Musical Es wird getanzt heut' Nacht

Der Kulturverein "Die Linie 1" feiert am Freitag mit "My Fair Lady" Premiere. Bis zur letzten Minute bestimmen Proben-Hektik und Lampenfieber die Atmosphäre in der Aula des Berufsschulzentrums

Von Anita Naujokat

Paul Pitzek bläst sich nur mit dem Mundstück ein, noch ganz ohne Instrument. Der Österreicher, Berufsmusiker, springt während der Probe mit seinem Waldhorn für einen erkrankten Kollegen ein, wird also in keiner der regulären Aufführungen zu hören sein. Neben ihm bedient Jörg Splettstoeßer die Hebebühne, auf der Friedrich Wörthmüller steht, um den seitlichen Bühnenvorhang zu arretieren. Später wird er als "Mann aus Moosach" in der Marktszene auf der Bühne stehen, um die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle - gespielt von Irene Eggerstorfer - darauf aufmerksam zu machen, dass der sprachversessene Professor Higgins (Florian Drexel) versteckt hinter einer Säule jedes ihrer Worte notiert.

Es herrscht kreatives Chaos in der Aula des Berufsschulzentrums: Überall stehen noch unausgepackte, fahrbare Kästen mit der Technik des Kulturreferats. Alle wuseln in einem scheinbar ziellosen Durcheinander herum, einige wenige sitzen in sich gekehrt auf einem der Stühle und sammeln sich für das Kommende. "Hallo Choooor, wer gerade frei ist, bitte zu mir!", ruft Norbert Kästle, Schöpfer und zugleich Produktionschef von "Moosach macht Oper" - des ehrenamtlich aufgezogenen Stadtteilprojekts, das der Kulturverein "Die Linie 1" mit Laien und Profis gestaltet. Nach den Opern "Aschenputtel" (2008), "Fidelio" in der U-Bahn-Baustelle und Humperdincks "Hänsel und Gretel" (2009), dem Musical "Der kleine Horrorladen" (2011), Mozarts "Zauberflöte" (2014) und Bachs Weihnachtsoratorium (2015) ist jetzt das Musical "My Fair Lady" dran.

Wer nicht anderweitig beschäftigt ist, installiert Notenständer, Lampen und Stühle für das knapp 30-köpfige Orchester mit Bläsern und Geigern, Harfe, Pauke, Schlagzeug. Jeder macht alles. So singt der Architekt und Bariton Matthias Ludwig nicht nur den Part des ungarischen Professors, er ist auch zuständig für sämtliche Fragen des Bühnenbaus. Neben der Bühne liegen Headsets über zwei Tische verstreut, die Kostüme hängen noch in Schutzfolie an einem fahrbaren Kleiderständer. Higgins' Bücherregal für sein von London an die Moosacher Pelkovenstraße 238 a verlegtes Studio enthält unter anderem drei Ausgaben der "Fischküche" und Bibelattrappen in verschiedenen Ausführungen. In einem Käfig hängt ein zerzaustes Rattenstofftier, das eigentlich ein Vogel sein soll. Und überall große blaue Plastiktüten eines skandinavischen Möbelhauses, die "Original Schuhe Damen" oder anderes enthalten. Aufschriften warnen: "Fundus Kleidung - Finger weg!" Von der Decke der Bühne hängen leere Filmstreifen in Bahnen, als Teil des Bühnenbildes spielen sie später noch eine besondere Rolle.

"Alle Solisten und Sänger auf die Bühne", trommelt der musikalische Leiter Johannes Schachtner die Darsteller zusammen. Der mehrfach ausgezeichnete Musiker und Komponist, unter anderem Träger des Musikförderpreises der Landeshauptstadt München und Inhaber des Bayerischen Kunstförderpreises, hat den Chor einstudiert. Er dirigiert auch das Orchester. "Schau'n wir, dass wir das Stück zügig durchgehen", sagt Schachtner zur Einleitung, "bei Fehlern bitte nicht aufhören, sondern einfach weitermachen. Wenn zu viel falsch ist, breche ich schon ab."

