Der in München festgenommene Lased ben Heni soll mehrere Monate in den Terrorlagern Osama bin Ladens gewesen sein.
(SZ vom 12.10.2001) - Der Haftbefehl, den die Italiener nach München schickten, ist ganze sechs Seiten lang. Und das, was dem Gesuchten konkret vorgeworfen wird, bringt selbst eifrige Polizisten höchstens zum Gähnen: Der Mann soll geholfen haben, Urkunden zu fälschen, er habe Menschen von der Schweiz nach Italien geschleust und sich außerdem illegal in Italien aufgehalten.
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Doch was aussieht wie die Spur eines Kleinkriminellen ist nach Ansicht der italienischen Ermittler der Hinweis auf einen ganz Großen - ein Faden aus dem Knäuel des internationalen Terrorismus. Der 32 Jahre alte Lased Ben Heni aus München soll im Nervenzentrum einer europäischen Terrorgruppe gesessen haben, die am Mittwoch in Mailand gesprengt wurde.
Ben Heni war Gehirn der Bande
Mehrere Araber nahm die Polizei fest, einen sucht sie noch in Frankreich. Ben Heni aber soll das Gehirn der Bande gewesen sein. Die Schlüsselfigur "mit hoher ideologischer Motivation", wie die italienische Antiterrorpolizei berichtet. Der gebürtige Libyer wurde Mittwoch morgen in München festgenommen.
"Ein Top-Terrorist", sagen deutsche Sicherheitsexperten, die in engem Kontakt zu den Italienern stehen. "Auf jeden Fall kein kleiner Fisch", bestätigt Heinz Haumer, Präsident des bayerischen Landeskriminalamtes. Seine Behörde hatte Ben Heni - gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt und dem Verfassungsschutz - schon lange im Visier.
Fünf Kilo Sprengstoff gefunden
Am 4. April wurde Ben Henis Wohnung in München durchsucht - als Folge der Ermittlungen gegen fünf algerische Attentäter aus Frankfurt, die an Weihnachten 2000 den Weihnachtsmarkt in Straßburg in die Luft sprengen wollten. 20 Kilogramm Sprengstoff wurden gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass sie gerade noch rechtzeitig kam.
Ben Heni soll mit den Weihnachtsmarkt-Bombern Kontakte gepflegt haben, ebenso mit einer Terrorgruppe in London, die im Februar ausgehoben wurde. Die Beamten stellten auch das Zimmer Ben Henis auf den Kopf. Doch die Schriftstücke, die die Polizei in der Münchner Wohnung fand, reichten nicht für einen dringenden Verdacht. "Er war kein Unbekannter für uns", sagt LKA- Chef Haumer. "Wir waren schon länger an ihm dran." Mehr sagt er nicht.
"Guter Schauspieler"
Andere Sicherheitsexperten berichten, der Mann habe bei einer Vernehmung durch die Polizei erklärt, er habe keinerlei Kontakte zu extremistischen Gruppen. Natürlich kenne er Leute in Mailand, aber doch keine Terroristen. Geradezu jovial habe sich der Libyer gegeben. Völlig überrascht sei er von solchen Vorwürfen, habe er gesagt und den Ermittlern sogar angeboten, ihnen zu helfen, falls er irgendetwas Verdächtiges erfahre. "Ein guter Schauspieler", sagt ein Ermittler.
Die Erkenntnisse, die deutsche und italienische Geheimdienstler mittlerweile über Ben Heni und seine Gruppe haben, deuten auf ein europäisches Netzwerk hin. Zwischen Großbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien verkehrten die Mitglieder der islamistischen Extremisten. Ben Heni soll nicht nur über drei Ecken Kontakte zu Terroristen gehabt haben.
Mehrere Monate in Afghanistan
Er war, so berichten Ermittler, selbst in einem Ausbildungslager der al-Qaida, er soll sogar mehrere Monate in Afghanistan zugebracht und dort die höheren Weihen des Terrorgeschäfts erhalten haben. In Europa habe er Waffen für seine Gruppe beschafft.
So sehr die Fahnder aber auch vermuteten, dass Ben Heni nicht so harmlos war wie er tat - sie kamen nicht weiter. Generalbundesanwalt Kay Nehm leitete zwar ein Ermittlungsverfahren ein, wie seine Sprecherin Frauke-Katrin Scheuten am Donnerstag bestätigte.
Alle Vorwürfe zurückgewiesen
Denn Ben Heni stand auch in den Augen der Karlsruher Ermittler unter dem Verdacht, Mitglied in einer terroristischen Vereinigung zu sein. "Wir haben allerdings keinen dringenden Tatverdacht und deshalb keinen Haftbefehl beantragt", sagt Scheuten. Deshalb hoffen die Ermittler, dass der Mann, der allen verdächtig ist, nun in Italien überführt werden kann.
Als am Dienstag aus Italien das Ersuchen auf Festnahme kam, schlug die deutsche Polizei zu. Stunden später nahmen Beamte den Mann in der Nähe seiner Wohnung in der Münchner Innenstadt fest. Am Donnerstag um elf Uhr wurde er dem Haftrichter vorgeführt. Er wies alle Vorwürfe zurück, stimmte aber seiner Auslieferung nach Italien zu. Er kann vermutlich in drei Wochen an die Italienischen Behörden überstellt werden.
Wieder ein verlorener Ausweis
Was die Ermittler besonders aufstört, ist, dass Ben Heni Anfang des Jahres seinen Reisepass als verloren meldete - so wie einige der Selbstmordattentäter aus Hamburg auch. Sie wollten damit verhindern, dass die afghanischen Visastempel eine Einreise in die USA erschwerten.
Die Ermittler rollen nach dem 11. September alle Ermittlungen noch einmal auf, die sie nach der Festnahme von Frankfurt angestellt haben. Der Generalbundesanwalt bereitet gerade die Anklage gegen die fünf mutmaßlichen Attentäter vor.
Ben Heni trotzdem kein "Schläfer"
Und mancher Ermittler hofft, dass der Generalbundesanwalt auch bei den neuesten Erkenntnissen nicht allzu zögerlich mit Haftbefehlen ist. Die Fahnder gehen nämlich davon aus, dass Ben Heni nicht der einzige Satellit der Mailänder Gruppe in Deutschland war. "Wir haben keine Heere von Terroristen hier, aber von der einen oder anderen exekutiven Maßnahme in der nächsten Zeit gehen wir aus", sagt ein Geheimdienstler.
Ben Heni ist nach der Definition der polizeilichen Ermittler kein "Schläfer". Die Polizei konnte ihm zwar nichts anhaben, doch er war ihr aufgefallen. Besonders gefährlich aber sind diejenigen Täter, die eine unauffällige bürgerliche Existenz leben und plötzlich wie auf Knopfdruck zu Selbstmordattentätern werden. "Ben Heni ist nicht der Täter, auf den wir die Rasterfahndung ausgerichtet haben", sagt Christoph Hillenbrand vom bayerischen Innenministerium. "Vermutlich müssen wir jetzt die Rasterfahndung neu einpegeln."
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