Von Philipp Crone

Anstehen für Warhol, Beuys und Co. - der Eröffnungstag des Museums Brandhorst läuft fast perfekt ab.

Es ist so ruhig, dass man das Museum hören kann. Am Donnerstagmorgen um halb zehn sind Türken- und Theresienstraße verwaist, keine Menschen auf den Bürgersteigen, keine Autos auf den Straßen. Nur ein leises Rauschen ist zu hören und ab und zu knackt es. Das ist das Museum Brandhorst.

Tagessieger am Eröffnungstag des Museums Brandhorst: das verspiegelte Pillenregal von Damien Hirst im Untergeschoss. Das Objekt mit Tausenden Arzneimittel-Kapseln wurde am häufigsten fotografiert. (© Foto: Rumpf)

Anzeige

Der bunte Kasten mit seinen 36.000 Keramikstäben an der Fassade scheint in der kühlen Morgensonne langsam zu erwachen und Luft zu holen für diesen großen Tag - den ersten von vier, an dem das Haus für alle gratis geöffnet ist. Die Blechplatten hinter den pastellfarbigen Stäben knacken in der Sonne, und die Klimaanlage des Hauses läuft auf höchster Stufe. Alle Mitarbeiter sind schon bereit; viele sind nervös.

Die Wärter hoffen, dass die Besucher nichts berühren, das Personal an der Information überlegt, ob die Prospekte reichen und der Baubeauftragte Andreas Burmester ist besorgt, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Inneren nicht zu sehr steigen. Der Bau ist konzipiert für 640 Besucher, angemeldet für heute haben sich 2300, und die Schlange vor dem Eingang ist um kurz vor zehn Uhr innerhalb weniger Minuten von fünf auf fünfzig Meter angewachsen. Aber es wird trotz des Andrangs fast alles klappen.

Der 58-Jährige Bernhard Kralovec steht ganz vorne, er war der erste an diesem Morgen. "Das will ich mir nicht entgehen lassen", sagt er. Dann gehen die Türen auf, die Damen am Eingang beginnen die Besucher zu zählen - und die fangen an zu staunen. Jeder, der das schmale Erdgeschoss mit den Treppen aus hellem Holz und den ersten Kunstwerken betritt, macht die gleiche Kopfbewegung: Mit leicht offenem Mund in einem Halbkreis von links nach rechts. Bei vielen bleibt das Staunen über Richter, Kounellis oder Kelley bis zum Schluss im Gesicht.

Um 10.16 Uhr sind exakt 486 Menschen im Gebäude - ein Querschnitt der Stadtbevölkerung: Junge Familien mit kleinen Kindern, ältere und alte Ehepaare, Menschen mit Motto-T-Shirts und schicken Anzügen, andere im Sportplatz-Look, manche auch mit Sonnenbrillen gegen das all zu grelle Licht im Untergeschoss, dazu Kunst-Experten mit Kugelschreibern in der Hemdtasche, Ahnungslose und Beflissene, Begeisterte und Enttäuschte. Die sind es zumeist allerdings nur von einzelnen Stücken.

Ein Ehepaar ist wegen der Architektur gekommen, schwärmt hinterher aber auch von der Kunst. Wenn auch nicht von allen Objekten. "Manche Arbeiten hätten wohl im Leistungskurs Kunst Null Punkte bekommen", sagt der Mann. Die Werke polarisieren. Eine Frau sagt: "Ich teile die Arbeiten in drei Kategorien: Die einen gefallen mir, andere sind lustig und wieder andere nicht mein Geschmack." Einen Hinweis auf Kunstwerke, die den Massengeschmack des ersten Vormittags treffen, gibt die erreichte Blitzzahl.

Viele Besucher haben ihre Digitalkameras dabei und lichten ihre Favoriten ab. In Führung liegt eindeutig Damien Hirsts Pillenspiegel: Vor einem etwa fünf Meter breiten und zwei Meter hohen Spiegel sind Tausende verschiedenfarbiger Arznei-Kapseln auf kleinen metallenen Regalleisten drapiert. Besucher Nummer eins Bernhard Kralovec nimmt zufrieden davor Platz, als er nach einer Stunde alles gesehen hat. Sein Fazit: "Es gibt hier sehr viele Arbeiten, vor denen ich lange stehen kann."

Auch draußen steht man, aber nicht lange. Die Schlange wächst alle Viertelstunde um die erste Ecke, wird dann gleich wieder kürzer. Eine Frau mit grünem Bändchen, dem Zeichen für Angemeldete, fragt beim Personal nach. "Wir sind um viertel nach zwölf dran. Dürfen wir schon rein?"

Sie dürfen. Das System der sogenannten Slots funktioniert. Im Internet konnte man sich vorab einen Besuchstermin im Viertelstundentakt aussuchen und reservieren. Bis Sonntag sind diese Reservierungen nun schon ausgebucht, aber die Gäste kommen auch so in den Genuss von Warhol, Twombly und Co. Sie müssen dann eben anstehen.

Um 11.04 Uhr betritt der eintausendste Besucher das Museum. Es wird jetzt eng. An einigen Stellen gibt es Staus, im Raum mit den Kunstwerken von Joseph Beuys musste eine Installation schon zur Seite geschoben werden. Dann geht der Alarm los.

Ein schwer zu ortendes Piepen durchdringt die Räume. Das Aufsichtspersonal rätselt, woher es kommt. Und immer wieder piept es von Neuem. Schuld ist das iglu-ähnliche Objekt von Mario Merz im Erdgeschoss, das manche anfassen. Erst als sich eine Aufsicht dazustellt, verstummt der Alarm.

Eine Frau sagt nach ihrem Besuch: "Normalerweise gehe ich lieber in eine Ausstellung, wenn wenig Besucher da sind, da hat man mehr Muße für die Werke. Aber hier gehören die Menschen in den Räumen irgendwie dazu." Auf der Treppe kann man sie sogar spüren - durch die Vibrationen der Schritte. Es scheint, so wie das Haus vibriert, pulsiert und klingt, als sei das Museum durch seine Besucher erwacht. Dieser kleine, bunte, lebhafte Kasten, den die Menschen gespannt betreten und mit einem Lächeln im Gesicht wieder verlassen.

Leser empfehlen 

(SZ vom 22.05.2009)