Es ist die erste Probe, bei der Chor, Musiker und Solisten erstmals mit den Headsets zusammen üben, wenige Tage vor der Premiere. Da sind manche Nerven angespannt. Für Norbert Kästle war es die schlimmste seiner bisherigen Produktionen - das sagt Kästle zwar in einer gewissen Phase bei allen seinen Inszenierungen, doch dieses Mal war wirklich der Wurm drin. Zum einen musste der lastwagengroße Container mit dem ganzen Equipment per Hand ausgeladen werden, da die Hebebühne des angemieteten 7,5-Tonners schon das Gewicht einer Palette nicht verkraftet hatte. Dann ist Kästle der Interpret des alten Doolittle weggebrochen: "Wir mussten innerhalb kürzester Zeit Ersatz finden, was ein Verein fast nicht stemmen kann." Dazu kam ein großer Männermangel: "Man glaubt nicht, wie schwierig es ist, Tenöre und Bässe zu bekommen. Hatten wir welche, mussten einige wieder abspringen. Das war schon ziemlich auf Kante genäht und lange eine leidige Bastelei." Auch die Streicher habe man nur "mit Risiko" zusammengebracht.

Ein Glücksgriff sei allerdings gewesen, im Einkaufszentrum "Mona" einen Proberaum bekommen zu haben. "Wären es ständig wechselnde Pfarrsäle gewesen, hätten wir die Produktion nicht geschafft", sagt Kästle. Im Mona habe sich die Truppe dauerhaft einrichten, ausbreiten und alle Bühnenelemente zusammenbauen können: "Alles handmade von uns fabriziert und zusammengeschreinert." Bis hin zu den Texten, die eher housemade entstanden sind: Kästles Frau Brigitte und Dorothee Lossin von der Öffentlichkeitsarbeit haben die berlinernde Diktion der deutschen Erstaufführung ins Münchnerische übertragen.

Regisseurin Urte Regler eilt immer wieder hinters Mischpult; die Tontechnik sei noch nicht eingespielt, sagt sie. Ihr war wichtig, nicht eine Wiederauflage der Verfilmung 1964 mit Audrey Hepburn und Rex Harrison zu inszenieren, sondern eine eigene Fassung zu finden - eine Münchner Version mit Lokalkolorit. Das Ascot-Rennen wurde zum Dallmayr-Cup in Riem, der Diplomatenball hat sein Pendant im bayerischen Filmball im Hotel Bayerischer Hof, auch der O₂-Tower, die Staatsoper, die Staatskanzlei und das Polizeipräsidium kommen vor. Reglers Higgins ist mit dem erst 28-jährigen Florian Drexel auch nicht der graue, langweilige Professor, sondern ein facettenreicher und lebendiger. "Das ist unser großer Pluspunkt", freut sich die Regisseurin.

Das Musical "My Fair Lady", uraufgeführt am 15. März 1956 im "Mark Hellinger Theatre" in New York, brachte es auf mehr als 5000 Vorstellungen am Broadway, in London und Berlin. Jetzt also Moosach.

Premiere ist am Freitag, 28. Oktober, 19 Uhr, in der Aula des Berufsschulzentrums, Riesstraße 44. Weitere Vorstellungen: Samstag, 29. Oktober; Freitag, 4. November; Samstag, 5. November, jeweils 19 Uhr. Karten kosten 22 und 25 Euro zuzüglich Vorverkaufsgebühr bei München-Ticket, im Kiosk "Fanny's La estación" (Bunzlauer Straße 1), bei Special- Concerts im Olympia-Einkaufszentrum (Karstadt, Riesstraße 61), Robra-Optik (Pelkovenstraße 59), Pelkoven-Apotheke (Bunzlauer Straße 15) oder über www.dieLinie1.de.