Muse in München Bond wäre enttäuscht gewesen

Sie sind die Könige des Bombast, Pathos und Größenwahn: Die britische Band Muse durfte den offiziellen Song für die Olympischen Spiele in London singen. Doch bei ihrem Konzert in München überrascht das Trio - mit einer eher bescheidenen Kulisse, die für "Skyfall" zu dürftig gewesen wäre.

Von Lisa Sonnabend

Matthew Bellamy, Sänger von Muse, beim Auftritt bei den MTV European Music Awards am Sonntag in Frankfurt.

(Foto: dpa)

Ein Lied für eine Hose? Nicht mit Jello Biafra. Der Frontmann der Punkband Dead Kennedys weigerte sich einst, den Hit "Holiday in Cambodia" für einen Jeans-Werbespot zur Verfügung zu stellen. Die Folge: Die restlichen Bandmitglieder verklagten ihn deswegen. Ein Lied für den Sport? Die britische Band Muse hatte nichts dagegen. Die Folge: Ihr Lied "Survival" lief als offizieller Titelsong bei den Olympischen Spiele 2012 in London rauf und runter. Ob es das Trio verändert hat?

Seit 1994 machen Muse gemeinsam Musik, sie haben 2007 das Wembley-Stadion komplett gefüllt, durch Olympia sind sie noch bekannter geworden und seit Sänger Matthew Bellamy mit Hollywood-Schauspielerin Kate Hudson liiert ist, taucht er regelmäßig in den Klatschspalten der Zeitschriften auf. Am Montagabend treten sie nun in der Münchner Olympiahalle auf.

Der Schwerpunkt der Show liegt auf den Liedern vom neuen, sechsten Studioalbum "The 2nd Law". Neun Songs von der Platte werden in München gespielt. Sie knüpfen an bewährte Muse-Traditionen an und vereinen Elemente des Prog-Rock mit Glam-Rock, 80er-Jahre-Pop à la Queen und klassischen Sinfonien. Dazu das Markenzeichen von Sänger Bellamy: die hohe Stimme. Die neuen Songs sind sogar noch ein wenig bombastischer als die Lieder von früher, noch ein wenig apokalyptischer, noch ein wenig pathetischer, noch ein wenig größenwahnsinniger. Böse Zungen würden sagen, Lieder wie "Supremacy" klingen so, wie ein Lied von Leni Riefenstahl sich anhören würde, wenn diese nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Komponistin agiert hätte.

Nirgendwo entfaltet sich die Bombast-Musik besser als auf einer großen Bühne, vor großem Publikum. Die Erwartungen der Fans an den Auftritt in der Olympiahalle sind dementsprechend hoch, nicht zuletzt, weil beim letzten Konzert in München von Muse vor drei Jahren mehrere 20 Meter hohe LED-Säulen aufgebaut wurden, die ein eindrucksvolles Bühnenbild abgaben.

Doch es überrascht erst einmal, dass Muse um 21.25 Uhr eine recht karge, schlichte Kulisse betreten. Kein Bühnenhintergrund, kein Glamour, kein Pomp. Sie spielen die ersten Takte, während sie sich dicht ans Schlagzeug drängen und nicht einmal das Publikum anblicken. Da haben ein Elton John oder ein Eric Clapton mehr Special-Effects zu bieten.

Schon nach wenigen Sekunden beginnt es dann doch gehörig zu blinken. Zwar nicht aus meterhohen Säulen, aber immerhin aus Bildschirmen, die auf dem Boden vor, hinter und neben der Bühne postiert sind. Laserstrahlen werfen zudem abstrakte, bunte Muster an die Decke der Halle, sogar die Gitarrenhälse der Musiker blinken grell. Beim vierten Lied, "Hysteria", schwebt plötzlich eine LED-Pyramide von der Decke herab und bleibt in einem sicheren Abstand über den Köpfen der Musiker hängen. Sänger Bellamy, ein schlacksiger, kaum 1,70 Meter großer Mann in enger schwarzer Hose wirkt nun noch schmächtiger. Für eine Kulisse des neuen James-Bond-Film "Skyfall" ist die Show von Muse im Jahre 2012 vielleicht ein bisschen dürftig.

Rettung ist nicht in Sicht

Bei "Falling Down" fällt LED-Herbstlaub von der Decke. Bei "Madness" werden Textpassagen in riesigen Lettern über die Bühne projiziert. Bei "Animals" zeigen sich Muse politisch: Ein Banker mit irrem Lachen wird eingeblendet, doch als die auf die Bühne projizierten Aktienkurse fallen und die Olympiahalle in einem Warn-Rot zu leuchten, verzieht sich das Gesicht des Bankers zu einem irren Schrei. Danach singt Bellamy "Explorers" mit der Songzeile: "Free me from this world." Rettung scheint also nicht in Sicht.

Manchmal geben sich Muse an diesem Abend mit überraschend einfachen Effekten zufrieden. Bassist Christopher Wolstenholme steht mit Mundharmonika vorne an der Bühne und stimmt einige Takte von "Spiel mir das Lied vom Tod" an, das nach und nach in das temporeiche "Knights of Cydonia" übergeht. Das Publikum jubelt.

Doch nach 18 Jahren im Musikgeschäft wirkt die Show von Muse mittlerweile ein wenig zu glatt, ein wenig zu routiniert. Bellamy beschränkt sich mit kurzen Ansagen auf Deutsch ans Publikum: "Vielen Dank" oder "Wie geht's München?". Emotionen sind den Musikern kaum anzumerken. Die Reaktionen, die sie beim Publikum erzielen wollen, wirken nach all den Jahren kalkuliert und einstudiert.

Nach zwei Stunden wird die letzte Zugabe angestimmt. Es ist natürlich der Olympia-Song "Survival". Während Bellamy schreit "Fight! Fight! Fight! Fight! Win! Win! Win! Win!", knallt es plötzlich wie bei einem Feuerwerk. Doch statt lodernen Flammen steigen Fontänen aus Rauch empor. Das Trio verbeugt sich kurz. Schon bald wollen sie für eine Stadiontour zurückkehren, die soll dann richtig bombastisch werden.