Todessymbole, wohin man blickt - und die Beletage gehört Cy Twombly: Am Montag wird das Museum Brandhorst in München eröffnet.
Spekulativ? Kunst von gestern und vorgestern, nichtssagende Bilderflut? Betritt man das vollendete Museum Brandhorst, lässt man also die edel schillernde Missoni-Couture der zartbunten Keramikfassade hinter sich, dann muss man feststellen: Zumindest ein risikoreiches, kurzatmiges Kunstmarkt-Investment ist in dieser dem Freistaat Bayern assoziierten Privatsammlung kaum oder gar nicht zu erkennen.
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Zehn Jahre, nachdem Kritiker in der Kollektion von Udo und Anette Brandhorst die letzten Zuckungen einer todgeweihten Moderne erblickten, zeigt sich: Viele der Kunstbetriebsnudeln von gestern sind fast schon die Klassiker von heute. Alles an und in diesem Bau ist, trotz eher intimer Dimensionen, auf öffentliches Institut, auf museale Validierung getrimmt.
Die frühen Warhols, die Polke-Bilder, aber auch die Großskulptur von Franz West, die Phantasiestadt von Mike Kelley, der "Lepanto-Zyklus" von Cy Twombly: Kuratoren-Wunschträume. Die Saalfolge ist lebendig rhythmisiert, Tageslicht dringt, klug gefiltert, fast überall ein, Eichenholzboden und Rindsleder an den Handläufen der Treppen komplettieren das edle Ambiente erwünschter Zeitlosigkeit. Hier atmet alles Kanon; die Auswahl ist ausgewogen, fast schon konventionell zu nennen.
Zur Erinnerung: Udo Brandhorst und seine inzwischen verstorbene Gattin Anette hatten an den Wechsel ihrer Sammlung von Köln nach München zur Staatsgemäldesammlung die Bedingung geknüpft, ihre Twomblys und Warhols in einem eigenen Haus zeigen zu dürfen. Man einigte sich darauf, dass der Freistaat Errichtung und Administration des Neubaus finanziert, die Werke aber in eine Stiftung eingebracht werden, ausgestattet mit üppigem Kapital. Man fand ein schmales, mit Baumbestand fast zu schmales Grundstück an der Kreuzung Türken-/Theresienstraße - drinnen, im neuen Haus, ist von diesem Prokrustes-Bett aber kaum etwas zu merken.
Ob die Nachkommen lächeln?
Dafür aber umso mehr von der eigentümlichen Zwitter-Konstruktion einer öffentlichen Privatsammlung, die sich den Obsessionen Einzelner verdankt, aber durchaus Museumsrang beansprucht und im Namen "Museum Brandhorst" offenbar wird. Dieser Umstand ist allen Beteiligten klar; auffällig ist jedenfalls die ostentative Harmonie, mit der Direktor Armin Zweite und Carla Schulz-Hoffmann, die Leiterin der Pinakothek der Moderne, ihre kuratorische Feinabstimmung betonen.
Klar ist aber auch: Sollte es einmal Zwist geben, kann Brandhorsts Haus weitgehend autark agieren. Erstaunlich immerhin Zweites Katalogaufsatz, in dem er vor allem Vorläufigkeit und Wagnis allen Sammelns betont. Was die Zeitgenossen umarmen, könnten Nachkommen womöglich belächeln. Doch von der Kippenberger'schen "Selbstjustiz durch Fehleinkäufe" ist auch kein öffentliches Haus frei.
Ist es also ein Glück oder zu bedauern, dass Damien Hirsts spektakuläre, sechs Meter hohe Bronze "Hymn", eine Anschauungsfigur aus dem Anatomieunterricht, (noch) keine Aufstellung zwischen Pinakothek und Brandhorst-Bau fand? Das bunte Gedärm hätte zumindest gut gepasst zur Symbolik von Tod und Vergänglichkeit, von Krankheit und Kreatürlichkeit, ohnehin Leitthemen der Kunst, die sich auch durch die Säle im neuen Haus ziehen.
Im Erdgeschoss: etwa Polkes grandioses, neblig verhangenes Polyesterbild aufgespießter Revolutionärsköpfe; Eric Fischls bunte Tableaus existentieller Einsamkeit; John Chamberlains Auto-Karambolagen - bis hin zu Franz Wests klumpiger, grotesk raumfüllender Ausformung des Lacan'schen Gedankens, unsere Kultur gründe sich auf Abwässerkanälen, auf Müll und Exkrementen (einer der Neuankäufe aus dem Jahr 2007).
Dazwischen einige Räume kleinerer, eher nachrangiger Arbeiten, etwa eine Etüde in formaler Sparsamkeit mit Palermo, Beuys, James Lee Byars, dazu Walter de Marias metallenes Septagon auf dem Boden - als Miniatur-Hinweis schon auf die Großskulptur de Marias, die demnächst das angrenzende Türkentor füllen wird; außerdem Arbeiten der Arte Povera.