Münchner Seiten Jesuit in Dachau

Adam Kozłowieckis Erinnerungen an die Schikanen im KZ

Von Jakob Wetzel

Für Adam Kozłowiecki gab es etwas noch Schlimmeres als Auschwitz. Ein halbes Jahr lang war der polnische Jesuitenpater dort 1940 im Konzentrationslager eingesperrt; er sah willkürliche Prügelstrafen, stand auf dem Appellplatz tage- und nächtelang stramm, erduldete die Schikanen der Wachleute und sah Kollegen an Entkräftung sterben. Doch in Auschwitz hätten die Priester bei allem Leiden doch zumindest ihren guten Ruf behalten, schrieb er nach dem Krieg in seinen Erinnerungen. Später, im Konzentrationslager Dachau, sei ihnen auch dieser genommen worden. Da gab es Häme, antikirchliche Propaganda und die Feindschaft der anderen Häftlinge. Und für den Jesuiten war das "schmerzlicher als das ganze Strafexerzieren, die Schikanen, die Schläge und Tritte der SS-Männer".

Adam Kozłowiecki war fast sechs Jahre lang in deutscher Gefangenschaft; schlicht deswegen, "weil ihr eine Weltanschauung habt, die uns nicht gefällt", so sagte es ihm ein Schutzpolizist im polnischen Wiśnicz. Viereinhalb Jahre davon war Kozłowiecki im KZ Dachau. Seine Erinnerungen an diese Zeit wurden in Polen bereits im Jahr 1967 veröffentlicht; sie prägten das Bild der polnischen Kirche auf den Holocaust mit. Jetzt sind die Memoiren erstmals auch auf Deutsch erschienen. Und auch wenn es bereits viele Berichte von Überlebenden gibt über den Alltag in den deutschen Konzentrationslagern, auch über den in Dachau: Dieser ist anders.

Das liegt zum einen am geistlichen Tenor: Immer wieder ringt Kozłowiecki mit sich und seinem Groll, um Hass nicht mit Hass zu vergelten. Zumindest für sich selbst will er seine Menschlichkeit bewahren, auch und gerade an einem Ort, der diese Menschlichkeit zerstören soll. Zum anderen hat Kozłowiecki seine Erinnerungen zwar sämtlich nach dem Krieg niedergeschrieben, aber in Form eines Tagebuches. So hat er Raum, um minutiös zu schildern, was ihm widerfährt - und auch, um vom Schicksal vieler einzelner Priester zu berichten. Manche der exakten Daten habe er schätzen müssen, räumt er ein - doch auch wenn sein Gedächtnis in der Apathie im Lager zuweilen nachgelassen habe: Die erzählten Begebenheiten seien alle wahr.

Im KZ Dachau sperrten die Nationalsozialisten Priester aus ganz Europa in gesonderte Baracken; die meisten dieser Häftlinge kamen aus Polen. 1034 Priester wurden dort ermordet. Was Kozłowiecki betont, ist die besondere Perfidie des Lagers. Auf den ersten Blick sei es hier angenehmer gewesen als in Auschwitz: Es gab zumindest anfangs weniger Geschrei, weniger Schläge, leichtere Arbeit und mehr zu Essen. "Nach der Hölle von Auschwitz" komme ihm Dachau "wie ein Sanatorium vor", schreibt der Jesuit unter dem Datum des 12. Dezember 1940. Doch die Schikanen waren raffinierter. Da war etwa die geforderte Sauberkeit: Der geölte Boden musste stets glänzen, daher hatten die Häftlinge nur mit Socken in den kalten Baracken zu sitzen. An die Wände durfte kein Staub kommen. Das Aluminiumgeschirr musste blitzen - andernfalls wurde der gesamte Häftlingsblock bestraft. Die Arbeit wurde im Winter gezielt in die Länge gezogen, um die Häftlinge lange in der Kälte frieren zu lassen.

Der Jesuit erzählt von folternden Wachen, von Bauern, die entflohene Häftlinge sofort der Polizei meldeten - und auch von Gefangenen, die ihren Mitgefangenen gegenüber wüteten, um sich bei den SS-Leuten anzubiedern. Dabei rührt er auch an ein Tabu: an die Feindschaft zwischen deutschen und polnischen Priestern - zum Beispiel, weil nur die Deutschen die Kapelle im Lager benutzen durften und ihren polnischen Kollegen die geweihten Hostien vorenthielten. Bei solchen Erinnerungen schreibt Kozlowiecki, könne er gegen seinen Groll kaum ankämpfen.

Bald notiert er auch, dass Priester sterben. Anfangs sind es wenige, doch die Einträge werden immer mehr. An manchen Tagen nennt er ihre Namen nur noch in Form einer Liste, jeweils mit Alter und Heimatdiözese. Doch als das Lager befreit wird und SS-Wachleute von alliierten Soldaten misshandelt, zum Teil kurzerhand erschossen werden, fühlt er Mitleid. Er wolle Gerechtigkeit, schreibt er, keine Rache.

Adam Kozłowiecki ging nach dem Krieg auf Wunsch seines Ordens zunächst als Missionar nach Nordrhodesien, ins heutige Sambia. 1955 wurde er zum Bischof geweiht, im Jahr 1959 wurde er Erzbischof von Lusaka, schließlich Vorsitzender der sambischen Bischofskonferenz. 1964 wurde Sambia unabhängig, fünf Jahre später trat Kozłowiecki zurück, um Platz für einen einheimischen Kleriker zu machen. 1998 ernannte Papst Johannes Paul II. den bereits 87-Jährigen zum Kardinal. 2007 ist er gestorben.

Im Jahr 1972 aber hat Kozłowiecki Dachau ein weiteres und letztes Mal besucht. Er hielt in der Gedenkstätte eine Ansprache, beschwor die Kraft der Liebe: Im KZ Dachau habe er gelernt, wie sinnlos der Hass sei. Die Ansprache hat der Verlag dem Lagertagebuch beigefügt.

Adam Kozłowiecki: Not und Bedrängnis. Als Jesuit in Auschwitz und Dachau, Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 2016, 688 Seiten, 29,95 Euro.