sich eine Waffe besorgt habe. Die Polizei nahm den Mann fest. "Ich bin der festen Überzeugung", sagt Rektor Glauz, "dass man sich gegen einen Amoklauf nicht schützen kann." Dennoch, wie viele andere Schulen gibt es auch bei ihm ein Krisenteam, ihm gehören jemand aus der Schulleitung an, zudem etwa ein Religionslehrer und Psychologe. Sollte es zu einem Amoklauf kommen, haben sie sich Wege ausgedacht, um die Lehrer zu informieren, ohne die Schüler in Panik zu versetzen.

Auch am Erasmus-Grasser-Gymnasium existieren genaue Vorgaben für eine Evakuierung, berichtet Direktor Stephan Zahlhaas: Wohin die Schulleitung geht im Fall der Fälle, wo sich die Eltern sammeln können, um Informationen zu erhalten. Das wäre etwa zwei Kilometer vom Schulgebäude entfernt, denn man müsse damit rechnen, dass dann der Bereich ums Gymnasium weiträumig abgesperrt werde. Seine Schule bildet mit dem benachbarten Ludwigsgymnasium einen Campus an der Fürstenrieder Straße, den 2000 Schüler besuchen. Wirkliche Ordnung sei im Fall einer Evakuierung unwahrscheinlich, räumt Zahlhaas ein. Alle Pläne seien also nur "der Versuch, ein unendliches Chaos in absehbarer Zeit zu mindern".

Niemand kann einen Amoklauf ausschließen, das weiß man auch im städtischen Schulreferat. Also gehe es darum, die Gefahren zu minimieren, sagt Sprecherin Eva-Maria Volland. Das Schulreferat setze deshalb auf Prävention. Man versuche, gefährdete Jugendliche so gut es geht zu betreuen und zu fördern, damit sie sich nicht in eine düstere Gedankenwelt hineinsteigern. Denn so einem Amoklauf gehe erfahrungsgemäß immer "eine lange, schwierige Vorgeschichte" voraus.

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