Musikinstrumente Alles auf einen Schlag

Für die Berliner Philharmoniker oder weltbekannte Jazz-Drummer: Frank Gegerle stellt die teuersten Becken her. Der gute Ton entsteht bei ihm durch Tradition und Tiefkühlung

Von Philipp Crone

Der Lebkuchen ist 2,3 Kilo schwer und ungenießbar. Kulinarisch. Fürs Ohr ist er allerdings jetzt schon ein wahrhaftiger Leckerbissen. Er enthält bereits das ganze Geheimnis. Welche Mischung aus Zinn und Kupfer? Gibt es noch eine unbekannte Zutat? Wie wird er gefertigt? Klar ist: Aus diesem etwas popeligen Stück Metall werden nach vielen Arbeitsschritten die vielleicht besten Becken der Welt, zumindest die teuersten. Und wenn Frank Gegerle, 46, in seinem Reihenhaus in Obersendling mit einem Schlagzeug-Stick auf dem Lebkuchen spielt, klingt es bereits nach feinen winzigen Becken: ping, ping. Die Geschichte, wie der Mann mit dem Zwirbel-Kinnbart zum Schlagzeug kam und heute solche Becken fertigt, ist auch eine Kulturgeschichte dieses Instruments, das wohl fast so alt ist wie sein heutiges Co-Instrument, die Trommel. Es geht um Sultane, Kryo-Techniken und die Frage, warum Becken in der Popmusik die vielleicht wichtigste Rolle aller Instrumente spielen.

Der Mann mit der schwarzen Mütze, der seine Werke "Zimbels" nennt, legt ein messinggolden schimmerndes 22 Zoll-Becken, also etwa der Durchmesser eines Autoreifens, auf seinen linken Zeigefinger und spielt es mit einem Stick an. Was dann zu hören ist, erscheint eher unmöglich: Ein definierter Tip-Klington und ein rauschend aufbrausend klingender Ton-Teppich zugleich. Etwas ganz Definiertes und Undefiniertes. Ein Schlagzeuger nutzt heute zwischen drei und zehn Becken, dieses hier "ist alles in einem", sagt Gegerle.

Gegerle war 14, als er zufällig in der Schule für eine Aufführung eine Snare-Drum in die Hand gedrückt bekam und sie in der Aula abliefern sollte. Er tippte ein paar Mal auf das knatternd ratternde Fell und war gefangen, bis heute. "Nach dem Abitur bin ich Profi-Schlagzeuger geworden." Das sah dann in den Achtzigerjahren in München so aus, dass er im Pro Percussion Center arbeitete und permanent auftrat, als Studio-Schlagzeuger, als Tour-Schlagzeuger, er spielte bei Megaherz harte Musik, in Studios auch mal Jazz, er reiste und spielte und reiste und spielte.

Frank Gegerle war lange Profi Schlagzeuger, jetzt ist er zudem Beckenhersteller und bei Hieber-Lindberg angestellt.

(Foto: Robert Haas)

Heute reisen nur noch seine Daten. Gegerle hat in seinem Reihenhaus ein Studio, in das gerade so ein Schlagzeug und ein Beckenständer passen. Hier bearbeitet er Aufträge innerhalb von 15 Minuten, wenn es sein muss. Anruf, ein Dropboxlink zu dem Song, für den er eine Schlagzeugspur spielen soll, sein elektrisches Schlagzeug mit Plastiktrommeln und -becken steht bereit, er sucht im Drumcomputer die richtigen Sounds, überlegt, welchen Groove er spielt, legt los, "vier Tracks schicke ich zurück, Paypal und fertig." 150 Euro in 15 Minuten, ganz ohne Rockstar-Drumherum. Davon lebte Gegerle bis Anfang 2015, als er bei einer Jam-Session ein Zildjian-Becken spielte, von der uralten türkischen Firma aus Istanbul. Der beste Beckenklang, den er bis dahin gehört hatte. Wobei man da zwischenrein fragen muss: Wofür sind diese Becken eigentlich gedacht?

Gegerle kratzt sich an der Mütze. Zunächst die Kulturgeschichte. "Es gibt schon Bibel-Psalmen, in denen steht, dass man den Herrn mit ,wohlkinkenden Cimbeln' preisen soll." Kleine Becken habe es schon vor Tausenden Jahren gegeben, überliefert sei allerdings dann im Jahr 1623, dass eine armenische Familie vom Sultan nach Konstantinopel an den Hof gerufen wurde, weil ihr der Ruf vorauseilte, die wohlklingendsten Cimbels herzustellen. Die Familie hieß Zildjian, sie etablierte das Handwerk in der Stadt. Noch heute werden hier die besten Becken gefertigt. Im Laufe der Zeit gab es auch einen amerikanischen Ableger des Familienunternehmens, der 1977 die ursprüngliche Manufaktur durch das Aufkaufen des gesamten Beckenvorrats wirtschaftlich zerstörte.

