Mythen Der Narr am Alten Rathaus

Christopher Weidner zeigt als Stadtführer Menschen Plätze, die schaurige, mystische, sagenhafte Geheimnisse in sich bergen. Nun hat er ein München-Tarot erfunden - den 22 Trumpf-Karten hat er Figuren im Stadtbild zugeordnet

Von Martina Scherf

Der Herrscher und der Narr, der Eremit und die Liebenden. Symbole aus dem Tarot, Archetypen des menschlichen Wesens. Wer will, findet sie auch mitten in München, reichlich sogar. Man könnte sie also mal aufsuchen und sich dann von Angesicht zu Angesicht selbstkritisch fragen: Wie stehe ich zur Macht? Zur Liebe? Zum Tod? Christopher Weidner hat sich den Spaß gemacht, ein München-Tarot zu erfinden. Seit Jahren schon führt er Menschen an Plätze, die schaurige, mystische, sagenhafte Geheimnisse in sich bergen. Zu versteckten Zeichen an Fassaden und Giebeln, in Türmen und Kirchen. Dann erzählt er überlieferte Geschichten von Teufeln und Dämonen, Ketzern und Verdammten, von grausamem religiösem Eifer und tapferem Kampf für Gerechtigkeit.

"Früher wussten die Menschen solche Zeichen zu lesen", sagt der 49-jährige Stadtführer, "heute gehen die meisten achtlos daran vorbei." Dabei ist es ein lehrreicher Spaß, sich mit den verborgenen Geschichten zu befassen. Umberto Eco hat ganze Romane auf ihnen aufgebaut. Templer und Illuminaten zum Beispiel gab es auch in München zuhauf, die Guglmänner, die sich als Hüter der Monarchie verstehen, sind bis heute aktiv. Der Lindwurm, der am Neuen Rathaus prangt, oder die Heldenputti an der Mariensäule - sie stehen für Kämpfe gegen das Schicksal, um Recht und Glauben. Weidners Führungen sind beliebt. "Die Stadtspürer" hat er seine Agentur genannt - und jetzt mit dem Tarot eine neue Idee entwickelt.

Den 22 Trumpf-Karten des Tarot hat Weidner Figuren im Stadtbild zugeordnet. Vom "Narr", der so schön vom Moriskentänzer am Alten Rathaus repräsentiert wird, bis zur "Welt" am Ruffini-Haus am Rindermarkt. "Wer sich darauf einlässt, kann sich inspirieren lassen, Neues entdecken und sich mit Fragen beschäftigen, die uns alle angehen", sagt Weidner. Zumal das Tarot in München wohl früher sehr beliebt war. Es kam mit den Visconti aus Mailand in die Stadt, die wiederum eng mit den Wittelsbachern verbandelt waren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Also: Statt durch die Stadt zu hetzen, lieber mal stehen bleiben und über die Gerechtigkeit nachdenken, gerade jetzt, in diesen unruhigen Zeiten. Warum nicht am Marienplatz dem Heiligen Onuphrius tief in die Augen blicken? Der Afrikaner, der als Eremit in die Wüste ging, prangt an einer Fassade aus den Sechzigerjahren und wurde in München von Anbeginn verehrt. Oder Max I. Joseph besuchen, der auf dem Platz vor der Oper thront. "Der Herrscher" - war er ein guter, weiser Führer? Was sind die dunklen Seiten der Macht? Wer weiß schon, dass Max, im Frankreich der Aufklärung groß geworden, heimlich Freimaurer war? "Im katholischen Bayern ist das - anders als in anderen Ländern - immer noch tabu", sagt Weidner, "dabei waren Freimaurer bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft vertreten." Und wie hält es jeder für sich mit der Religion?

"Die Herrscherin" findet sich zum Beispiel auf dem Marienplatz. Die Heilige Maria als Patrona Bavariae, errichtet im Dreißigjährigen Krieg zum Dank, dass Schwedenkönig Gustav II. Adolf auf Rache verzichtete und München verschonte. Ganz in Gold erhebt sie sich, in der Linken ihr Kind, in der Rechten das Szepter, und ist dabei, auf die Mondsichel zu steigen. Für Weidner lehrt sie uns, "dass die größte Macht auf der Welt die Liebe ist".

Oder Merkur, der Götterbote. Dutzende Male ist er in der Stadt vertreten. Die Brunnenfigur im Tal steht für "Der Magier". Er tanzt auf der Luft, mit kleinen Flügeln an Schuhen und Hut. Eine Hand weist in den Himmel, die andere mit dem Zauberstab zur Erde. Er verbindet zwei Sphären, "und begnügt sich nicht mit dem Schein der Dinge", sagt Weidner.

Den "Mond" fand Weidner an der Hundskugel im Hackenviertel. Zwei Hunde rollen einen Ball durch die Stadt und lassen ihn - einer der vielen Legenden nach - an jenem Ort zurück, an dem noch bis ins 17. Jahrhundert Hexen auf ihren Gang zum Henker vorbereitet wurden: beim Bader der armen Leute. "Die Kugel erinnert an den Mond, und die Hunde an die Begleiterinnen der Göttin der Nacht", deutet Weidner das Bild für sich. Ein Symbol für die Sehnsucht und die verdrängten Ängste.

Christopher Weidner nennt sich und seine Agentur "Stadtspürer". Seine Führungen thematisieren die mystische Stadt.

(Foto: Christopher Weidner)

Weidner könnte stundenlang erzählen, er kennt jeden Winkel seiner Heimatstadt und unzählige Fakten, Sagen und Legenden. Seit er mittelalterliche Geschichte studiert hat, lassen sie ihn nicht mehr los. Dass er eines Tages davon leben könnte, hätte er sich damals nicht träumen lassen. Aber die Leute haben eine Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen, sagt er. Sie wollen mal über das Materielle hinausblicken. Kein Tourist geht an den Löwen vor der Residenz vorbei, ohne ihre Nase zu berühren. Könnte ja Glück bringen. Und ein bisschen Magie kann nicht schaden.

Die Fakten, die Weidner rund um seine ausgewählten Figuren, Kirchen, Brunnen oder Häuserinschriften anführt, stimmen, so weit bekannt. Die Deutungen beim Tarot hat er selbst dazu erfunden. "Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu betrachten", sagt er "und jeder kann sie selbst ergänzen."