Musik Techno-Oper soll Aubinger Industriegelände neu beleben

In der Oper ist Maya (Martina Koppelstetter) der letzte echte Mensch - alle anderen haben sich in Pixel aufgelöst.

(Foto: Julia Hildebrand/Ingolf Hatz)

Im früheren Heizkraftwerk wird das Mixed-Reality-Stück "Maya" aufgeführt. Der Münchner Mathis Nitschke will mit einer App auch das Publikum einbeziehen.

Von Rita Argauer

Um das Jahr 5000 nach Christus steht am westlichen Münchner Stadtrand ein rotes Backstein-Gebäude. Erbaut in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, verströmt es einen Industrie-Chic, der Ende des 20. Jahrhunderts zuerst bei Popkultur-Anhängern und dann bei allen üblichen Kreativen beliebt wurde. 2025 begann man dort ein Zentrum einzurichten, das den Menschen ermöglichte, sich digitalisieren zu lassen.

Es herrschte eine allgemeine Begeisterung dafür, das irdische Leben gegen ein optimiertes Dasein im Himmel, äh, pardon, in der Cloud, einzutauschen. Eines kam zum anderen: Um das Jahr 2050 hatten sich schließlich fast alle Menschen in Pixel verwandelt. Bis auf Maya, die als letzte Bastion der Menschheit auf Erden übrig blieb.

Der Soundtüftler der Oper

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Maya ist die Protagonistin von Mathis Nitschkes gleichnamiger Oper. Der Münchner Komponist und Regisseur setzte dieses Szenario in das ehemalige Heizkraftwerk in Aubing. Eine Mixed-Reality-Techno-Oper nennt er sein Werk, in dem klassische Musik und Techno, Industrie-Chic und augmented reality, also die virtuelle Form von Wirklichkeit, die man mit modernen Telefonen herstellen kann, verbunden wird. Ein groß angelegtes Projekt, das nicht nur diesen Ort in Aubing wiederbelebt, sondern auch einen kritischen und gleichzeitig faszinierten Blick auf die neuen Realitätsformen wirft, die die zunehmende Digitalisierung bietet.

Es verwundert, dass in dieser Platz-Not-Stadt eine Ruine halbverwittert einfach so herumsteht. Die hohe Fassade mit den schmalen Fenstern erinnert an den Berliner Techno-Club Berghain. Drinnen teilten sich bisher verrottete Kohleöfen, Graffiti und Tauben ein unspektakuläres Dasein auf 1300 Quadratmetern unter einer 28 Meter hohen Decke. "Eine Legende besagt, dass hier einst die ersten Münchner Raves stattfanden", sagt Regisseur Nitschke. Das passt ihm gut ins Konzept, denn er will nicht nur eine Oper mit Science-Fiction-Handlung à la Philip K. Dick dort hineinsetzen, sondern auch die musikalisch klassische Operntradition mit zeitgenössischer elektronischer Musik weiterführen.

Vom Charme dieses Gebäudes ließen sich zuvor schon mehrere bezaubern. Kurzzeitig wurde überlegt, ob die Halle zum Ausweichquartier der Münchner Philharmoniker während der Zeit der Gasteig-Sanierung werden könnte. Mittlerweile planen die Unternehmer Christian und Michael Amberger, die eine Tankstellen-Kette betreiben und das Gebäude erwarben um darin ihren Firmensitz einzurichten, die Ruine, die inzwischen unter Denkmalschutz steht, zukünftig für Kunst- und Kulturprojekte zu nutzen.

Nitschkes Oper ist da ein Anfang. Und der nutzt den Ort nicht nur als Spielort, sondern auch als Bühnenbild. Das Streichtrio Coriolis sitzt hoch oben auf drei Öfen, die Hauptdarstellerin klettert auf den Treppen herum, die bis unters Dach führen, und Nitschke erzählt, dass an diesem Ort eben nicht Kohle verheizt wurde, sondern dass die mächtigen Öfen Portale für den menschlichen Upload in die Cloud gewesen seien.

In München kennt man solche Theater-Formen: Das Ensemble Opera Incognita produziert seit Langem Opern an ungewöhnlichen Orten wie etwa dem Müllerschen Volksbad und bindet diese als Bühnenbild in die Handlung mit ein. Doch Nitschke geht noch einen Schritt weiter. Er setzt nicht eine alte und bekannte Oper in einen neuen örtlichen Kontext. Nitschke hat eine komplett neue Oper geschrieben, die sich sowohl von der Klassik absetzt, als auch von der abstrakten Neuen Musik des 20. Jahrhunderts.

Letzte Ansage des Regisseurs Mathis Nitschke für seine Oper "Maya".

(Foto: Catherina Hess)

Denn Nitschke nutzt auch Kompositionsweisen der Popmusik. Aus den Lautsprechern tönen neben den Streichern auch Beats und Samples. Diese Klangfetzen wurden von Klavikon, Jörg Hüttner, Björn Eichelbaum und dem Münchner Noise-Künstler Anton Kaun alias Rumpeln produziert. Von Nitschke neu arrangiert und komponiert markieren diese Sounds und ihre jeweiligen Eigenheiten den Lebensweg von Maya. Denn neben all dem futuristischen Überbau,verbirgt sich im Libretto der Oper auch die Dramaturgie eines Entwicklungsromans: Man verfolgt das Leben und die Erkenntnis der Protagonistin von der Geburt bis zum Tod.

Musikalisch nutzt Nitschke die Schnipsel- und Sample-Liebhaberei des Techno als Grundlage. Darauf singt, spielt und spricht Martina Koppelstetter als Maya; die einzige Darstellerin in dieser Oper. Sowieso löst Nitschke die Formen der herkömmlichen Opern-Darstellung auf. Sein Publikum soll nicht sitzen, sondern durch den Raum wandern. Über eine eigens programmierte App können die Zuschauer die fiktionale Welt, die Nitschke für die nahe Zukunft erschaffen hat, erkunden.

Hält man die App auf die überall in der Halle angebrachten Markierungen, zeigt diese - wie in einem Museum - wie das mit den Uploads der Menschheit hier vonstatten ging. Neben einem rostigen Tor erscheint der Hinweis, sich bitte noch ein letztes Mal die Hände zu waschen. Auf einem anderen Ofen laufen Listen entlang mit den Namen all der hier ins digitale Paradies entschwundenen Menschen. Ein verdrehter Blick: Der Zuschauer hat das Gefühl, er besucht eine archäologische Ausgrabungsstätte. Das, was ihm gezeigt wird, ist allerdings die von Nitschke entworfene nahe Zukunft.

Ganz praktisch gesehen, war es aber doch ein enormer Aufwand, eine Oper in diese Ruine zu bringen: 120 Meter Stromleitungen mussten verlegt werden, zwei Laster-Ladungen Technik wurden installiert und das W-Lan ist immer noch ein wenig wackelig. Deshalb wird das Publikum auch gebeten, sich die App unter www.mayaoper.de im Vorfeld herunterzuladen.

Maya Oper, Mittwoch, 18., bis Sonntag, 22. Oktober, Installation: 18 Uhr, Beginn: 18.30 Uhr, Rupert-Bodner-Straße 5

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