Zildjian ist nun ein US-Unternehmen. Doch der Fabrikchef von damals produzierte privat weiter, und er kannte auch die Geheimnisse. Während also der junge Gegerle in München die Welt der Trommeln und Becken für sich entdeckte, gossen, hämmerten, pressten und schmolzen die Handwerker in Istanbul weiter Instrumente von feinstem Klang. Gegerle hat heute eine Tasche mit Becken neben seinem E-Schlagzeug, deren Inhalt "sicher 20 000 Euro" wert ist: alte Original-Zildjian-Becken, mühsam zusammengekauft. "Wenn du Glück hast, werden pro Jahr zwei angeboten." Die Stradivari der Becken. Meist werden sie mit der Zeit noch besser, wobei man Gegerle nicht mit so einer These konfrontieren sollte, sonst erschüttet sich sein Experten-Wissen so umfassend über einen wie eines seiner Becken beim Spielen sämtliche hörbaren Frequenzen.

Becken in der Kühlung.

(Foto: Frank Gegerle/oh)

Wofür also Becken? Historisch gesehen als Instrument in Kirchen, die ganz kleinen Schellen damals, militärisch gesehen als Signalgeber. "Früher wurden große, schwere Becken auch eingesetzt, um den Gegner zu erschrecken und zu verstören." Erst als der Schlagzeuger Kenny Clark 1946 erstmals das später sogenannte Ride-Becken als Rhythmus-Geber einsetzte und nicht, wie zuvor üblich, die beiden aufeinanderliegenden Hi-Hat-Becken, die eher ein zischendes Geräusch machen, wurde das Becken in der damaligen Musik populär. "Das war revolutionär", sagt Gegerle, bei dessen Worten im Keller die Beckensammlung immer ganz leicht mitschwingt. Ride, wie reiten, führen, wurde im Jazz also der führende Ton. "Davor war das die Bassdrum, dann eben die Hi-Hat oder ein Woodblock oder die Drummer haben mit den Sticks den Rhythmus auf dem Trommelkessel mitgeklopft."

Und warum ist dieser Rhythmus auf dem Becken nun so wichtig? "Weil der Mensch eine durchgehende Time braucht, das ist wie das Schaukeln eines Babys, man will immer die Sicherheit des Wiederkehrenden, nehmen Sie heute nur die Elektro-Musik mit den Beats." Natürlich dient der Rhythmus auch zur Unterfütterung der Solisten, auch der Kontrabass im Jazz übernimmt diese Rolle zum Teil. "Die guten Drummer haben dabei immer ihre eigene Identität beim Spiel der Hi-Hat oder des Ride, wie ein individueller Puls." Beatles-Drummer Ringo Starr etwa, dem "wird ja oft vorgeworfen, nicht exakt spielen zu können: Quatsch. Er spielt die Achtel immer so ,in between', dass man sie nicht zuordnen kann." Das ergebe einen unverwechselbaren Sound. Und der Ton des Ride-Beckens, der verdichte dann das Klangbild, es "macht einen Teppich, der verbindet, schiebt an und setzt Akzente".

Als Gegerle sein Cimbal-Aha erlebte, produzierte man in Istanbul längst wieder richtig gute Becken. Der Münchner kontaktierte die Firma und hatte auch einen Vorschlag, um den Klang noch mehr zu verbessern: die sogenannte Kryo-Technik. "Durch das Kühlen auf minus 180 Grad für 15 Stunden verdichtet sich das Material." Man wende diese Technik auch im Rennsport, bei Gitarren und Blasinstrumenten an. Das Prinzip: Das Material wird bei Kälte dichter, und etwaige bei der Herstellung entstandene Spannungen lösen sich beim Auftauen. "Der Effekt bei den Becken war irre." Was sonst über Jahrzehnte passiert, dass sich die Kupfer-Zinn-Mischung langsam entspannt, passiert nun in Stunden. In einer speziellen Gefriertruhe lässt Gegerle das vornehmen. Die nach seinen Vorstellungen gefertigten Becken kommen aus Istanbul nach Obersendling und werden dann einmal in Südtirol bei einer kleinen Firma gefroren und wieder aufgetaut.

Seit Gegerle ein Becken bei einem Spezialisten einfrieren ließ und hinterher weiterverarbeitete, hat er 200 Stück hergestellt und verkauft. Bis zu 1150 Euro kostet so ein Instrument, das Größen wie Jazz-Drummer Jochen Rückert mittlerweile nutzen. Der Jazzclub Unterfahrt hat ein Becken-Set gekauft für das Schlagzeug, was im Club für die Musiker bereit steht.

"Die Höhen weicher, die Tiefen fülliger, der Ausklang kürzer, der Anschlag klar, reichhaltig, nie aufdringlich, präsent und druckvoll." Gegerle klingt wie ein Wein-Sommelier, wenn er von den Instrumenten spricht. Dabei geht es ja gar nicht um Wein, sondern um Lebkuchen.